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Zwei neue Bücher über Integration und Wohnverhältnisse der Nachkriegszeit im Landkreis Harburg bei Hamburg

25.10.201909:23 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung
Bild: Zwei neue Bücher über Integration und Wohnverhältnisse der Nachkriegszeit im Landkreis Harburg bei Hamburg
Buchvorstellung zum Leben in der Nachkriegszeit 20.10. - Bild FLMK
Buchvorstellung zum Leben in der Nachkriegszeit 20.10. - Bild FLMK

(openPR) Rosengarten-Ehestorf, 25.10.2019 – Flucht, Vertreibung und Ankommen im Landkreis Harburg vor über 70 Jahren thematisieren zwei neue Publikationen des Freilichtmuseums am Kiekeberg. Etwa 50 Zuhörer folgten der Buchvorstellung: Autor Arndt-Hinrich Ernst erklärte zu seinem Buch „Neue Heimat Landkreis Harburg. Aufnahme und Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen 1945-1955“ die Erfolgsfaktoren bei der Eingliederung der damals Hinzugezogenen. Im Buch „Ja, damals war man erfinderisch! Wohnverhältnisse und Lebensbedingungen im Landkreis Harburg zwischen 1943 und 1955“ stellt die – kurzfristig erkrankte – Autorin Corinna Löhning mittels Zeitzeugeninterviews vor, in welch unzureichenden Provisorien viele Flüchtlinge und Vertriebene anfangs lebten und wie sie sich später ein neues Zuhause aufbauten. Die neuen Bücher sind ab sofort im Museumsladen und im Buchhandel zu je 17,90 Euro erhältlich.



Der Landkreis nahm ab 1939 Tauende Flüchtlinge und Vertriebene auf. In zehn Jahren hatte sich die Bevölkerung auf rund 124.400 Menschen verdoppelt. Wie in ganz Deutschland prägten enorme Belastungen, etwa der Verlust der Heimat, Wohnungsnot und Hunger die erste Zeit. „Die Kinder und Enkel dieser Generation fragen heute nach ihren Wurzeln, frei von ideologischer Bewertung. Es ist wichtig, die Geschichte vieler Familien aus der Region zu erzählen, bevor das aktive Erinnern der Erlebnisgeneration verstummt“, betont Editha Westmann, Niedersächsische Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler. „Ihre Eltern und Großeltern kamen unter schwierigsten Bedingungen aus den Ostgebieten und bauten sich hier ein neues Leben auf. Dabei waren sie häufig nicht willkommen: Die einheimische Bevölkerung litt selbst unter großem Mangel und wurde gezwungen, knappen Wohnraum und Nahrung zu teilen.“ Ihre Erfolgsgeschichte, aber auch die lebenslange Suche nach Identität und Heimat findet in beiden Büchern und dem Forschungsprojekt „Königsberger Straße“ des Freilichtmuseums Ausdruck.

„Migration bleibt ein Thema von großer gesellschaftspolitischer Relevanz. Mit dem Projekt ‘Königsberger Straße‘ erforschen wir erstmals die Kulturgeschichte der Nachkriegszeit bis 1979 in der ländlichen Region. Die Bücher von Corinna Löhnung und Arndt-Hinrich Ernst zeigen den Menschen unsere Erkenntnisse über die Alltagssituation in der Nachkriegszeit. Daraus ergeben sich Brücken zur Erinnerung an die eigene Geschichte und mögliche Lernfelder für aktuelle Flüchtlingsthemen“, erklärt Stefan Zimmermann, Direktor des Freilichtmuseums am Kiekeberg.

„Ich habe zahlreiche alte Dokumente erstmals ausgewertet: Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Eingliederung der Flüchtlinge und Vertriebenen zwischen 1945 bis 1955 war ihre aktive Einbindung. Die Betroffenen wurden nicht von der Gesellschaft mitgezogen, sondern organisierten ihre Hilfe aktiv mit“, resümiert der Autor und Archivar Arndt-Hinrich Ernst. „Flüchtlingsämter und Versorgungsausschüsse waren zu großen Teilen durch die Flüchtlinge selbst besetzt. Die achteten in der britischen Besatzungszone auch darauf, dass die Neuankömmlinge die Gesetze einhielten und wurden Vermittler zur einheimischen Bevölkerung. Diese Flüchtlingsbetreuer waren vor Ort in den Dörfern, da wo gearbeitet, gelebt und später auch wieder gefeiert wurde.“ Anfangs gab es aufgrund der Mangelsituation und der Zwangszuordnung bei der Einquartierung, die heute mit demokratischen Grundrechten nicht vereinbar wäre, oft Argwohn und Ausgrenzung gegenüber den Fremden. Aber die ärmlichen Verhältnisse auf beiden Seiten, die gemeinsame deutsche Sprache und eine ähnliche Bildung- und Berufsqualifikation bildeten ein gemeinsames Fundament.

