(openPR) Mit einer mathematischen Formel kann dies jeder ganz einfach ausrechnen.
Das Medieninteresse an der Antrittsrede der Bundeskanzlerin ist sehr hoch. Zeitungen reservieren ihre Titelseite und immer mehr Sender übertragen die Großen Regierungserklärungen in voller Länge. Das Fernsehen ist mit mehreren Kameras vertreten, und Millionen von Zuschauern verfolgen das Ereignis live an ihren Bildschirmen oder in den Abendnachrichten. Damit hat die Antrittsrede von Angela Merkel eine herausragende Wirkung auf die gesamte Öffentlichkeit.
Aber versteht der politisch interessierte Zuschauer/Zuhörer letztendlich was da gesprochen wird?
Um zu überzeugen, muss die Kanzlerin verstanden werden. Ob es ihr gelingt, die Bevölkerung erfolgreich zu umwerben und sie für die Politik der nächsten Jahre zu gewinnen, hängt auch davon ab, wer ihre Worte versteht bzw. inwieweit ihre Regierungserklärung verständlich formuliert ist.
Und eine wissenschaftliche Messung der Verständlichkeit ist möglich.
Zwar gibt es in der Politikwissenschaft keine angemessenen Methoden, um die Verständlichkeit von Aussagen und Texten zu beurteilen. Einen geeigneten und gleichzeitig umfangreichen Werkzeugkasten an Analysekriterien bietet hier die in den USA entstandene Verständlichkeitsforschung.
Pionierstudie – So verständlich sind Kanzlerreden
In einer Pionierstudie wurden alle Großen Regierungserklärungen – von Konrad Adenauer bis Angela Merkel – einer umfassenden Verständlichkeitsanalyse unterzogen. Erzielt wurden die Verständlichkeitswerte mit der Formel des Schweizer Wissenschaftlers Toni Amstad.
Die Ergebnisse waren zum Teil verblüffend:
So reden Kanzler (und die Kanzlerin) verständlich, wenn sie (1) Erfolge oder Leistungen von sich, ihrer Partei oder der eigenen Regierung darstellen, (2) sich im Einklang mit der Öffentlichen Meinung befinden (3) oder die Opposition kritisieren. Diese Motive für verständliche Sprache konnte in allen bisher gehaltenen Großen Regierungserklärungen nachgewiesen werden.
Auf unverständliche Sprache treffen wir dann, wenn Kanzler und Kanzlerin Misserfolge, Probleme, Versäumnisse oder problematische Sachverhalte schildern, bzw. Themen darstellen, die in den Augen der Öffentlichkeit nicht prestigeträchtig oder „weniger wichtig“ sind.
Fazit: Wann werden wir die Rede verstehen und wann nicht?
Um das Ergebnis auf einen Nenner zu bringen, lässt sich festhalten: Geht es in einem Redeabschnitt um Erfolge, Leistungen und andere positive bzw. wichtige Inhalte, dann redet der Bundeskanzler / die Bundeskanzlerin verständlich: Die Sätze sind kurz und anschaulich, die verwendeten Wörter sind allgemein bekannt, die Kernaussage wird ausreichend wiederholt, und die Informationen erscheinen in einer sinnvollen Reihenfolge. Fazit: Wir verstehen den Bundeskanzler / die Bundeskanzlerin. Schwerer - teilweise unmöglich - fällt das Verständnis überall dort, wo Versäumnisse, Probleme, unangenehme, unvorteilhafte und auch uninteressante Themen angesprochen werden. Hier sind die Sätze des Kanzlers / der Kanzlerin länger, komplizierter und unstrukturierter; die Wörter sind ungeläufiger, abstrakter und fachspezifischer. Und nicht selten sind es gerade diese Redepassagen, die – bei genauer Betrachtung der Sachlage – nicht nur unverständlich, sondern auch unvollständig dargestellt sind. Fazit: In diesen Redepassagen verstehen wir den Bundeskanzler / die Bundeskanzlerin nicht: zumindest nicht beim ersten Mal Hören.
Vor allem am Tag von Angela Merkels zweiter Großer Regierungserklärung ist dies für Journalisten eine gute Möglichkeit, diese Antrittsrede auch einmal unter dem Blickwinkel der Verständlichkeit unter die Lupe zu nehmen.
Weitere Informationen über die Großen Regierungserklärungen von Adenauer bis Merkel, die Verständlichkeitsforschung sowie über die Untersuchen der Textverständlichkeit sämtlicher bis heute gehaltener Großen Regierungserklärung schildert die Studie „Wer versteht den Bundeskanzler“ von Marco Niecke.








