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Verschärfung des Jugendstrafrechts - für Wahlkampfgetöse ungeeignet

21.01.200815:51 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft
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Jugendhilfe und Betreuung
Jugendhilfe und Betreuung

(openPR) Zur gegenwärtigen Diskussion über eine Verschärfung des Jugendstrafrechts

Das gegenwärtige Wahlkampfgetöse ist völlig ungeeignet, ja kontraproduktiv bei dem Bemühen, dem anspruchsvollen Problem der Jugendgewalt gerecht zu werden. Typisch sind aufgeregte und unüberlegte Schnellschüsse und Aktionismen, wie sie unter anderem nach den Amokläufen von Erfurt und Emstetten von öffentlicher Seite dargeboten wurden. Sie verkörpern das Gegenteil von Handlungskompetenz.
Einfache und rasch hinausposaunte Rezepte sind völlig unwirksam. Sie sollen die Ratlosigkeit und mangelnde Reflektionsfähigkeit der Akteure verschleiern.

Über die Ursachen von körperlicher Gewalt bei Jugendlichen und Heranwachsenden ist viel geschrieben und publiziert worden. Es entspricht eigener Erfahrung, dass solche Mitteilungen von der Politik nicht zur Kenntnis genommen werden, Parteienstreit, Karrieredenken, Machtkämpfe, populistische Reaktionen auf Umfragen, etc. kosten wohl zu viel Zeit und stehen einer seriösen Auseinandersetzung mit den dringenden Zeitfragen entgegen.

Was ist gegenwärtig zu tun?
Beim Umgang mit gewalttätigen jungen Menschen lauert eine Falle, nämlich die, dass man in einen Zustand der moralischen Entrüstung verfällt, dann ist man auf der Seite „des Guten“, „auf der richtigen Seite“, man ist „besser“ und kann sich dem Gewalttätigen gegenüber als „überlegen“ erleben. Ein weiterer, in seiner Wirkung aber noch verhängnisvoller sich auswirkender „Vorteil“ ist: Man braucht sich mit der eigenen Aggressivität, die man in sich selbst hat, mit der gewalttätigen Seite bei sich selbst nicht auseinanderzusetzen, im Gegenteil, man kann diese getrost auf den anderen projizieren, der ja die Gewalttätigkeit manifest auslebt. Dadurch kommt es zu einer Aussonderung bzw. Ausstoßung des Anderen, dessen Gewalttätigkeit als fremd erlebt wird.

Derjenige, der Gewalt ausübt, wird noch fremdartiger, er gerät noch mehr in Isolierung. Die Distanz zur Gesellschaft, aus der er sich entfernt, wird immer größer. Das Problem der Jugendgewalt wird sicher nicht durch Ausgrenzung der Täter gelöst werden können, nach dem Motto, man muss sie nur hart bestrafen und einkerkern, dann sind wir von der Gewalt, vom Bösen, vom Ausländerhass befreit. Das bedeutet nicht, dass die Schuld, die gewalttätige und jugendliche Heranwachsende auf sich geladen haben, nicht anerkannt werden soll, im Gegenteil: sie muss nicht nur anerkannt und festgestellt, sondern sie muss auch sanktioniert werden!

Im Umgang mit steigender Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen und Heranwachsenden können einfache Strategien nicht wirksam sein. Sicher ist sinnvoll und zwingend notwendig eine harte Verfolgung und Bestrafung der Täter. Sicher ist wichtig eine Verbesserung der finanziellen Lage vor allem von sozial schwachen Familien. Dringend notwendig ist aber die Bereitstellung adäquater psychotherapeutischer und pädagogischer Hilfen für Familien, in denen emotionale Beziehungen grundlegend gestört sind, so dass sich ein kräftiges Selbst bei den jungen Individuen nicht entwickeln kann, das in der Lage ist, Wut, Aggression, Trauer, Schmerz, Enttäuschung in angemessenen Bahnen zu halten, so dass es nicht zu einer blindwütigen Ausuferung und Projektion auf andere kommt.


Wichtig für den Gewalttäter ist, dass er sich auch in der Sanktion, die gegen ihn ausgeübt wird, gehalten weiß, das heißt, dass er dahinter die Sorge der Gesellschaft spürt, dass es ihr um seine Weiterentwicklung, d. h. seine soziale Integration geht, die bislang ausgeblieben ist. Dazu gehört auch, dass die Gesellschaft anerkennt, dass die Gewalttäter zwar auf der einen Seite für ihre Taten zur Verantwortung gezogen, auf der anderen Seite aber auch ernstgenommen werden müssen in ihrer Gefühlswelt, d. h. in ihrem Schmerz, in ihrer verleugneten Angst und Trauer und ihrer Wut und ihrem Hass, der ja häufig dem eigenen Selbst gilt. Wenn wir empathisch auf Schmerz und Leid der Betroffenen eingehen können, dann erst können sie sich ernstgenommen fühlen und ihrerseits auch allmählich empathisch auf andere eingehen und ihren Hass mildern. Wenn wir verstehen, dass Gewalttätigkeit letztlich als Ausdruck enttäuschter Liebesgefühle (A. Gruen) anzusehen ist, dann können wir einen anderen und besseren Zugang finden als nur den der Strafe, der für sich allein ja auch nur wieder Ausdruck von Gewalt ist. Wenn die jugendlichen Gewalttäter das Gefühl bekommen könnten, auch in ihrer Destruktivität ernstgenommen zu werden, das heißt, wenn sie die Bereitschaft der Gesellschaft spüren können, sich um deren Integration anstelle von Ausgrenzung zu bemühen, dann könnte es ihnen auch gelingen, die innere Leere auszufüllen mit positiven Gefühlen der Selbstachtung und der Achtung anderen gegenüber.

Notwendige Voraussetzung für diesen zugegebenermaßen sehr schwierigen Prozess des Einfühlens in die seelischen Probleme des Täters ist, dass auch wir uns mit unseren fremden und abgelehnten Anteilen unserer Persönlichkeit auseinandersetzen, vor allem aber unliebsame und nichttolerierte Gefühle auf erlebte Traumatisierungen wie Enttäuschung, Schmerz, Rachsucht und Wut gleichfalls wahrnehmen und erkennen, dass auch wir nicht davor gefeit sind, diese Gefühle in uns selbst abzuspalten und nach draußen, auf den anderen, und, in unserem Fall natürlich, auf den bösen Gewalttäter zu projizieren.

Es ist also eine moralische Kraft von uns allen notwendig: Die Gewalttätigkeit anderer nicht unsererseits abzuspalten und als Problem eben des anderen hinzustellen, sondern zu akzeptieren, dass wir selbst auch unsere Probleme mit Aggressivität haben, und zu sehen, dass Gewalttätigkeit immer Ausdruck von persönlichem, emotionalem Leid ist, das es zu lindern gilt. Es geht also darum, dass auch wir ehrlich mit uns selbst umgehen, was wiederum Voraussetzung dafür ist, dass wir den Gewalttätigen echte Sicherheit und Geborgenheit bieten können, wo sie Vertrauen finden können, das sie bisher an ideologischen Verzerrungen und rechts- oder linksextremen Banden zu finden glaubten. Ein „Wertewandel“ von dem so viel gesprochen wird, ist sicher nur ein leeres Schlagwort, es geht nicht um eine Wandlung von Werten, sondern um eine Verwirklichung von Werten.

Prof. Dr. Chr. Eggers, Emeritus für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität Duisburg-Essen

Nähere Hintergrundinformationen haben wir auf unserer Website zusammengestellt: www.eggers-stiftung.de

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