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Ein Prognostiker blickt in die Zukunft

02.12.200809:16 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung
Bild: Ein Prognostiker blickt in die Zukunft
Die INUA verfolgt die Wiedereröffnung der ehrwürdigen reichsstädtischen Universität Nürnberg zu Altdorf. Ihr Programm verbindet ein humanistisch geprägtes ganzheitliches Bildungsprinzip mit Organisati
Die INUA verfolgt die Wiedereröffnung der ehrwürdigen reichsstädtischen Universität Nürnberg zu Altdorf. Ihr Programm verbindet ein humanistisch geprägtes ganzheitliches Bildungsprinzip mit Organisati

(openPR) In einer öffentlichen Vorlesung für die INUA sprach Leo A. Nefiodow in Altdorf über Konjunkturentwicklung, neue Wachstumsmärkte, die Situation der USA und stellte dem deutschen Gesundheitswesen ein schlechtes Zeugnis aus. Er beantwortete mit der „Theorie der langen Wellen“, warum die Weltwirtschaft in eine Rezession geht, und welche Innovationen wieder zum Aufschwung führen. Dabei plädiert Nefiodow für eine ganzheitliche Auffassung des Menschen und identifiziert informellen Fortschritt als Basis wirtschaftlicher Entwicklung.



In der Begrüßung stellte Geschäftsführer André Schlipp das Internationale Netzwerk für Universitäten – Altdorf eG und dessen Studienangebot vor. In ihren öffentlichen Vorlesungen sollten wie im angestrebten Studium Universale der INUA Zusammenhänge und aktuelle Bezügen aufgezeigt werden. Manfred Kuhlmann, INUA – Aufsichtsratsvorsitzender, bezeichnete in seiner Einführung die Krise des Kapitalismus als Chance, aus seinen Fehlern zu lernen. Die Kondratieff-Zyklen, in denen sich Prosperität und Rezession abwechseln, antworteten wissenschaftlich auf grundlegende Veränderungen und Wechselwirkungen in Wirtschaft und Gesellschaft.

Der Boom der Informations- und Kommunikationstechnik neigt sich seinem Ende zu

Der Zukunftsforscher Leo A. Nefiodow lässt Aussagen nur auf der Basis fundierter empirischer Erkenntnisse zu. Seine Untersuchungsmethode ist die Theorie der langen Wellen: Wir gehen davon aus, dass es nicht nur in der Natur Gesetzmäßigkeiten gibt, sondern auch in komplexeren Systemen wie Wirtschaft und Gesellschaft. In der Natur erlaubt Regelmäßigkeit sehr genaue Prognosen, solche Zyklen finden auch in der Wirtschaft statt. Grob vereinfacht können die Kondratieff-Zyklen als Sinuswellen dargestellt werden. Auslöser sind so genannte Basisinnovationen: Die Dampfmaschine führt zur modernen Fabrik und findet in der Textilindustrie ihre wichtigste Anwendung. Ist das Nutzungspotenzial einer Innovation erschöpft, fehlt der Wirtschaft die Lokomotive. Die folgende Rezession hält bis zur nächsten Erfindung an, die wieder Aufschwung bringt.
Bis zum vierten Kondratieff wurde Wachstum nur aus der Gewinnung von Energie gespeist: durch die Verbrennung von Kohle (Stahlindustrie), durch Petrochemie (Chemie- und Automobilindustrie), Elektrizität und Atomkraft (Computer, Informationstechnik). Seit der berühmten Studie des Club of Rome zu den Grenzen des Wachstums nach dem ersten Ölpreisschock in den 70er Jahren ist nicht mehr primär Energie entscheidend, sondern Information, eine immateriellen Größe. Zwar wird Energie neben der Information weiter eine Schlüsselrolle spielen. Es geht aber nicht mehr um bessere PCs oder schnelleres Internet. Eine Basisinnovation bedingt nicht nur die Entstehung einer ganz neuen Industrie, sondern eine Wertschöpfungskette, die die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft überdeckt.

In einem halben Jahrhundert wird sich die USA in ein großes Krankenhaus verwandelt haben

Neben bedeutsamen Wachstumsmärkten wie Tourismus oder Energie gibt es vier mögliche Bereiche für eine neue Basisinnovation: Information in Fortsetzung des aktuellen Zyklus, Bio- und Umwelttechnologien oder den Gesundheitsbereich. Nicht nur in den USA, auch in China, Singapur oder Australien hat der Bereich Life Sciences die oberste Priorität, der Markt die höchsten Steigerungsraten: Wer gestern und heute in Forschung investiert, schafft die Arbeitsplätze von morgen. Die Biotechnologie ist ein ganz heißer Kandidaten für den sechsten Kondratieff-Zyklus. Zwar ist das amerikanische Gesundheitswesen wenig vorbildlich, mit seinem freien Markt in seinen Entwicklungen und Trends aber beispielgebend. Die Ausgaben steigen von heute 16 % des BSP auf 20 % im Jahr 2020. Der Gesundheitsbereich (+ 130%) überflügelt den positiven Trend auf dem US-Arbeitsmarkt (30%), zwischen 2001 und 2007 entstanden dort 49 % aller Arbeitsplätze: Bis vor einem halben Jahr hatten die Amerikaner dank des Gesundheitssektors Vollbeschäftigung. Wir in Deutschland tun uns bei der Beschäftigung seit 2001 schwer, weil unsere Gesundheitspolitik das betreibt, was man Deckelung nennt. Der Gesundheitsmarkt konnte sich also nicht entfalten.

