(openPR) Rosengarten, 26.8.2019 – In einer groß angelegten Aktion hat das Freilichtmuseum am Kiekeberg ein Quelle-Fertighaus von Quelle aus Winsen (Luhe) transloziert. Jetzt ergänzt es die neue Baugruppe „Königsberger Straße“ am Kiekeberg. Mit dem Projekt „Königsberger Straße. Heimat in der jungen Bundesrepublik“ zeigt das Museum demnächst, wie sich das Alltagsleben in der Nachkriegszeit veränderte. Das Fertighaus vom Versandunternehmen Quelle stammt aus dem Jahr 1966. Am Kiekeberg wird es im Sommer 2021 eröffnet und zeigt dann das Leben einer Familie um 1979.
Das Fertighaus aus dem Katalog wurde am 20. und 21. August 2019 ins Freilichtmuseum am Kiekeberg von einem spezialisierten Unternehmen transloziert. Am Dienstag, dem 20. August, wurden drei Tieflader in einer mehrere Stunden dauernden Verladeaktion mit Dach, Hauskorpus und zwei Treppen bepackt. In der Nacht startete der Schwertransport um 22 Uhr und erreichte nach 24,7 km durch Wohngebiete, über Landstraßen, Maschener Kreuz und Verkehrskreisel den Kiekeberg um 4.35 Uhr.
Als der Hauskorpus von seinem Sockel angehoben wurde, hielten alle auf der Baustelle den Atem an. Zusammen mit Carina Meyer, der Kaufmännischen Geschäftsführerin des Freilichtmuseums am Kiekeberg, verfolgten Museumsarchitektin Theda Boerma-Pahl und Volkskundler Alexander Eggert die Translozierung gespannt. Die beiden leiten das Projekt „Königsberger Straße“ und erläutern: „Solch eine Translozierung ist für uns alle etwas Besonderes. Im Nachhinein sind wir erleichtert: Es ist alles perfekt gelaufen. Ab 2021 können wir dann das Haus mit der Originalsubstanz am Kiekeberg zeigen.“
Zufrieden ist auch Ronald Gröll, der seine Kindheit und Jugend im Quelle-Haus verbrachte. Seine Eltern Walter und Gisela Gröll hatten mit dem Freilichtmuseum vereinbart, dass das Haus ins Museum kommt. Nach deren Tod unterstützen die drei Söhne das Vorhaben – und freuen sich jetzt, dass ihr Elternhaus auf Dauer erhalten bleibt. Ronald Gröll war 9 Jahre alt, als
die Familie einzog. Heute, mit 61 Jahren, ist er bewegt: „Ich bin ergriffen von dem Moment. Es ist wunderbar zu wissen, dass unser Heim erhalten bleibt. Meine Brüder und ich danken dem Team vom Freilichtmuseum.“ Er selbst verfolgte sowohl den Abbau in Winsen als auch den Aufbau am Kiekeberg von Anfang bis Ende.
Was heute unspektakulär anmutet, war früher unbekannt – ein Fertighaus aus dem Katalog. Es gab viele Skeptiker gegenüber Fertighäusern: Der Leichtbauweise wurde eine mangelnde Qualität unterstellt, sie erinnerte zudem an die Notunterkünfte nach dem Krieg. Und doch gab es einige Vorteile, mit denen Quelle-Fertighäuser überzeugten: Allem voran waren sie kostengünstig, schnell zu errichten und waren insbesondere in der Raumaufteilung auf die aktuellen Bedürfnisse von Familien zugeschnitten. Oftmals waren die Bauherren zudem fortschrittsorientiert und interessiert an moderner Architektur.
Als erstes Versandhandelsunternehmen (und als einziges mit selbst entwickelten Fertighäusern) bot die Quelle-Fertighaus GmbH ab 1962 Fertighäuser aus dem Katalog an. Extra für die neuen Bauherren gab sie eine Fertighaus-Fibel heraus, die die verschiedenen Haustypen und ihre Vorteile anpriesen und regelmäßig aktualisiert wurden. Ein prominentes Argument war das Versprechen vom „Hausbau in fünf Tagen“ ab Kellerkante, das jedoch in der Praxis anscheinend nur selten eingehalten wurde.
Das Quelle-Fertighaus steht nicht nur für eine neue Art der Fertigung und Hausverkauf, sondern auch für eine andere Lebensgestaltung: Die Wände sind zugunsten der Wohnfläche nicht gemauert, Wohn- und Wirtschafts- bzw. Schlafbereich sind klar getrennt, große Fenster lassen viel Licht herein, der Garten ist als Zier- und Spielgarten angelegt, eine Garage ist Standard.
