openPR Recherche & Suche
Presseinformation

Folter als Mittel der Wahrheitsfindung?

24.04.200711:17 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft

(openPR) Rintelner Juristen waren Hardliner bei der Führung von Hexenprozessen

(cok) Schon im 17. Jahrhundert wurde an der Rintelner Universität über das Thema Folter als Mittel der Wahrheitsfindung gestritten. Zwei Männer standen für zwei extreme Positionen.


Die kleine Universität in Rinteln, die 1621 von Fürst Ernst gegründet wurde und bis 1810 Bestand hatte, sie war eine überregional eher unauffällige Lehranstalt. Ihrer juristischen Fakultät aber kam im weiteren Umkreis, bis hin nach Minden, Lemgo, Loccum, ja Bremen, eine gewichtige Bedeutung zu: Wurde nämlich irgendwo ein Mensch der Hexerei verdächtigt, dann waren es die Juristen an der „Ernestina“, die entschieden, ob er angeklagt werden könne und wenn ja, mit welchen Mittel er zu befragen sei. Fast immer wurde auf die „peinliche Befragung“ erkannt, die Folter. Und fast immer hatte das ein Todesurteil zur Folge.
Trotzdem kann man nicht sagen, das die allgemeine Rechtsprechung ein willkürliches, chaotisches System darstellte, das keine Vorstellung von Wahrheit und Gerechtigkeit gehabt hätte. Keine Stadt, keine Gemeinde durfte einen Menschen der Hexerei anklagen, ohne die Zustimmung der juristischen Fachleute einzuholen. Und kam es dann zur Anklage, so musste es für eine rechtmäßige Verurteilung auch ein Geständnis geben. Nur wenn die universitären Juristen zu dem Schluss kamen, dass jemand sich höchstwahrscheinlich auf „verstocktes Leugnen“ verlegte, dann erst durfte zur „peinlichen Befragung“ gegriffen werden. Und sollte nach einer ersten Folter immer noch Zweifel an Schuld oder Unschuld der potentiellen Hexe bestehen, mussten weitere „Befragungen“ erst genehmigt werden.
Theoretisch also bestand durchaus die Möglichkeit, dass sich die Unschuld einer Verdächtigen herausstellen konnte. Praktisch aber war eine Feststellung von Schuld oder Unschuld zunächst so gut wie unmöglich. Wie sollte sich auch mit Sicherheit feststellen lassen, ob, zum Beispiel, eine Kuh deshalb erkrankt war, weil man sie verzaubert hatte? Ob jemand am Hexensabbat teilgenommen hatte oder nicht (jeder Zeuge wäre seinerseits in den Verdacht der Hexerei gekommen)? So ist es kein Wunder, dass im Mittelpunkt der Hexenprozesse die Folter stand, stehen musste, um überhaupt zu einem Ergebnis zu kommen, das dann nichts anderes sein konnte, als ein Geständnis der Angeklagten als dem einzig wahren „Beweis“.
In diesem Sinne tonangebend war an der Rintelner „Ernestina“ der ostwestfälische Professor Hermann Goehausen mit seiner durchaus naheliegenden Grundthese, dass Hexen ihre Hexerei nur dann zugeben würden, wenn man sie der Folter unterwerfe. 1630 wurde beim Rintelner Universitätsdrucker Peter Lucius sein Buch „Processus Juridicus“ gedruckt, in dem er, in durchaus aufrichtiger Überzeugung zur Gerechtigkeit beizutragen, die Folter als das bei diesen „Sonderverbrechen“ einzig brauchbare „Mittel der Wahrheitsfindung“ herausstellt. Noch Jahrzehnte später bezogen sich seine Nachfolger an der „Ernestina“ auf sein Buch, wenn sie um Gutachten in Sachen Hexenprozesse gebeten wurden.
Tröstlich für die Stadt Rinteln ist, aus historischer Sicht, dass ebenfalls bei Peter Lucius nur ein Jahr später, ein höchst beeindruckendes und bewegendes Werk in Auftrag gegeben wurde, das noch heute als Glanzbeispiel aufklärerischer Argumentation zählen kann: Friedrich von Spees „Cautio Criminalis“. In einem leidenschaftlichen Plädoyer gegen die Anwendung der Folter, bestehend aus 50 Fragen und Antworten, liefert er alle Pro und Contras, die auch heute noch in der Diskussion um die Folter relevant sind.
Auch Spee geht, wie Goehausen, davon aus, dass Menschen erst dann Verbrechen der Hexerei gestehen, wenn man sie foltert. Allerdings kommt er zum gegenteiligen Schluss. Nicht als Mittel der Wahrheitsfindung könne die Folter gelten, sondern nur als ein Mittel, Angeklagte dazu zu zwingen, alles zu gestehen, was man nur von ihnen erwarte: „Man erfinde irgendein grässliches Verbrechen, von dem das Volk Schaden befürchtet. Man verbreite ein Gerücht darüber und lasse die Gerichte dagegen einschreiten mit denselben Mitteln, wie sie jetzt gegen das Hexenunwesen angewandt werden. Ich verspreche, dass ich mich der allerhöchsten Obrigkeit stellen und lebend ins Feuer geworfen werden will, wenn es nach kurzer Zeit in Deutschland nicht ebenso viele dieses Verbrechens Schuldige geben sollte, wie es jetzt der Magie Schuldige gibt.“
Die ehemalige „Ernestina“ hat längst ihre Tore geschlossen. Seit drei Jahren aber können angehende Studenten an der „Sommeruniversität Rinteln“ eine Woche lang zur Probe studieren. Vom 21. bis zum 27. Juli 2007 werden dort wieder alle gängigen Fachrichtungen in über 60 Lehrveranstaltungen angeboten, darunter auch Seminare rund um juristische Problemstellungen. Ein Professor Goehausen allerdings, der wird dort nichts zu sagen haben. Infos zur Sommeruniversität unter www.sommeruni-rinteln.de oder Tel.: 05751/ 89020.

