(openPR) Köln, 24. Oktober 2026 – Das Pfälzische Oberlandesgericht Zweibrücken hat entschieden, dass gewöhnlicher alters- und laufleistungsbedingter Verschleiß bei einem älteren Gebrauchtwagen nicht ohne Weiteres einen Sachmangel darstellt. Für Käufer und Verkäufer gebrauchter Fahrzeuge kommt es damit maßgeblich darauf an, welche Beschaffenheit nach Alter, Laufleistung und Zustand des Fahrzeugs erwartet werden durfte.
OLG Zweibrücken grenzt Mangel und Abnutzung ab
In dem Verfahren ging es um einen acht Jahre alten Mercedes Benz ML 420 CDI, der beim Kauf bereits eine Laufleistung von mehr als 200.000 Kilometern aufwies. Rund vier Wochen nach Übergabe und nach weiteren etwa 7.000 Kilometern blieb das Fahrzeug wegen eines Motorschadens liegen. Ursache war eine Undichtigkeit an der Zylinderkopfdichtung. Der Käufer verlangte daraufhin vom Verkäufer Ersatz der Reparaturkosten.
Das Landgericht Landau in der Pfalz hatte die Klage mit Urteil vom 20. März 2020 abgewiesen. Das Berufungsverfahren vor dem Pfälzischen Oberlandesgericht Zweibrücken endete mit Urteil vom 19. Dezember 2024, Az. 6 U 19/20; ob die Entscheidung rechtskräftig ist, ist nach dem vorliegenden Stand nicht bekannt. Der 6. Zivilsenat bestätigte die erstinstanzliche Entscheidung. Nach den Feststellungen des Gerichts war das Fahrzeug bei Übergabe nicht mangelhaft im Sinne des Kaufrechts.
Maßgeblich war ein gerichtlich eingeholtes Sachverständigengutachten. Danach führte ein bereits vorhandener Verschleiß an der Zylinderkopfdichtung später zur Undichtigkeit. Das Oberlandesgericht bewertete diesen Zustand jedoch als typische alters- und laufleistungsbedingte Abnutzung. Bei einem Fahrzeug dieses Alters und mit einer Laufleistung von mehr als 200.000 Kilometern müsse ein Käufer mit entsprechenden Verschleißerscheinungen rechnen.
Käufererwartung richtet sich nach dem konkreten Fahrzeug
Die Entscheidung knüpft an die Grundsätze des Kaufrechts an, insbesondere an § 434 Abs. 1 BGB, § 437 Nr. 3 BGB und § 281 BGB. Ob ein Sachmangel vorliegt, hängt nicht allein davon ab, dass ein Defekt nach dem Kauf auftritt. Entscheidend ist vielmehr, ob die Ist-Beschaffenheit bei Gefahrübergang von der geschuldeten Beschaffenheit abweicht. Bei gebrauchten Sachen wird diese Erwartung wesentlich durch Alter, Laufleistung, Nutzung und den erkennbaren Gesamtzustand geprägt.
Das Gericht stellte zudem klar, dass Verkäufer nicht generell auf natürliche Alterungsprozesse und die begrenzte Lebensdauer einzelner Bauteile hinweisen müssen. Dies gilt jedenfalls für nicht sichtbar hervorgetretene Verschleißerscheinungen, die bei einem gebrauchten Fahrzeug nach den Umständen üblich sind. Käufer können bei einem älteren Gebrauchtwagen mit hoher Laufleistung nicht dieselbe Haltbarkeit erwarten wie bei einem Neuwagen. Gleichwohl bleibt stets der Einzelfall entscheidend, etwa wenn besondere Zusagen gemacht wurden oder ein untypischer Schaden vorliegt.
Für die Praxis lassen sich aus der Entscheidung mehrere Punkte ableiten:
- Alter und Laufleistung prägen die berechtigte Erwartung an die Beschaffenheit eines gebrauchten Fahrzeugs.
- Gewöhnlicher Verschleiß begründet nicht automatisch Gewährleistungsrechte oder Schadensersatzansprüche.
- Konkrete Vereinbarungen zur Beschaffenheit können für die Risikoverteilung im Kaufvertrag entscheidend sein.
- Sachverständigengutachten können bei der Abgrenzung zwischen Mangel und Abnutzung eine zentrale Rolle spielen.
Bedeutung für Verträge über gebrauchte Waren
Die Entscheidung betrifft unmittelbar den Kauf eines gebrauchten Kraftfahrzeugs, kann aber auch über den Fahrzeughandel hinaus relevant sein. Bei gebrauchten Maschinen, generalüberholter Technik, Haushaltsgeräten oder Secondhand-Ware stellt sich ebenfalls häufig die Frage, ob ein später auftretender Defekt auf einem Sachmangel oder auf normaler Abnutzung beruht. Für Unternehmen, Händler und Investoren kann diese Abgrenzung erhebliche wirtschaftliche Folgen haben. Sie beeinflusst Gewährleistungsrechte, Schadensersatzforderungen und die Gestaltung von Haftungsregelungen.
„Die Entscheidung zeigt, dass die vertraglich geschuldete Beschaffenheit bei gebrauchten Sachen sorgfältig bestimmt werden muss“, sagt Rechtsanwalt Michael Rainer, MTR Legal Rechtsanwälte. „Für Unternehmen und Investoren ist besonders wichtig, Risiken aus Alter, Nutzung und Verschleiß bereits bei Vertragsabschluss realistisch einzuordnen.“
Betroffene sollten bei Streitigkeiten über gebrauchte Waren prüfen lassen, welche Beschaffenheit vereinbart wurde und welche Erwartungen nach den Umständen berechtigt waren. Von Bedeutung sind dabei unter anderem Kaufvertrag, Übergabeprotokolle, Angaben des Verkäufers, Laufleistung, Alter und vorhandene Gutachten. Für Verkäufer kann eine klare Dokumentation des Zustands helfen, spätere Auseinandersetzungen einzugrenzen. Käufer sollten vor Abschluss eines Vertrags darauf achten, welche Eigenschaften zugesichert werden und welche altersbedingten Risiken erkennbar sind.
Weitere Informationen: https://www.mtrlegal.com/olg-zweibruecken-zu-verschleiss-bei-aelteren-gebrauchtwagen/

MTR Legal Rechtsanwälte ist eine bundesweit und international tätige Full-Service-Wirtschaftskanzlei. Die Sozietät berät Unternehmen, institutionelle Investoren und vermögende Privatpersonen in den Bereichen Gesellschafts-, Steuer-, Handels-, Vertrags-, Vertriebs-, Kapitalmarkt- und Bankrecht.












