(openPR) Netphen-Deuz. Eigentlich kennt das ja fast jeder. Man trifft auf der Straße einen Menschen und weiß plötzlich den dazu gehörenden Namen nicht mehr. Oder: Ein Mann geht von der Küche ins Wohnzimmer. Dort angekommen, erinnert er sich plötzlich nicht mehr, warum er eigentlich dahin wollte. „Mit zunehmenden Alter nimmt die Gedächtnisleistung ab“, berichtete Dr. Mariana Kranich, Referentin des AWO-Fachforums Demenz und Behinderung. „Darüber allein muss sich noch niemand Sorgen machen“. Rund 70 interessierte Zuhörer, darunter Fachkräfte aus Wohnstätten, Werkstätten, der ambulanten Pflege, Seniorenzentren, Eltern und gesetzliche Betreuer, hingen der Psychogerontologin aus Köln in der Werkstatt Deuz fast zwei Stunden förmlich an den Lippen.
Mit vielen Beispielen aus der Praxis hatte die Fachfrau ihren Vortrag gespickt, um anschaulich erklären zu können, warum es selbst für Erfahrene so schwierig sein kann, beginnende Demenz bei einem Mensch mit geistiger Behinderung zu erkennen, geschweige denn mit den Veränderungen richtig umzugehen. Dass diese neue Herausforderung auf Angehörige und Fachkräfte der Behindertenhilfe aber in lawinenartiger Geschwindigkeit zurollt, belegte Dr. Mariana Kranich mit reichlich Zahlenmaterial.
In Deutschland als Gesellschaft im demografischen Wandel haben auch Menschen mit Behinderungen eine weit höhere Lebenserwartung, als in früheren Jahren angenommen. Daher müssen alte Eltern plötzlich miterleben, wie ihr behindertes, erwachsenes Kind erste Erscheinungen von Demenz zeigt. Und der Gruppenleiter einer Werkstatt oder der Bezugsbetreuer der Wohnstätte für behinderte Menschen sind mit Verhaltensveränderungen konfrontiert, die sie nicht zuordnen können.
Es ist die erste Generation behinderter Menschen, die in Deutschland nun ins Seniorenalter kommt. An einschlägigen Erfahrungen mangelt es daher, wie auch Manfred Daub, Bereichsleiter des AWO-Wohnstättenverbundes einräumte. Sowohl in den sieben Wohneinrichtungen der AWO im Kreis Siegen-Wittgenstein als auch in den Siegener Werkstätten beschäftigt man sich daher intensiv mit den Bedürfnislagen von behinderten Menschen fortgeschrittenen Alters. „Bereits im vergangenen Jahr hatten wir eine zweitätige Fortbildung dazu“, so Manfred Daub, Bereichsleiter Wohnen und Pflege. Für 2010 ist der fachliche Exkurs bereits terminiert.
Den behinderten Menschen sensibel zu beobachten, riet Dr. Mariana Kranich den Anwesenden, nur so ließe sich im Einzelfall etwa eine dem Alter entsprechende, nachlassende Gedächtnisleistung von Demenz unterscheiden. Testverfahren für die Allgemeinheit könne man hingegen oft bei geistig behinderten Menschen nicht anwenden, weil sie sehr auf die Sprachfähigkeit abzielten. Die Psychlogin rief Angehörige und Fachkräfte auf, selbst „eine prothetische Haltung“ einzunehmen. Wenn die Orientierung im gewohnten Umfeld nachließe, aus den vertrauten Menschen plötzlich Fremde werden, sollten sich alle Beteiligten Gedanken über sinnvolle Hilfestellungen und eine strukturelle Veränderung des Umfeldes machen.
Auch dazu nannte sie einige hilfreiche Beispiele. In einer Wohneinrichtung wurde beobachtet, wie behinderter Mensch mit Demenz seinen Kaffee aus der Zuckerdose trinken wollte. „Die Lösung war in diesem Fall ganz einfach. Beide Gefäße hatten Henkel und ähnelten sich äußerlich zu stark. Der Bewohner konnte sie nicht mehr auseinanderhalten, weil seine alltägliche Orientierung nachlie?. Als neue, sehr unterschiedliche Zuckerstreuer angeschafft wurden, war dieses Problem schnell behoben. Kranich: „Im Alltag sind viele Dinge nicht so eindeutig, wie wir denken.“