Diese Pressemeldung wurde auf openPR veröffentlicht.

Verantwortlich für diese Pressemeldung:

News-ID: 131697
 2041

Kostenlose Online PR für alle

Jetzt Ihren Pressetext mit einem Klick auf openPR veröffentlichen

Jetzt gratis starten

Pressebericht „Folter als Mittel der Wahrheitsfindung?“ bearbeiten oder mit dem "Super-PR-Sparpaket" stark hervorheben, zielgerichtet an Journalisten & Top50 Online-Portale verbreiten:

PM löschen PM ändern
Disclaimer: Für den obigen Pressetext inkl. etwaiger Bilder/ Videos ist ausschließlich der im Text angegebene Kontakt verantwortlich. Der Webseitenanbieter distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten Dritter und macht sich diese nicht zu eigen. Wenn Sie die obigen Informationen redaktionell nutzen möchten, so wenden Sie sich bitte an den obigen Pressekontakt. Bei einer Veröffentlichung bitten wir um ein Belegexemplar oder Quellenennung der URL.

Pressemitteilungen KOSTENLOS veröffentlichen und verbreiten mit openPR

Stellen Sie Ihre Medienmitteilung jetzt hier ein!

Jetzt gratis starten

Weitere Mitteilungen von ROBIN, VHS Schaumburg

„Sommeruni Rinteln“ bietet Studienerfahrung
„Sommeruni Rinteln“ bietet Studienerfahrung
Hannover / Rinteln - Vor dem Hintergrund des deutlichen Anstiegs der Studierendenzahlen und den Bemühungen des Landes, bis 2010 insgesamt 9500 zusätzliche Studienplätze zu schaffen, verdient ein Projekt in der ehemaligen Universitätsstadt Rinteln besondere Aufmerksamkeit. Hier wird in einer Kooperation zwischen der Leibnitz Universität Hannover (Zentrale Einrichtung Weiterbildung) und dem Landkreis Schaumburg bereits zum dritten Mal eine „Sommeruniversität“ für Schüler durchgeführt, die unter dem Motto „Studieren probieren“ steht. Vom 21. bis…
Studieren vor dem Studium: Sommeruniversität Rinteln
Studieren vor dem Studium: Sommeruniversität Rinteln
Ein bundesweit einmaliges Angebot zur Studienorientierung für künftige Abiturienten. An die 9000 Studienmöglichkeiten und mehr als 330 Hochschulen in Deutschland machen die Entscheidung für ein Studienfach und einen Studienort nicht gerade leicht. Das zeigt bereits die Tatsache, dass 25 Prozent derjenigen, die ein Studium beginnen, über kurz oder lang das Handtuch werfen, aufgeben oder das Studienfach wechseln - eine Situation, die sich immer weniger Studenten bzw. Eltern leisten können angesichts der fälligen Studiengebühren. Mit dem Proj…

Das könnte Sie auch interessieren:

