(openPR) Studierende aus München und Istanbul thematisieren das Arzt-Patienten-Verhältnis in ihren Ländern
Als Folge der Globalisierung behandeln Mediziner immer häufiger Menschen, deren kulturellen Hintergrund sie nicht genau kennen. Dadurch können besondere Erwartungen der Patienten an die Ärzte und die Behandlung entstehen. Damit türkische und deutsche Medizinstudenten die verschiedenen Perspektiven bei der Behandlung besser kennenlernen, haben Professoren aus München und Istanbul das Projekt „Interkulturelle Kompetenz in der Medizin” organisiert. Es wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Deutsch-Türkischen Wissenschaftsjahres gefördert.
Insbesondere vier Gründe können nach Angaben des Projektleiters Prof. Dr. Adrian Danek von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und seiner Kollegen Prof. Dr. Dr. Fuat Oduncu und Ozan Eren zu Missverständnissen zwischen Ärzten und Patienten führen:
• Sprachbarrieren: Versäumt beispielsweise ein Arzt, am Ende einer Untersuchung „gute Besserung” („Gecmis olsun”) zu wünschen, kann er ignorant oder schlecht erzogen wirken. In der türkischen Kultur wird die Behandlung als unvollständig aufgefasst, wenn sie nicht mit diesem Glückwunsch endet.
• Persönliche Distanz: Deutsche Ärzte bewahren einen gewissen körperlichen Abstand zu ihren Patienten. Manchmal erwarten türkischstämmige Menschen jedoch, dass ein Mediziner den so genannten „healing touch” anwendet. Bleibt die „heilende Berührung” aus, könnte sich der türkische Patient verletzt fühlen. Dass im Türkischen das Arzt-Patienten-Verhältnis engeren Kontakt wünscht, bemerkt man nicht selten daran, dass der Patient selbst den Arzt zuerst nach seinem Wohlbefinden fragt.
• Religiöse Überzeugungen: Bei Behandlungen sollten Ärzte auch auf diese achten, denn manche gläubige Muslime halten im Ramadan die Fastenpflicht auch dann ein, wenn sie krank sind, oder sie wünschen keine alkohol- oder gelatinehaltigen Arzneien oder aus Schweinen gewonnene Herzklappen.
• Praxis oder Krankenhaus? Während in Deutschland die Hausärzte ihre Patienten nur in gravierenden Fällen in ein Krankenhaus überweisen, suchen viele Menschen aus der Türkei bewusst direkt eine Klinik auf, wenn sie Schmerzen beklagen. In Fällen, in denen türkischstämmige Patienten aus der Notaufnahme zum Hausarzt geschickt werden, kann dies Enttäuschung hervorrufen.
Um den Umgang in solchen Situationen zu verbessern, reisten Professoren und Studierende der LMU 2014 im Rahmen ihres Projektes nach Istanbul, durch das Organisationstalent des Medizinstudenten Ferhat Turgut tatkräftig unterstützt. Im April 2015 erwarten die Münchener die türkischen Partner zu einem mehrtägigen Gegenbesuch. Durch eine gemeinsame Tagung in der Carl Friedrich von Siemens-Stiftung wollen sie die Zusammenarbeit weiter intensivieren. Es sei unverändert wichtig, die interkulturelle Kompetenz der Studierenden zu fördern, sagte Prof. Danek, Präsident der Erich-Frank-Gesellschaft (EFG) an der LMU.
Seit ihrer Gründung 1984 verfolgt die EFG das Ziel, die Beziehungen zwischen den medizinischen Fakultäten der Universitäten München und Istanbul zu pflegen und zu vertiefen. Sie unterstützt Sprachkurse an der LMU („Türkisch für Mediziner”) und begleitet das Erasmus-Programm zum Austausch von Medizinstudenten und Dozenten. Die Bemühungen tragen Früchte, und alleine im vergangenen Jahr wurden mehr als zehn türkische Studierende am Klinikum der Universität München als Famulanten empfangen. Die Gesellschaft knüpft damit an die mehr als 100 Jahre zurückreichende akademische Kooperation zwischen Ärzten aus Deutschland und der Türkei an. Danek: „Viele Studierende beteiligen sich an unseren Projekten, weil sie mit türkischstämmigen Patienten rechnen, wenn sie nach dem Studium eine Praxis eröffnen.”
Projektleiter Prof. Danek ist mit den bisherigen Ergebnissen der Kooperation im Wissenschaftsjahr sehr zufrieden: „Wir werden die Zusammenarbeit mit unseren türkischen Partnern auch in den nächsten Jahren fortsetzen.” Das Deutsch-Türkische Jahr der Forschung, Bildung und Innovation wurde vom Bundesbildungsministerium ausgerufen, um unter anderem die Kontakte zwischen Wissenschaftlern in beiden Ländern zu vertiefen.
Weitere Informationen zum Deutsch-Türkischen Jahr der Forschung, Bildung und Innovation gibt es unter www.deutsch-tuerkisches-wissenschaftsjahr.de, Informationen zur Erich-Frank-Gesellschaft unter www.efg.med.uni-muenchen.de.