Das Fertighaus, das ins Freilichtmuseum am Kiekeberg transloziert wurde, wurde 1968 von Gisela und Walter Gröll mit ihren Söhnen Ronald (9 Jahre), Christian (7 Jahre) und Matthias (6 Jahre) in Winsen bezogen. Zwei Jahre zuvor war es als eines von 34 Musterhäusern in der BRD gebaut worden. Die junge Familie wohnte bis dahin in dürftigen Verhältnissen in der Winsener Randgemeinde Stöckte, in einer Haushälfte in einem reetgedeckten Fachwerkhaus in der Nähe des Stöckter Hafens. Der älteste Bruder Ronald Gröll erinnert sich: „Wir wurden in die Moderne katapultiert. Es ist kaum ein größerer Gegensatz vorstellbar: In Stöckte hatten wir anfangs ein Plumpsklo draußen und badeten in einer Zinkwanne. Über der Schwengelpumpe hing eine Petroleumlampe und es gab keine Heizung. Unser Vater stand morgens als erster auf und leerte die Mausefallen. Und dann kamen wir in dieses Haus im Erstbezug...“ Ein schneller Einzugstermin, aber auch die verkehrsgünstige Lage in der Nähe des Bahnhofs waren für den Hausherrn, der täglich nach Hamburg zur Arbeit pendelte, wichtig. Die Ehefrau war gebürtige Hamburgerin, wollte der Kinder zuliebe in einem Haus mit Garten wohnen, das in Hamburg für das Paar nicht erschwinglich gewesen wäre. Für die fünfköpfige Familie gab es nun 110 qm Wohnfläche, einen Keller und Stauraum unterm Satteldach. Den Garten legten die Eltern als Zier- und Gräsergarten an und gestalteten die Gartenmauern individuell.
Das Quelle-Fertighaus ist für das Freilichtmuseum am Kiekeberg ein Schatz: Das Inhaberehepaar hat nur wenige behutsame Eingriffe in das ursprüngliche Haus vorgenommen, die Gartengestaltung und die Hauseinrichtung von 1979 sind weitgehend erhalten. Gisela und Walter Gröll befürworteten sehr, dass ihr Haus einmal ins Museum kommt. Sie überließen dem Museum alle privaten Dokumentationen und standen für Zeitzeugeninterviews bereits. Heute, nach ihrem Tod, unterstützen die drei Söhne die Translozierung ins Museum.
Das Quelle-Fertighaus steht beispielhaft für den Versuch, das moderne Bauen weiten Teilen der Bevölkerung näher zu bringen – und für die Möglichkeit, einzelne Nachkriegsgebäude im Originalzustand zu sichern, mit vielen Menschen aus der Erlebnisgeneration zu sprechen und Dokumente der Zeit, von Bauunterlagen, der provisorischen Ersteinrichtung bis zum Fotoalbum, in die Sammlung des Museums zu übernehmen. Dies ist das Gedächtnis für die folgenden Generationen.
Die „Königsberger Straße“ besitzt bundesweite Bedeutung: Erstmals wird die Kulturgeschichte der Nachkriegszeit bis 1979 in der ländlichen Region erforscht und durch den Aufbau von Häusern und einer umfassenden Ausstellung gezeigt. Diese bundesweite Ausstrahlung verdeutlicht auch die Förderung durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien in Höhe von 3,84 Millionen Euro. Das Museum wählte typische Gebäude mit aussagekräftigen Geschichten aus, die in gleicher Weise für die gesamtdeutsche Entwicklung stehen:
• eine Tankstelle (Eröffnung am 15. September 2019),
• eine Ladenzeile mit sechs Geschäften,
• ein Siedlungsdoppelhaus und ein Flüchtlingssiedlungshaus,
• einen Aussiedlerhof, ein landwirtschaftlicher Betrieb mit hohem Technisierungsgrad außerhalb des Dorfes,
• ein Fertighaus als neuer Bautyp, das Quelle-Haus.
Finanzierung:
Zahlreiche Förderer unterstützen das einmalige Projekt „Königsberger Straße“. Ihr Ziel ist es, die kulturellen Zeugen der unmittelbaren Nachkriegszeit für die Nachwelt zu erhalten und die Aufbauleistung darzustellen. Die „Königsberger Straße“ im Freilichtmuseum am Kiekeberg wird gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (Bund), das Land Niedersachsen, den Landkreis Harburg, den Förderfonds Hamburg/Niedersachsen der Metropolregion Hamburg, die Stiftung Niedersachsen, die Stiftung Hof Schlüter, die Niedersächsische Sparkassenstiftung, die Stiftung der Sparkasse Harburg-Buxtehude, den Lüneburgischen Landschaftsverband, die Klosterkammer Hannover, die Niedersächsische Bingo- Umweltstiftung und den Förderverein des Freilichtmuseums am Kiekeberg. Das Gesamtprojekt ist auf 6,14 Millionen Euro angelegt.