Bild: Das TCHRD erinnert an den 11. Internationalen Tag zur Unterstützung der FolteropferBild: Das TCHRD erinnert an den 11. Internationalen Tag zur Unterstützung der Folteropfer
Das TCHRD erinnert an den 11. Internationalen Tag zur Unterstützung der Folteropfer
Heute erinnert das Tibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie (TCHRD) daran, daß sich der von den Vereinten Nationen geschaffene Internationale Tag zur Unterstützung der Folteropfer zum elften Male jährt, um der Schmerzen und Leiden zu gedenken, die Opfer und Überlebende der Folter auf der ganzen Welt erdulden mußten. 1984 nahm die Generalversammlung …
Bild: Das TCHRD gedenkt des Internationalen Tags für die Unterstützung der FolteropferBild: Das TCHRD gedenkt des Internationalen Tags für die Unterstützung der Folteropfer
Das TCHRD gedenkt des Internationalen Tags für die Unterstützung der Folteropfer
Die Vereinten Nationen haben den 26. Juni als den Internationalen Tag zur Unterstützung von Folteropfern erkoren. Wir begehen diesen Tag nun zum dreizehnten Male. In Anbetracht der Bedeutung dieses Tages bekundet das TCHRD seine Solidarität mit den Opfern von Folter in der ganzen Welt, denn es weiß um den Schmerz und das Leid der Opfer und der Überlebenden …
Bild: China verurteilt Tulku Phurbu Tsering zu achteinhalb Jahren GefängnisBild: China verurteilt Tulku Phurbu Tsering zu achteinhalb Jahren Gefängnis
China verurteilt Tulku Phurbu Tsering zu achteinhalb Jahren Gefängnis
… kämen, noch die Fingerabdrücke darauf untersucht wurden. Es heißt, der Tulku sei im Bezirkshaftzentrum in Drango (chin. Luhuo), wo er zuerst inhaftiert war, vier Tage und Nächte gefoltert worden, um ihn zu einem Geständnis zu zwingen. Nach Auskunft seines Anwalts drohte die Polizei sogar, seine Frau und seinen Sohn festzunehmen, falls er sich nicht gefügig …
Claudia Roth zum Internationalen Tag zur Unterstützung von Folteropfern am
26. Juni
Claudia Roth zum Internationalen Tag zur Unterstützung von Folteropfern am 26. Juni
Claudia Roth zum Internationalen Tag zur Unterstützung von Folteropfern am 26. Juni Die Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt, Claudia Roth, erklärte zum morgigen (26. Juni) Internationalen Tag zur Unterstützung von Folteropfern: "Folter ist eine der grausamsten Verletzungen der Menschenrechte. …
Bild: BVerfG: Auch Zivilrichter muss sich für Wahrheitsfindung interessierenBild: BVerfG: Auch Zivilrichter muss sich für Wahrheitsfindung interessieren
BVerfG: Auch Zivilrichter muss sich für Wahrheitsfindung interessieren
… wenig in das Protokoll aufgenommen wie der Antrag eines Rechtsanwalts, das Verfahren auszusetzen. Nachdem der Anwalt dem Richter vorgehalten hatte, dass auch er der Wahrheitsfindung verpflichtet sei, meinte dieser: „Die Wahrheit interessiert mich nicht.“ Die Versuche, den Richter wegen Besorgnis der Befangenheit abzulehnen, seien sowohl beim LG Chemnitz …
