openPR Recherche & Suche
Presseinformation

Präzisionsschub für die Quantensensorik

13.04.202608:54 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung

(openPR) Ein zentraler Faktor für die Leistungsfähigkeit von Sensoren ist die Geschwindigkeit, mit der das System nach einer Störung beziehungsweise Messung in seinen Ausgangszustand zurückkehrt, ähnlich wie das Tarieren einer Waage. Bei dem untersuchten Quantensensor entspricht dies dem Übergang von Elektronen aus einem energetisch angeregten in den Grundzustand. Hierbei verharren die Elektronen allerdings für eine kurze Zeit in einer Art „metastabilem Zwischenzustand“. Ein Team von Physikern der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) hat jetzt diese „Wartezeit“ in einem zweidimensionalen Material direkt gemessen: Sie dauert exakt 24 Milliardstel Sekunden.

Dieses Wissen ist vor allem für die Quantentechnologie von Bedeutung. Auf seiner Basis lässt sich die Genauigkeit atomarer Sensoren deutlich steigern; das ebnet den Weg beispielsweise für eine medizinische Diagnostik der Zukunft. Verantwortlich für die jetzt in der Fachzeitschrift Science Advances veröffentlichte Studie war Professor Vladimir Dyakonov, Leiter des Lehrstuhls für Experimentelle Physik VI (EPVI).

Fehlstellen als Grundlage von Quantensensoren

Zum Hintergrund: In der modernen Quantentechnologie bilden sogenannte atomare Fehlstellen in Festkörpern die Grundlage für präzise Messinstrumente. Lange Zeit galt Diamant als Standardmaterial für die Quantensensorik, da seine dreidimensionale Kristallstruktur effektiv vor Störeinflüssen von außen schützt. Fehlt in dem normalerweise perfekten Gitter von Kohlenstoffatomen eines dieser Atome, fungiert dieser Defekt als winziger Quantensensor, dessen Eigenschaften man mit Lasern und Mikrowellen kontrollieren kann.

Das Problem dabei: Im dreidimensionalen Diamantgitter ist der Abstand zwischen dem Sensor-Defekt und dem zu untersuchenden Objekt relativ groß, was die Signalstärke reduziert. Anders verhält es sich bei dem Material, das das Würzburger Team untersucht hat: hexagonales Bornitrid (hBN) – ein zweidimensionales Material, das aus einer einzelnen Lage von Atomen aufgebaut ist.

„Im Gegensatz zu 3D-Kristallen erlaubt hBN die Positionierung von Spin-Defekten mit atomarer Präzision innerhalb einer sehr dünnen Schicht“, erklärt Vladimir Dyakonov den entscheidenden Vorteil dieses Materials. Dies ermöglicht einen deutlich geringeren Abstand zum Messobjekt und damit eine stärkere Wechselwirkung. Insbesondere die negativ geladenen Bor-Fehlstellen sind vielversprechend, da sie auch bei Raumtemperatur optisch adressierbar sind. Um das Potenzial dieser 2D-Sensoren voll auszuschöpfen, reicht die bloße räumliche Nähe jedoch nicht aus; es ist zwingend erforderlich, die interne „Uhr“ und die dynamischen Prozesse dieser Defekte genau zu verstehen.

Elektronen verharren in einer Warteschleife

Die Geschwindigkeit, mit der das System nach einer optischen Anregung in seinen Grundzustand zurückkehrt, ist dabei ein entscheidender Faktor. Ein sogenannter „metastabiler Zwischenzustand“, bildlich gesprochen eine Art Parkplatz oder ein Wartezimmer für Elektronen, nimmt dabei eine wichtige Rolle ein: Bevor Elektronen in den Grundzustand zurückkehren können, verweilen sie kurzzeitig in diesem Zustand, was die Abfolge der Messzyklen begrenzt.

