(openPR) 3.177 Tote sind im vergangenen Jahr nicht die Opfer von Mord und Totschlag geworden, sondern mehr als 90 % von ihnen sind auf der Straße gestorben, und zwar als Folge von vermeidbaren Verhaltensfehlern. Wären sie Opfer von Gewaltverbrechen geworden, der Aufschrei der Gesellschaft wäre gewiss gewesen und ebenso der Ruf nach mehr Polizei, die uns vor dieser Art von Gewalt schützen soll.
Aber es sind „nur“ Verkehrstote und damit für den größten Teil der Gesellschaft der Preis unserer Mobilität. Wie zynisch! Mit einem Verkehrstoten leiden mehr als 100 Hinterbliebene ihr ganzes Leben mit und Tausende von schwerverletzten Menschen leiden ein Leben lang an den körperlichen und seelischen Unfallfolgen. Was würden sie nicht alles dafür geben, diesen Unfall ungeschehen zu machen – ?
Und dabei unterscheiden sich Mord und Unfalltod auf eine ganz profane Weise. Morde sind fast immer Beziehungstaten, die zu mehr als 90 % aufgeklärt werden und nicht durch Prävention verhindert werden können. Verkehrstode sind immer Unfalltode, deren zugrundeliegenden Verhaltensfehler fast immer durch Prävention verhindert werden könnten. Wer bemerkt den Fehler?
Auf den Straßen in Deutschland könnten weit mehr Menschen überleben, wenn in der Politik und in den Institutionen der drei Staatsgewalten Gesetzgebung, Rechtsprechung und Verwaltung die richtigen lebensschützenden Entscheidungen getroffen würden, anstatt sich um politische Nichtigkeiten nur deshalb zu kümmern, weil sie mehr im öffentlichen Fokus einer immer oberflächlicher werdenden Mediengesellschaft stehen. Auch die Gesellschaft, also wir alle und mitsamt der Medien, die wir konsumieren, tragen eine moralische Mitschuld.
Anstatt dankbar dafür zu sein, dass die Polizei und die Kommunen den Straßenverkehr überwachen und Verstöße feststellen und kontrollieren, ärgern wir uns über Verwarnungen und Bußgelder, obwohl wir selbst diese Fehler begangen haben und uns selbst die Schuld geben müssten. Wie viel weniger Verkehrstote es gäbe, wenn die gleiche Anzahl der fleißigen Knöllchenschreiber für die vorbeugende Überwachung der wichtigsten Unfallursachen für Verkehrsunfälle mit Verletzten und Toten eingesetzt würde, ist eine hypothetische Frage, die nie beantwortet werden wird. Es ist den verantwortlichen Haushaltspolitikern in den Städten und Landratsämtern allemal lieber, mit den Geldern für Parkverstöße ihre Stadtsäckel zu füllen, als Verhaltensverstöße der StVO zu überwachen. Es ist eben viel einfacher zu fotografieren und aufzuschreiben, als zu schulen, zu beobachten, unterstützt durch die Polizei anzuhalten und mit einem rechtswidrig handelnden Fahrer Auge in Auge über seine fahrerische Fehlleistung zu sprechen. Nicht einmal die Rechtsgrundlagen für eine gemeinsame Überwachung durch Polizei und Kommunen gibt es in den 16 Bundesländern und dabei liegt es doch auf der Hand, die geringer gewordenen Kräfte sinnvoll mit dem Ziel zu bündeln, das Problem an der Wurzel zu packen. Aber nein, jeder arbeitet für sich, ein Miteinander für die Verkehrssicherheit gibt es nicht. Wie auch, wenn die Politik es nicht einmal fertig gebracht hat, die Tausenden von Bundespolizisten und Zollbeamten, die ohnehin jeden Tag kontrollierend auf den Straßen ihren Dienst tun, in ein durchdachtes Konzept zur Verkehrsüberwachung sinnvoll einzubinden.
Im Gegenteil: In Sachsen aber auch andernorts in Deutschland erleben wir zurzeit einmal mehr, wie niedrig der Stellenwert der so dringend notwendigen Verkehrsspezialisten in der Polizei ist. Für die Verkehrssicherheit dringend notwendige Personalaufstockungen erfolgen nicht, weil eine ignorante Polizeiführung diese auf der Hand liegenden Prioritäten nicht erkennt und eine unwissende oder gar desinteressierte politische Führung sie ohne Korrektur einfach gewähren lässt.
