(openPR) Berlin, 11.09.2006 – Auf Einladung der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde gab die weltberühmte ungarische Sängerin Márta Sebestyén gestern Abend ein Konzert in der Berliner KulturBrauerei. Mit ihrem Auftritt erinnerte sie an das „Paneuropäische Picknick“ und an die Öffnung der ungarischen Grenze 1989. Vor Beginn des Konzerts würdigten Rainer Eppelmann, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Aufarbeitung, und der Ungar László Nagy, Mitinitiator des Picknicks, das historische Ereignis aus persönlicher Sicht.
Márta Sebestyén ist seit ihrem Lied „Szerelem, Szerelem“ auf dem Soundtrack des mit neun Oskars ausgezeichneten Films „Der englische Patient“ international bekannt. In Berlin begeisterte sie das Publikum mit wunderschönen Melodien aus ihrer Heimat, die sie gesammelt, aufgeschrieben und so vor dem Vergessen bewahrt hat. Für die Sängerin hat diese Musik auch eine politische Bedeutung: „Die ungarischen Volkslieder haben sehr oft die Freiheit zum Thema – und zwar deswegen, weil das ungarische Volk selten in den Genuss der Freiheit kam. Aus diesem Grund hatten wir damals auch großes Verständnis für den Freiheitsdrang der fluchtwilligen DDR-Bürger. Das ‚Paneuropäische Picknick‘ hat zur Grenzöffnung vom 11. September 1989 und schließlich zum Berliner Mauerfall entscheidend beigetragen. Ich persönlich freue mich sehr, dass dieses wichtige Datum mit meinem Geburtstag am 19. August zusammenfällt.“
Rainer Eppelmann betonte die Bedeutung der Fluchtbewegung über Ungarn für den Umbruch in der DDR 1989: „Für die Opposition in der DDR waren die wachsenden Flüchtlingszahlen durchaus ambivalent. Manche dachten damals, dass jemand, der wegläuft, nichts bewirken oder verändern kann. Aber heute wissen wir, dass diese große Zahl von Flüchtlingen wesentlich zum Ende der DDR beigetragen hat. Mit der symbolischen Grenzöffnung am 19. August wurde bei Sopron ein Prozess in Gang gesetzt, an dessen Ende die Überwindung der deutschen und europäischen Teilung stand.“
László Nagy war 1988 Mitbegründer des „Ungarischen Demokratischen Forums“ in Sopron. Zusammen mit Vertretern anderer Oppositionsgruppen wurde in diesem Kreis die Idee des „Paneuropäischen Picknicks“ geboren. Für ihn ist der Prozess der historischen Aufarbeitung noch nicht abgeschlossen: „Heute kann einem der Abriss des ‚Eisernen Vorhangs‘ in Ungarn als idyllischer Vorgang erscheinen. Doch damals war die Lage unsicher. Die Organisation des Picknicks hätte als ‚Hilfeleistung zum verbotenen Grenzübertritt‘ gewertet werden können. Zum Glück wurde das Ereignis zu einem Meilenstein in der Geschichte des Umbruchs in Osteuropa. Aber viele Fragen etwa nach den Absichten und Plänen der damaligen ungarischen Regierung sind noch offen.“
Das Konzert war eine Kooperationsveranstaltung der Erinnerungsstätte mit der Stiftung Aufarbeitung und dem Collegium Hungaricum Berlin.
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Rund vier Millionen Menschen verließen zwischen 1949 und 1990 die DDR in Richtung Bundesrepublik; 1,35 Millionen von ihnen passierten das 1953 gegründete Notaufnahmelager Marienfelde. Ihre Biografien sind ebenso wie die Konflikte des Kalten Krieges mit diesem Ort verbunden.
Heute erinnert die Ausstellung „Flucht im geteilten Deutschland“ an dieses zentrale Kapitel deutscher Geschichte und deutscher Lebensgeschichten. In sieben Themenräumen spannt sie den Bogen von der Entscheidung zum Verlassen der DDR bis zur gesellschaftlichen Eingliederung in die Bundesrepublik. Sie zeigt, wie es den Menschen trotz Kontrolle, Gewalt und Repression der DDR-Regierung gelang, Grenze und Mauer zu überwinden und im Westen neu zu beginnen. Besonderes Augenmerk gilt dem Geschehen in Marienfelde: dem Notaufnahmeverfahren, dem Leben im Aufnahmelager und der Bespitzelung von Flüchtlingen durch die Staatssicherheit. Thema eines eigenen Raumes sind Flucht und Ausreise im Spiegel der Kunst.
Systematisch setzt die Ausstellung wichtige politische Entwicklungen mit persönlichen Erfahrungen der Flüchtlinge und Übersiedler in Beziehung. Sie stellt Einzelbiografien und Fallbeispiele vor und lässt an vielen Audio- und Videostationen Zeitzeugen zu Wort kommen.
Am Ende des Ausstellungsrundgangs gibt eine rekonstruierte Flüchtlingswohnung aus den 1950er Jahren einen Eindruck von den Lebensumständen im Notaufnahmelager.