Bisher basierte das Wissen über diesen Zwischenzustand primär auf theoretischen Simulationen. Dem Team der Universität Würzburg ist es nun gelungen, die Lebensdauer dieses Zustands erstmals direkt experimentell zu messen. „Bei Raumtemperatur beträgt diese exakt 24 Nanosekunden, bei Temperaturen von flüssigem Helium ist diese Lebensdauer nahezu verdoppelt. Um das beobachten zu können, benutzen wir einen Laser wie ein Stroboskop und machen Schnappschüsse unseres Systems“, erläutert Paul Konrad, Doktorand am Lehrstuhl EPVI, der die Experimente durchgeführt hat. Diese direkte experimentelle Validierung ist für die Fachwelt von hoher Relevanz, da sie eine verlässliche Grundlage bietet, um die Ansteuerung der Sensoren exakt auf die natürliche Dynamik des Materials abzustimmen.

Effizienzsteigerung durch intelligentes Timing

Wichtig ist das, weil die Empfindlichkeit eines Quantensensors maßgeblich von der sogenannten „kohärenten Kontrolle“ abhängt – also der Fähigkeit, Quantenzustände präzise zu steuern. Die Forschenden konnten nachweisen, dass ein optimiertes Zeitmanagement die Effizienz dieser Steuerung signifikant steigert. Durch das Einfügen einer gezielten Verzögerung von etwa 150 Nanosekunden zwischen der Laseranregung und einer Manipulation durch Mikrowellen wurde sichergestellt, dass das „Wartezimmer“ des Zwischenzustands vollständig geleert ist und alle Elektronen für die Messung im Grundzustand bereitstehen.

Die Ergebnisse dieser Optimierung: „Der Kontrast der Messergebnisse steigerte sich um fast 26 Prozent. Daraus resultiert eine Verbesserung der Sensitivität des Gesamtsystems um etwa elf Prozent“, sagt Dyakonov. Grund für diese Steigerung sei der Effekt, dass durch das angepasste Timing gleichzeitig mehr Spins im Ensemble adressiert werden können. „Da die Empfindlichkeit statistisch mit der Anzahl der beteiligten Spins zunimmt, führt die Entleerung des ‚Parkplatzes‘ direkt zu einem präziseren Messergebnis“, fasst der Physiker zusammen.

Ausblick: Der Weg zur nächsten Generation von Quantensensoren

Die gewonnenen Erkenntnisse sind ein wichtiger Schritt für die Weiterentwicklung quantensensorischer Technologie auf Basis von 2D-Materialien. Das Wissen über die Lebensdauer des Zwischenzustands ermöglicht nun die Gestaltung komplexerer Messprotokolle oder den Einsatz in neuartigen 2D-Heterostrukturen.

Trotz dieser Fortschritte bleiben technologische Herausforderungen bestehen. Die magnetische Umgebung in hBN ist komplexer als in Diamant, da das Material zu 100 Prozent aus magnetischen Isotopen besteht, deren Kernspins die Kohärenzzeit der Sensoren verkürzen. Künftige Forschungsarbeiten müssen daher Wege finden, diese Umgebungsstörungen weiter zu minimieren.

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Vladimir Dyakonov, Lehrstuhl für Experimentelle Physik VI, T +49 931 31-83111, E-Mail

Originalpublikation:
Intermediate excited state relaxation dynamics of boron vacancy spin defects in hexagonal boron nitride. Paul Konrad, Mehran Kianinia, Lesley Spencer, Andreas Sperlich, Lukas Hein, Selin Steinicke, Igor Aharonovich, and Vladimir Dyakonov. Science Advances, 12, eaea0109 (2026) https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aea0109

Diese Pressemeldung wurde auf openPR veröffentlicht.

