(openPR) Es gibt ein Entstehen der Dinge, und es gibt ein Vergehen der Dinge. Analog gibt es ein Werden im Sein, i.e.S. Qualität aus Quantität, und es gibt ein Ent-Werden im Sein, i.e.S. Quantität statt Qualität.
Qualität bedeutet Beschaffenheit, Eigenschaft, Wert etc. Qualität ist eine Grundkategorie bei Aristoteles. In der von ihm ausgehenden Denktradition sind die Qualitäten einer Sache die Eigenschaften, die ihr notwendiger Weise zukommen, die ihr (inneres) Wesen ausmachen.
Quantität demgegenüber ist die mess- oder zählbare Größe, Zahl, Menge etc. Die Naturwissenschaft beschäftigt sich vorrangig mit Quantitäten, mit der Erkenntnis quantitativer Unterschiede und Veränderungen. Im dialektischen Denken bedeutet Qualität darüber hinaus »etwas Neues«, oft »Höheres«, auf dem Vorherigen beruhend aber dennoch anders. Dass quantitative Veränderungen in qualitative umschlagen können, ist eine Erkenntnis Hegels. Dieser Umschlag ist es, der Entwicklung überhaupt erst einen Wert verleiht. Anders ausgedrückt: Quantität, die nicht in Qualität „gipfelt“, hat keinen intrinsischen (innewohnenden) Wert entwickelt.
Damit sind zwei Merkmale gewonnen, die eine Qualität ausmachen:
– Veränderung von Quantität in Qualität (Umschlag, s.o.)
– Mit der Folge eines „höheren“ (innewohnenden) Wertes
Die traditionelle „Wissenschaft“, die sich mit dem Werden im Sein beschäftigte, nannte man die „heilige“ Alchemie in Unterscheidung zur „stofflichen“ Alchemie. Dabei ging es darum, das Unedle im Menschen in Edles („Gold“) zu transformieren. Spuren dieser Wissenschaft finden sich heute noch im Tarot, das, - über die profane Divination hinausgehend -, in enger Verbindung mit dem kabbalistischen Lebensbaum steht und mit einem „schielenden“ Blick auf die Mythologie gelesen werden muss, wie sie uns zum Beispiel durch die Forschungsarbeiten von Joseph Campbell überliefert ist.
Zum Beispiel die Heldenreise im Gleichnis vom „verlorenen Sohn“:
Nach Joseph Campbell gibt es zwei Arten von Heldenmythen, nämlich einmal die Helden, die sich durch irdisch-materielle Kriegs- und sonstige Heldentaten hervortun; und zum anderen die Helden, die geistig-ideelle Errungenschaften und/oder Vorwärtsentwicklungen in die Welt bringen. Um letzteren Typus geht es bei dem Gleichnis vom verlorenen Sohn.
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist in Wikipedia wie folgt beschrieben:
Der jüngere Sohn verlangt von seinem reichen Vater seinen Erbteil. Sobald er sein Geld erhält, geht er ins Ausland und verprasst es. Zum Bettler herabgesunken, verdingt er sich als Schweinehirte und hungert dabei so, dass er reumütig zum Vater zurückkehrt, um sich zu seiner Sünde zu bekennen und ihn um eine Stelle als Tagelöhner zu bitten. Der Vater ist jedoch so froh über die Rückkehr des Sohnes, dass er ihn festlich einkleidet und für ihn ein großes Fest veranstaltet. Als sich der ältere Sohn über das Verhalten des Vaters beklagt, entgegnet dieser: „Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.“
Das Verprassen des Erbteils ist - an der Oberfläche betrachtet -, d.h. unter dem Gesichtswinkel der Quantität bewertet, als „Sünde“ definiert. Ganz anders dagegen stellt sich die Sicht nach Joseph Campbell dar, der die Geschichte vom verlorenen Sohn aus der Dimension der Qualität heraus beleuchtet: Der jünger Sohn hat nämlich – ganz im Gegensatz zum älteren Sohn – alle seine Talente eingesetzt, um zu einer autonomen und selbstverantwortlichen Selbststeuerung zu finden, während sich der ältere Sohn - dem „bequemen“ Weg der Spuren der Väter und Vorväter folgend - der sozialen Programmierung unterwarf.
An den Urbildern der Mythologie gemessen sind Transformationsprozesse immer begleitet vom Thema Tod und Wiederauferstehung: der Vogel, der zu Asche verbrennt und sich daraus als Phoenix zu neuem Leben erhebt. Das erfordert a) den Mut, sich der Todesangst zu stellen und es erfordert b) die innere Stärke, Versuchungen und Verführung zu widerstehen, die vom Ziel ablenken oder es gar verhindern. Der Lohn ist dann das Sterben des alten Ich, welches dann von der Geburt eines neuen Ichs begleitet ist. Tod und Wiederauferstehung, Sterben und Geburt gehören also zusammen wie die beiden Seiten einer Münze. Die alten Initiationsriten der Urvölker, sagt Campbell, hatten genau diese doppelbödige Mysterium zum Gegenstand, das letztlich das ausmacht, was als das Lebendige umschrieben ist: diese brodelnde Energie und Spannkraft im Inneren eines Menschen, die ihn vorantreibt und in Bewegung hält. Um es bildhaft auszudrücken: Stehende Gewässer werden faulig und stinken, während fließende Gewässer sich reinigen und klären.
„Es heißt oft, wir seien alle auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Ich glaube nicht, dass das wirklich der Gegenstand unserer Suche ist. Ich glaube eher, wir suchen eine Erfahrung des Lebendigseins“, sagt Joseph Campbell. Und weiter sagt er: „Das Problem in der mittleren Lebensphase, wenn der Körper den Höhepunkt seiner Kräfte erreicht hat, und anfängt, sie zu verlieren, ist, sich nicht mit dem nachlassenden Körper zu identifizieren, sondern mit dem Bewusstsein, dessen Träger er ist. Und wenn man das kann, und das habe ich von meinen Mythen gelernt - was bin ich? - Bin ich die Glühbirne, die das Licht trägt, oder bin ich das Licht, dessen Träger die Glühbirne ist? Dieser Leib ist der Träger des Bewusstseins. Und wenn man sich mit dem Bewusstsein identifizieren kann, dann kann man dieses Dinge dahingehen sehen wie ein altes Auto. Der Kotflügel geht kaputt. Dann jenes. Aber das war doch zu erwarten, nicht wahr? Und dann fällt allmählich das ganze Ding weg.“
Daraus also entsteht die Qualität im Mensch, dass er sich über seine Todesangst erhebt und sich freiwillig dem Sterben (seiner Quantitäten) hingibt, um daraus (mit inneren Werten beseelt) neu geboren zu werden.
Im zentralen Punkt des menschlichen Seins, - was Jung den Archetyp Das Selbst nennt -, ist gleichzeitig Stille und Bewegung, ist gleichzeitig Endlichkeit (Zeit) und Ewigkeit (Nicht-Zeit). Zu erkennen, dass jeder Augenblick im Leben tatsächlich ein Moment der Zeit und Nicht-Zeit ist, darin besteht die mythologische Erfahrung der Transzendenz: die Erfahrung dessen, was sein Zentrum überall hat, dessen Umfang jedoch nirgendwo ist und jeder Mensch ist eine Manifestation dieses übersprudelnden Mysteriums puren Lebendigseins, welches sich nur im Zusammenkommen der Gegensätze erfahren lässt, - denn daraus ist das Spannungsfeld "elektrischer" Lebendigkeit gebaut.
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