Bild: Das TCHRD begeht den 12. Internationalen Tag der Vereinten Nationen zur Unterstützung der FolteropferBild: Das TCHRD begeht den 12. Internationalen Tag der Vereinten Nationen zur Unterstützung der Folteropfer
Das TCHRD begeht den 12. Internationalen Tag der Vereinten Nationen zur Unterstützung der Folteropfer
Das Völkerrecht legt fest, daß Folter und andere Formen der grausamen, unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung oder Strafe unter keinen Umständen zu rechtfertigen sind. Das Tibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie (TCHRD), tchrd.org, gedenkt am zwölften des von den Vereinten Nationen eingeführten Internationalen Tags der Folteropfer …
Jan Philipp Reemtsma im Interview - Folter im Rechtsstaat?
Jan Philipp Reemtsma im Interview - Folter im Rechtsstaat?
… Deutsche Literatur an der Universität Hamburg und Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung, hielt in Berlin einen Vortrag zum Thema seines neuen Buches „Folter im Rechtsstaat?“. Nach dem Vortrag beim Deutschen Institut für Menschenrechte führte audio:link Die Internet Audioagentur ein Interview mit Prof. Reemtsma. Eine Audiodatei des Gespräches …
Mitteilung zum Internationalen Tag zur Unterstützung von Folteropfern
Mitteilung zum Internationalen Tag zur Unterstützung von Folteropfern
Am 26. Juni 2007 jährte sich der von den Vereinten Nationen begangene Internationale Tag zur Unterstützung von Folteropfern zum zehnten Mal. Auch das Tibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie, tchrd.org, gedachte an diesem Tag der Folteropfer in aller Welt. Folter ist eine der schwersten Formen von Menschenrechtsverletzung, und in der ganzen …
Bild: „Die gefolterte Wahrheit“ - Chinas grausame Folterpraxis in TibetBild: „Die gefolterte Wahrheit“ - Chinas grausame Folterpraxis in Tibet
„Die gefolterte Wahrheit“ - Chinas grausame Folterpraxis in Tibet
… Internationalen Tag der Menschenrechte veröffentlichte Free Tibet Campaign ein Dossier „The Tortured Truth“ (1) mit einigen Beispielen für die immer schlimmer werdende Folterung und Mißhandlung, die chinesische Beamte gegenüber Tibetern anwenden. Obwohl Folter vom chinesischen Gesetz verboten ist, verhindert die chinesische Regierung in Wahrheit die …
Bild: Nur wenige Staaten haben Folter wirklich abgeschafft - Menschenrechtsexperte Manfred Nowak zieht BilanzBild: Nur wenige Staaten haben Folter wirklich abgeschafft - Menschenrechtsexperte Manfred Nowak zieht Bilanz
Nur wenige Staaten haben Folter wirklich abgeschafft - Menschenrechtsexperte Manfred Nowak zieht Bilanz
… so dass die meisten Folterknechte straffrei bleiben. In ihrem "Krieg gegen den Terror" hat die Bush-Regierung sogar versucht, die Folter als notwendiges Instrument zur Wahrheitsfindung wieder zu legitimeren. In seinem Buch berichtet Manfred Nowak • über die Folter und ihre Ursachen • von seiner Arbeit, den Methoden zur Untersuchung der Folter und den …
Sie lesen gerade: Folter als Mittel der Wahrheitsfindung?