Die polizeilich nach einem mehr als 40 Jahre alten Raster erhobenen Unfallursachen sind übrigens inzwischen untauglich, als ausreichend verifizierte Erkenntnisgrundlage für ein Umsteuern in der Taktik zur Verhinderung von Verkehrsunfällen zu dienen. Nur die Bundeshauptstadt Berlin erfasst zurzeit die wichtigste Unfallursache der Ablenkung am Steuer und 16 Bundesländer sind immer noch nicht dazu in der Lage, sich auf eine moderne Datenbasis zu einigen. Weit entfernt sind wir davon, die wahren und oft in der Motivation begründeten Ursachen hinter den vordergründig festgestellten Verkehrsverstößen zu ermitteln, um gezielt gegensteuern zu können.
Verhaltensfehler sind die eine Seite, fehlende gesetzliche Änderungen sind eine andere Seite. Noch immer ist es den Besitzern der Autos erlaubt zu lügen, wenn sie bei einem Geschwindigkeits-, Abstands- oder Rotlichtverstoß erwischt und fotografiert werden, aber nur das Kennzeichen lesbar ist. Deutschland ist fast das einzige Land in Europa, das in diesen Fällen die Verfahren einstellt, während in anderen Staaten der Autobesitzer die Zeche zahlen muss, die mit seinem Auto angerichtet wurde. Eine Gesetzesänderung wäre Sache des Bundestages, aber der hat scheinbar wichtigere Dinge zu tun, als für die notwendigen Bestrafungen bewiesener Verkehrsverstöße die notwendige Gesetzesänderung vorzunehmen.
Seien wir doch mal ehrlich. Nur wer für einen Verkehrsverstoß auch zahlen muss, wird diese Sanktion in der Zukunft durch eine Verhaltensänderung zu verhindern versuchen. Wer nicht herangezogen wird, ändert sein Verhalten nicht. Warum auch? Und wenn er einmal zahlen muss, dann tut er es aus der Portokasse, weil das reichste Land Europas sich einen Bußgeldkatalog leistet, dessen Höhe oder besser Milde der Geldbußen von den Fahrern aus anderen europäischen Staaten schon längst nicht mehr ernst genommen wird, wenn nicht ihre gestochen scharfen Fotos schon deshalb in den Bußgeldstellen gelöscht werden, weil es sich eben nicht wirtschaftlich lohnt, Bußgelder in Polen oder Tschechien einzutreiben.
Dieses Desinteresse gilt übrigens auch für fehlende Verkehrsschulungen, für die es im § 48 StVO sogar eine gesetzliche Grundlage gibt, die aber deswegen bundesweit fast nicht angewandt wird, weil das notwendige Schulungspersonal fehlt. So müssen fehlerhaft handelnde Fahrer nicht nachsitzen und das richtige Verhalten im Straßenverkehr einpauken wie es im vergangenen Jahr z. B. bei 1,4 Millionen britischen Fahrern erfolgreich praktiziert wurde. Nicht von ungefähr wird nämlich auf britischen Straßen viel weniger gestorben, als in Deutschland. Das ist übrigens auch in sechs anderen europäischen Staaten so, die allesamt in der Unfallbilanz deutlich besser dastehen als unser Vaterland und Heimatland. Deutschland hat den Anschluss schon fast verloren, auch wegen politischer Fehlentscheidungen in Bund und Ländern. Fehlentscheidungen, die Leben kosten. Aber Deutsche schauen immer gerne auf Andere herab und daher vergleichen wir uns in dieser Bilanz lieber mit Staaten, die noch schlechter dastehen wie Italien, Griechenland oder Polen. Ein schlechter Charakterzug, nicht von den Besten lernen zu wollen – leider typisch deutsch.
Ich könnte noch viele Argumente und Ideen anführen, die Leben retten würden, aber sie verpuffen wirkungslos, weil sie an der Ignoranz derjenigen scheitern, die wirklich etwas zu sagen haben und Änderungen mit einem Federstrich veranlassen könnten.