Alexander Eggert, Abteilungsleiter Volkskunde im Freilichtmuseum, stellte die Erkenntnisse über die Wohnverhältnisse und Lebensbedingungen zwischen 1943 bis 1955 aus Corinna Löhnings Buch vor: „Zeitzeugeninterviews und Archivdokumente zeigen, mit welchen Strategien die Menschen in der Not privat zu Wohnraum kamen. Vorhandene Behelfsheimprogramme, Barackenbau und Zwangswohnraumbewirtschaftung erfüllten nicht die Grundbedürfnisse. Die Menschen waren traumatisiert, hatten ihren Besitz und ihr soziales Umfeld verloren. Vor allem durch mühevolle Eigenleistung schafften sie es mit aufkommendem Wirtschaftswunder ein eigenes Zuhause zu errichten. Wohnhaft werden, nachdem alles verloren war, hat viele Familien mit Stolz erfüllt und half als Bewältigungsstrategie. Heimisch werden, hat es nicht für alle gegeben. Aber mit der festen Bleibe stieg die Akzeptanz sich mit der Situation in der Fremde zu arrangieren.“ Dabei spielte das Vereinswesen für das soziale Zusammenwachsen zwischen neuer und eingesessener Bevölkerung eine wichtige Rolle.

Über die Autoren:
Corinna Löhning, geboren 1980, studierte in Göttingen, Zürich und Hamburg und schloss 2006 mit einem Magister in Kulturanthropologie, Germanistik und prähistorische Archäologie ihr Studium ab. Sie arbeitete als wissenschaftliche Volontärin im Freilichtmuseum am Kiekeberg und promovierte an der Universität Hamburg über den Prozess des Wohnhaftwerdens der Flüchtlinge und Vertriebenen im Landkreis Harburg nach dem Zweiten Weltkrieg. Corinna Löhning arbeitet und lebt mit ihrer Familie in Dänemark.
Arndt-Hinrich Ernst, geboren 1985, studierte Geschichte und Ethnologie an der Universität Hamburg und absolvierte ein wissenschaftliches Volontariat im Freilichtmuseum am Kiekeberg. Er arbeitet als Archivar im Gemeindearchiv Seevetal und verfolgt die Forschungsschwerpunkte Neuere Deutsche Geschichte und Zeitgeschichte, Regionalgeschichte nordöstliches Niedersachsen und Schulgeschichte.

Das Freilichtmuseum am Kiekeberg erforscht das frühere Leben in Winsener Marsch und Lüneburger Heide. Die Schriftenreihe umfasst mittlerweile 97 Publikationen. Die beiden neuen Bücher sind die ersten im Rahmen des Bau- und Forschungsprojekts Projekt „Königsberger Straße“. Der Förderverein des Freilichtmuseums am Kiekeberg e.V. unterstützt tatkräftig die Herausgabe der „Schriften des Freilichtmuseums am Kiekeberg“ wie auch das Gesamtprojekt „Königsberger Straße“.

Corinna Löhning: „Ja, damals war man erfinderisch!“ Wohnverhältnisse und Lebensbedingungen im Landkreis Harburg zwischen 1943 und 1955. Ehestorf 2019.
116 Seiten, 51 Abbildungen
Schriften des Freilichtmuseums am Kiekeberg, Band 96
ISBN 978-3-935096-60-7

Arndt-Hinrich Ernst: „Neue Heimat Landkreis Harburg. Aufnahme und Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen 1945-1955.“ Ehestorf 2019.
139 Seiten, 32 Abbildungen
Schriften des Freilichtmuseums am Kiekeberg, Band 97
ISBN 978-3-935096-66-9

Die Bücher sind zum Preis von je 17,90 Euro im Museumsladen des Freilichtmuseums am Kiekeberg und im Buchhandel erhältlich.

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