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Der Blick auf den Friedhof relativiert alles

24.11.200813:31 UhrKunst & Kultur

(openPR) Die Sterbegilde „Holmer Beliebung“ in dem schleswig-holsteinischen Fischerdorf Holm setzt eine über 350-jährige Tradition fort. Der Friedhof der Gilde steht im Zentrum der Ortschaft – räumlich und ideell.

Borken, den 24. November 2008. Wenn Klaus Nielsky aus seinem Wohnzimmerfenster blickt, dann schaut er direkt auf den nahezu kreisrunden Friedhof mit seiner Kapelle, der Einfassung aus Gitterstäben und den um die Anlage gepflanzten dichten Ring aus Lindenbäumen. Nielsky ist Schriftführer der Holmer Beliebung. Früher war er auch einmal Erster Ältermann, quasi der Vorstandsvorsitzende der Organisation. „Bei uns ist das aber eine sehr demokratische Angelegenheit. Jeder aus dem Vorstand ist abhängig vom Eintrittsalter mal an der Reihe, spätestens aber nach zehn Jahren“, so der 64-Jährige, der zwischen 1990 und 2002 auch Bürgermeister von Schleswig gewesen ist. Er gehört einer Vereinigung an, die auf eine lange Tradition zurückblicken kann. Genau gesagt bis 1650. Die Pestwellen forderten auch in den Jahren nach dem Dreißigjährigen Krieg noch unzählige Menschenleben in ganz Deutschland. Die vielen Toten lagen teilweise sogar einfach in den Straßen herum und wurden oft pietätlos entsorgt und beseitigt. Eine festliche Beisetzung und damit ein fester Ort der Ruhe auf einem Friedhof wurden in dieser Zeit schnell zur Ausnahme. In dem Fischernest Holm an der Schlei, jetzt ein Ortsteil von Schleswig, gründete sich deshalb die Holmer Beliebung als genossenschaftliche Sterbe- und Beisetzungsversicherung. Wer Mitglied wurde, hatte das damals ungewöhnliche Privileg, auf dem gildeeigenen Friedhof kostenlos und dennoch würdevoll begraben zu werden. Und dies gilt für die Mitglieder der Gilde bis heute.



Tradition unter Anklage
Mitte Juni, auf dem Festball der Beliebung, wird jeweils ein neuer Ältermann ins Amt eingeführt. Anschließend zieht die Beliebung in einem Ummarsch mitten in der Nacht zu Fuß und in Festgewand mit Zylinder und roter Rose im Knopfloch in Richtung Holm – begleitet von lauter und zünftiger Marschmusik. Ein Ritual, das von den Holmern und Schleswigern geschätzt, oft sogar geliebt wird. Für Nielsky ist es deshalb unverständlich, dass aufgrund der Beschwerde eines einzelnen Bürgers über Ruhestörung Schleswigs derzeitiger Bürgermeister Thorsten Dahl vor Monaten ein Verbot der musikalischen Begleitung bei den nächtlichen Umzügen erwirkt hat. Die Beliebung ging dagegen juristisch vor – und wusste die gesamte Gemeinde auf ihrer Seite. Der Schleswiger Bürgermeister hat seinen Widerspruchsbescheid gegen die Holmer Beliebung mittlerweile aufgehoben. Vorangegangen war ein Beschluss des Oberverwaltungsgerichts im Eilverfahren, nach dem weiterhin mit Musik marschiert werden könne. Klaus Nielsky kann sich über das rechtliche Vorgehen der Stadt nur wundern. Überall höre man, dass Bürger ermutigt werden, Traditionen zu erhalten und weiter mit Leben zu füllen. Dazu seien der Umzug der Beliebung als auch der Friedhof selbst wichtige touristische Attraktionen der Region, brächten der Stadt somit auch wirtschaftlichen Gewinn.

Tod und Friedhof gehören zum Leben
„Der Friedhof gehört zum Leben. Das ist bei uns kein einfaches Schlagwort, sondern drückt sich bei uns im Alltag selbst in der Sprache aus“ sagt Nielsky. „Wenn hier ein Vater zum Beispiel die Forderungen seines jugendlichen Sohnes nach einem neuen Moped ablehnt, dann sagt er, das käme nicht in Frage, bis er ‘über das Gitter ist‘. Das bezieht sich auf die Gitterumfassung unseres Friedhofs.“ Viel eindrucksvoller sei die Beziehung zum lokalen Friedhof an dem Engagement der Holmer zu erkennen. Letztes Jahr wurde ein Aufruf verfasst, der um Unterstützung beim Rückschnitt der den Friedhof umgebenden Linden bat. „Über 40 Leute aus der Ortschaft nahmen sich Zeit dafür. Mit Leitern und Baumscheren rückten sie an. Das machen die Leute nicht, wenn ihnen eine Sache nicht wirklich am Herz liegt.“
Mittlerweile ist eine Bestattung auf dem Friedhof nicht mehr kostenlos. Rund 11.000 Euro im Jahr verursacht er an Kosten, alles getragen durch die Mitgliedsbeiträge, aber auch durch eine Stiftung der Sparkasse und durch Spenden der Kirche. Steuermittel zur Aufrechterhaltung dieser historischen und identitätsstiftenden Anlage der Stadt werden nicht bereitgestellt. Die etwa 400 Mitglieder der Beliebung und ihre Familien haben immer noch einen Rechtsanspruch auf eine Stelle. Ein ehrenamtlicher Friedhofsverwalter kümmert sich auch um die Grabstellen derjenigen, die keine Familie haben, sowie um die allgemeine Infrastruktur wie das Wegenetz. Ansonsten erledigen die Pflege und Bepflanzung der Gräber die im Ort oder der Umgebung wohnenden Hinterbliebenen.

Es ist ein spezieller Ort. Das spürt der Besucher. Für Andreas Mäsing, Vorsitzender des Vereins zur Förderung der deutschen Friedhofskultur (VFFK), zeigt dieses Beispiel auf eindringliche Weise, dass wir trotz allen Wandels in Lebenseinstellung und Bewusstsein im Laufe der Geschichte für einen Ort der Erinnerung wie eben das Grab so intensiv empfinden: „Der Wunsch nach Nicht-vergessen-werden ist immer noch tief im Menschen verankert. In Holm bleiben Gräber oft siebzig, ja über hundert Jahre bestehen. Das verbindet die heute Lebenden mit ihren Vorfahren – und die Hoffnungen der einzelnen Menschen, niemals vergessen zu werden.“

Einige Leute meinen, so Nielsky, dass der ständige Blick aus dem eigenen Heim auf den Friedhof depressiv machen müsste. „Ganz im Gegenteil. Wenn ich aus dem Fenster blicke, dann weiß ich immer wieder: bei all der Hast und all dem Ärger im Alltagsleben, nimm es leicht, denn alles im Leben ist angesichts unseres letztendlichen Schicksals eben nur relativ.“

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