Man hat das Gefühl alles wird besser, nur eines wird nicht besser: Wir werden nicht gesünder

Der Weltmarkt für Gesundheit, der Medizintechnik, Pharma, Ernährung und Dienste umfasst, hat ein Volumen von weit über 8.000 Mrd. $ (viermal das BSP Deutschlands) und wird kontinuierlich größer. Dem steht eine Verdoppelung der Diabetiker oder der jugendlichen Allergiker (in zehn Jahren), die Verdoppelung der hellen Melanome (in sieben Jahren) gegenüber, psychische Erkrankungen, Krebs, Alzheimer, Parkinson, Rheuma oder Aids steigen kontinuierlich an, brechen früher aus oder verlaufen chronisch. Wir sind in eine Phase getreten, wo die Therapien nicht mehr heilen, sondern nur noch behandeln. Wir haben es heute mit Systemerkrankungen zu tun, die einfachen Krankheiten sind in der Vergangenheit heilbar gemacht worden.
In Deutschland versucht man, die steigenden Ausgaben zu deckeln, seit 1990 wurden neun Gesundheitsreformen durchgeführt. Mit der Konsequenz, dass sich weder der Markt entfaltet, die Behandlung verbessert, noch Personal oder finanzieller Spielraum der Ärzte erhöht werden. Der Hautarzt untersucht weiter nur die Haut des Neurodermitikers, geht aber den Ursachen der Krankheit nicht auf den Grund. Der Kardiologe behandelt Bluthochdruck mit Medikamenten oder überweist an andere Fachärzte. Früher machte die heilende Wirkung der Mittel gegen eine Erkrankung den Erfolg der Medizin aus, heute werden in Berlin und Brüssel die Mittel in Forschung, Therapie und Verwaltung von Krankheiten gesteckt.
Da wir in einer Zeit leben, wo sich viele Menschen erlauben können, sich wirklich um Gesundheit zu kümmern, gleichzeitig aber das vom Staat regulierte und mit zahllosen Vorschriften belegte System sich nicht bewegt, entsteht außerhalb der Schulmedizin das Neue bei Außenseitern. Tausende Biotech-Firmen, Wissenschaftler mit Risikokapital, Manager in Start-Ups und Ausgründungen bauen ein zweites Gesundheitswesen auf. Komplementäre und alternative Medizin behandeln endlich auch seelische, soziale oder spirituelle Störungen. Der Klett Verlag gründet in Hamburg eine Hochschule für Gesundheitswirtschaft, Sonderhefte und Beilagen über Gesundheit sind Beispiele für die enormen Zuwachsraten in den Medien, Wellness, Fitness oder Gesundheitstourismus beschleunigen den neuen Markt. Nefiodow sagt aber nicht: Wer heilt, hat Recht. Der Markt blüht unreguliert, Hochstapler und Scharlatane tummeln sich darin.

Die Schnittstelle Mensch-Mensch bekommt eine Schlüsselfunktion für Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität

Körperliche, geistige und seelische Gesundheit ist wie Fachwissen oder neue Technologien nicht zuletzt durch die Globalisierung und frei zugängliches Kapital ein wichtiger Standort- und Wettbewerbsfaktor: durch die Verlagerung der Arbeit in Teams, die Vernetzung des Wissens, durch Kommunikation in der Gruppe, zwischen Gruppen, zu Unternehmen, Kunden oder Banken. Wenn man die Unordnung zusammenzählt, d.h. die Verluste durch Gewalt, Kriminalität, Drogen, die Ausgaben für Energieverschwendung oder Militär, für innere Sicherheit, gegen Terrorismus summiert, kommt man auf ein Ergebnis von 14.000 Mrd. $ im Jahr, das ist mehr als das BSP der USA. Leo A. Nefiodow nennt das wieder Krankheitssektor. Die Ursachen für weltweite Entropie sind für ihn seelischer, geistiger, sozialer Natur, Beweis innerer und körperlicher Erkrankungen. In Systemtheorie ausgedrückt: Kennzeichen gestörter innerer Informationsverarbeitung, destruktiver Verhaltensmuster. Die Ursachen sieht er in Diskriminierung, seelischer Verletzung, Intoleranz, Verachtung, alles in allem nicht praktizierter Nächstenliebe. Kooperationsfähigkeit steht künftig mehr denn je als Schlüsselqualifikation im Mittelpunkt: in und zwischen Regierungen und ihren Organisationen, als Wertschöpfungsfaktor in Industrie und Unternehmen, durch veränderte konstruktive Wertebeziehungen in der gesamten Gesellschaft.


Weitere Informationen unter: www.inua-eg.de/aktuelles.html
Ausführliche Dokumentation: www.inua-eg.de/archiv.html

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