Verantwortlich für diese Pressemeldung:

News-ID: 1309027
 104

Kostenlose Online PR für alle

Jetzt Ihren Pressetext mit einem Klick auf openPR veröffentlichen

Jetzt gratis starten

Pressebericht „Präzisionsschub für die Quantensensorik“ bearbeiten oder mit dem "Super-PR-Sparpaket" stark hervorheben, zielgerichtet an Journalisten & Top50 Online-Portale verbreiten:

PM löschen PM ändern
Disclaimer: Für den obigen Pressetext inkl. etwaiger Bilder/ Videos ist ausschließlich der im Text angegebene Kontakt verantwortlich. Der Webseitenanbieter distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten Dritter und macht sich diese nicht zu eigen. Wenn Sie die obigen Informationen redaktionell nutzen möchten, so wenden Sie sich bitte an den obigen Pressekontakt. Bei einer Veröffentlichung bitten wir um ein Belegexemplar oder Quellenennung der URL.

Pressemitteilungen KOSTENLOS veröffentlichen und verbreiten mit openPR

Stellen Sie Ihre Medienmitteilung jetzt hier ein!

Jetzt gratis starten

Weitere Mitteilungen von idw - Informationsdienst Wissenschaft

Warum wuchs der antarktische Eisschild viele Millionen Jahre früher als das Eis in der Arktis?
Warum wuchs der antarktische Eisschild viele Millionen Jahre früher als das Eis in der Arktis?
Eine um 5 Grad Celsius wärmere Erde, die Region um den Nordpol eisfrei – und dennoch begann sich vor 34 Millionen Jahren auf der antarktischen Landmasse ein riesiger Eisschild zu bilden. Die Arktis blieb noch weitere ~30 Millionen Jahre eisfrei. Eine neue Studie in der Fachzeitschrift „Science“ liefert nun eine Erklärung für die asymmetrische Vergletscherung der Pole. Die Antwort liegt tief im Erdmantel, wo Mantelwellen die südliche Polarregion erreichten und eine Anhebung des Kontinents verursachten. Die Bildung einer Randstufe, eines Platea…
Bild: Meilenstein in der Orbitronik erreichtBild: Meilenstein in der Orbitronik erreicht
Meilenstein in der Orbitronik erreicht
Erstmals können Orbitalströme genutzt werden, ohne sie vorher in Spinströme umwandeln zu müssen / Aussicht auf Speicher und Prozessoren mit extrem geringen Energieverbrauch Forschende der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (JGU) haben sogenannte Orbitalsströme erstmals direkt nutzen können – ohne dass diese zuvor in Spinströme umgewandelt werden mussten. „Wir haben somit den ersten reinen orbitronischen Ansatz realisiert“, sagt Dr. Christin Schmitt aus der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Mathias Kläui am Institut für Physik der JGU. Die Orbitr…

Das könnte Sie auch interessieren:

