(openPR) (Hall, 10.7.09) Was zu tun, ist das Richtige? Diese Frage ist wohl in kaum einem Bereich so schwer zu beantworten wie im Gesundheitswesen. Ob Vorbeugemaßnahmen, Therapien oder Alternativbehandlungen: was gestern noch gepriesen wurde, erscheint im Licht neuer Studien oft als unnötig oder gar gefährlich – bis die nächste Studie kommt, die wieder alles anders darstellt. Die ungeheure Flut wissenschaftlicher Daten und Erkenntnisse ist selbst für Experten kaum noch zu überblicken, die Interessen der Mitspieler im Gesundheitsweisen sind widersprüchlich oder sogar gegensätzlich, die öffentlichen Gelder sind knapp, die gesetzlichen Vorgaben streng – und die ethischen Fragen sind schwerwiegend. Nicht selten betreffen sie grundlegende Aspekte des Menschseins selbst und seiner Würde. Immer wichtiger wird daher die umfassende, wissenschaftlich fundierte, objektive Bewertung medizinischer Verfahren, das sogenannte Health Technology Assessment (HTA).
Es erscheint daher sinnvoll, HTA bereits von Anfang an bei der Entwicklung neuer Verfahren mit einzubeziehen, wie dies im Tiroler Krebsforschungszentrum Oncotyrol geschieht – dennoch ist es bisher in Österreich einmalig. „Die Einbindung von Health Technology Assessment in die angewandte Krebsforschung ist ein Alleinstellungsmerkmal von Oncotyrol“, betonte Prof. Lukas Huber, wissenschaftlicher Leiter des Zentrums kürzlich bei einem Treffen des Oncotyrol Forschungsbereichs 4. Dieser Forschungsbereich umfasst „Public Health Decision Modelling, Health Technology Assessment and Health Economics“ und wird von Prof. Uwe Siebert geleitet. Siebert hat an der UMIT, der privaten Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik in Hall, einen Lehrstuhl inne und lehrt auch an der Harvard University in Boston. Oncotyrol ist ein K1-Zentrum für angewandte Krebsforschung, an dem die drei Tiroler Universitäten gemeinsam mit industriellen und wissenschaftlichen Partnern aus dem In- und Ausland neue Therapien und Diagnoseverfahren der personalisierten Krebsmedizin entwickeln.
Messen klinische Studien das richtige Kriterium für die Wirksamkeit einer Therapie?
Eine vielbeachtete Publikation zu diesem Thema, die unter Mitwirkung von ONCOTYROL-Bereichsleiter Uwe Siebert fertiggestellt wurde, steht derzeit auf Platz sechs der meistzitierten Papers des International Journal of Technology Assessment in Health Care, der renommiertesten Fachzeitschrift dieses Bereichs. [1] In ihr werden von führenden internationalen Wissenschaftlern aus Europa und den USA grundlegende HTA-Prinzipien festgelegt. Eine weitere Veröffentlichung unter Beteiligung Sieberts befasst sich mit der Frage, ob das sogenannte progressionsfreie Überleben ein valider Endpunkt für klinische Studien ist [2]. Unter progressionsfreiem Überleben versteht man die Zeitspanne zwischen dem Start einer klinischen Studie und dem Beginn der Progression, also des Fortschreitens, einer Erkrankung. Das für den Patienten eigentlich entscheidende Kriterium ist aber die Verlängerung der Lebenszeit. Dennoch wird das progressionsfreie Überleben in klinischen Studien häufig als Ersatzkriterium (Surrogatmarker) für die Wirksamkeit einer Therapie verwendet, da es einfacher und schneller zu bestimmen ist. Unklar war bisher, inwiefern dieser Surrogatmarker tatsächlich mit der Verlängerung der Lebenszeit korreliert. Denn es ist ja möglich, dass eine Therapie zwar das Wachstum des Tumors eine Zeitlang stoppt, die Krankheit anschließend aber umso schneller voranschreitet. Daher war es wichtig, die Korrelation zwischen progressionsfreiem Überleben und Verlängerung der Lebenszeit zu bestätigen und zu quantifizieren, wie in der jüngsten Publikation für die Behandlung von Brustkrebs erfolgreich geschehen.
Oncotyrol-Forschungsbereich 4 in vollem Gange
Ziel des Forschungsbereichs 4 in Oncotyrol ist, die Ergebnisse, Strategien und medizinischen Interventionen, die in den anderen Oncotyrol-Forschungsbereichen entstehen, zu bewerten: Was bedeuten sie für den einzelnen Patienten und für das öffentliche Gesundheitswesen? Die wissenschaftlichen Projekte des Forschungsbereichs tragen dazu bei, klinische und Erstattungsentscheidungen zu unterstützen.
Die Public Health Experten der UMIT verwenden verschiedene mathematische Verfahren zur quantitativen Nutzen-Risiko-Bewertung, zur qualifizierten Entscheidungsfindung unter Berücksichtigung gegebener Unsicherheiten bis hin zu informationstechnologischen Simulationen einzelner Krankheits- und Behandlungsverläufe. Ihre Berechnungen und Bewertungen betreffen verschiedenen Entwicklungsstadien medizinischer Verfahren. So helfen sie, bereits die Erforschung neuer Verfahren in eine besonders erfolgversprechende Richtung zu lenken (frühes HTA). Sie tragen aber auch dazu bei, Routineverfahren mit Hilfe von Registern zu beobachten und wissenschaftlich auszuwerten. Eine besondere Herausforderung ist, die sehr unterschiedlichen Daten aus klinischer Forschung, aus Registern und aus der internationalen Fachliteratur zu integrieren und zu vergleichen, um zu einer möglichst umfassenden und fundierten Aussage zu kommen.
In einem der größten Einzelprojekte geht es darum, internationale Richtlinien für HTA für den Bereich der personalisierten Krebsforschung zusammenzutragen und zu vereinheitlichen.
Drei Forschungsprojekte erstellen Entscheidungsmodelle für die Behandlung von Prostatakrebs, Brustkrebs und Rheumatoider Arthritis. In zwei Projekten werden Register erstellt, die die Routinebehandlung zweier Blutkrebserkrankungen erfassen und in einem Informatik-Projekt wird eine Software zur technischen Verknüpfung und Integration von Daten verschiedensten Ursprungs entwickelt.
Nach einem Jahr Laufzeit sind die Forschungsprojekte im Forschungsbereich 4 in vollem Gange.
Was zu tun ist das Richtige? Die HTA-Forschung im Bereich von Oncotyrol versucht die Beantwortung dieser Frage - zumindest bezogen auf die personalisierte Krebsmedizin - etwas leichter zu machen.
[1] Drummond et al., International Journal of Technology Assessment in Health Care, 24:3 (2008), 244-258.
[2] Miksad et al., International Journal of Technology Assessment in Health Care, 24:4 (2008), 371-383