QuantumBW Atlas: Digitaler Wegweiser stärkt Sichtbarkeit und Vernetzung im Quantenökosystem
QuantumBW Atlas: Digitaler Wegweiser stärkt Sichtbarkeit und Vernetzung im Quantenökosystem
… durch die Quantenlandschaft Baden-Württembergs dient. Die Plattform bietet einen strukturierten Überblick über Akteure, Themen und Entwicklungen in den Bereichen Quantencomputing, Quantensensorik und Quantennetzwerke im Land. Zudem fungiert sie als zentrale Orientierungshilfe für Unternehmen, Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit. Als Maßnahme der …
Bild: Diese fünf Forschungstalente werden die Werner-von-Siemens-Fellows 2025Bild: Diese fünf Forschungstalente werden die Werner-von-Siemens-Fellows 2025
Diese fünf Forschungstalente werden die Werner-von-Siemens-Fellows 2025
… insbesondere für den Einsatz von KI im Gesundheitswesen. Boenisch ist Tenure-Track-Faculty am CISPA Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit in Saarbrücken.Mobile Quantensensorik: Dr. Elena Jordan ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB), Institut für Experimentelle Quantenmetrologie (QUEST) in Braunschweig. …
Bild: Experimente für die Datenspeicherung der Zukunft: Entdeckung eines neuartigen Magnetismus in 2D-MaterialienBild: Experimente für die Datenspeicherung der Zukunft: Entdeckung eines neuartigen Magnetismus in 2D-Materialien
Experimente für die Datenspeicherung der Zukunft: Entdeckung eines neuartigen Magnetismus in 2D-Materialien
… Systemen bekannt sind. Zum ersten Mal gelang es dem Team, Skyrmionen in einem verdrehten zweidimensionalen magnetischen Material zu erzeugen und direkt nachzuweisen.Quantensensorik macht schwache magnetische Signale sichtbarDen neuen magnetischen Zustand zu erkennen, stellte eine große experimentelle Herausforderung dar, da die damit verbundenen Signale …
Bild: TU Berlin ebnet Weg zur Serienfertigung von QuantenchipsBild: TU Berlin ebnet Weg zur Serienfertigung von Quantenchips
TU Berlin ebnet Weg zur Serienfertigung von Quantenchips
… vielversprechende Quellen einzelner Lichtteilchen (Photonen). Solche Lichtteilchen sind eine wichtige Grundlage für zukünftige Anwendungen wie abhörsichere Quantenkommunikation, Quantennetzwerke, Quantensensorik oder photonische Quantencomputer. Bislang entstand ein zentrales Problem jedoch bereits bei der Herstellung: Die Quantenpunkte bildeten sich …
Bild: Zukunftspotenzial der Quantentechnologien für Nordrhein-Westfalen ausschöpfenBild: Zukunftspotenzial der Quantentechnologien für Nordrhein-Westfalen ausschöpfen
Zukunftspotenzial der Quantentechnologien für Nordrhein-Westfalen ausschöpfen
… international in exzellenter Ausgangsposition in wichtigen Kerngebieten der Quantentechnologie, wie zum Beispiel des Quantencomputings und -simulation, der Quantenkommunikation sowie der Quantensensorik und -metrologie. Anwendungen lassen sich bereits heute in vielen Industriebereichen erkennen, unter anderem bei der Verkehrsplanung und bei der Materialsimulation, …
Quantenmaterialien: Neue DFG-Forschungsgruppe mit Bremer Beteiligung
Quantenmaterialien: Neue DFG-Forschungsgruppe mit Bremer Beteiligung
… eines Millionstels einer Sekunde.“ Das langfristige Ziel bestehe in der Entwicklung von nachhaltigen und energieeffizienten Geräten, die zum Beispiel für Energieumwandlung, Quantensensorik oder allgemein Quantentechnologien eingesetzt werden können.Die Rolle der Arbeitsgruppe von Professor Sentef in dieser Forschungsgruppe ist es, Modelle für die zu …
Bild: Weltrekord: Nano-Membran für künftige Quanten-MesstechnikBild: Weltrekord: Nano-Membran für künftige Quanten-Messtechnik
Weltrekord: Nano-Membran für künftige Quanten-Messtechnik
… ist mehr als nur eine beeindruckende Miniaturisierung – er ist Teil einer größeren Strategie. Die TU Wien entwickelt unterschiedliche Hardware-Plattformen, um Quantensensorik einfacher, robuster und vielseitiger nutzbar zu machen. In konventionellen optomechanischen Experimenten wird die Bewegung winziger mechanischer Strukturen mit Licht ausgelesen …
Bild: Sensor in Größe eines Stickstoff-Atoms prüft FestplattenBild: Sensor in Größe eines Stickstoff-Atoms prüft Festplatten
Sensor in Größe eines Stickstoff-Atoms prüft Festplatten
… entsteht. Derzeit geht es dem Team aber vorwiegend um die Erforschung und Verbesserung des»Hightech-Materials« Diamant. Dessen Anwendung in der Quantensensorik ist ein vielversprechender Anfang. Weitere Informationen: - https://www.fraunhofer.de/de/presse/presseinformationen/2018/Januar/sensor_in_groesse_eines_stickstoffatoms_prueft_festplatten.html Quelle: idw
Sie lesen gerade: Präzisionsschub für die Quantensensorik