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Autismus: Wie der Einstieg in den Job gelingen kann

04.02.201518:08 UhrGesundheit & Medizin
Bild: Autismus: Wie der Einstieg in den Job gelingen kann
Gut besuchter Fachtag im Ravensburger Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW).
Gut besuchter Fachtag im Ravensburger Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW).

(openPR) Einen Job finden trotz Autismus?

Der Fachtag-Gastgeber, das Berufsbildungswerk Adolf Aich (BBW) der Stiftung Liebenau, bildet derzeit über 70 junge Menschen mit dieser Diagnose aus und beweist seit Jahren mit guten Vermittlungsquoten, dass dies durchaus möglich ist – mit der entsprechenden Förderung und fachlicher Begleitung durch Psychologen, Pädagogen, Erzieher und Ausbilder. Doch insgesamt sieht die Situation für diesen Personenkreis auf dem Arbeitsmarkt nicht allzu gut aus. Oft schaffen Autisten ihren Schulabschluss oder auch noch eine Ausbildung, sind also fachlich fit für einen Job. Doch dann kommt für viele der Knick im Lebenslauf. "50 bis 70 Prozent der Menschen mit hochfunktionalem Autismus beziehungsweise Asperger-Syndrom sind ohne Arbeit", rechnete Dr. Matthias Dalferth, Professor für Soziale Arbeit an der Ostbayrischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg, vor.



Viele Hürden auf dem Weg zum Job

Doch was ist das Problem? Wo liegen die Stolpersteine bei der Jobsuche? Bereits die erste Hürde ist oft schon zu hoch, wie Dalferth weiß: "Die meisten Menschen mit Autismus haben schlechte Karten beim Vorstellungsgespräch." Das liegt an den typischen Kommunikationsfallen im Umgang mit Autisten. Der Bewerber reagiert anders als erwartet, sein Verhalten wird falsch gedeutet, Irritationen sind vorprogrammiert. Werbung in eigener Sache machen? Sich positiv darstellen? Für einen Autisten, der sich strikt an die Fakten hält, ist das schwer – auch wenn er die geforderten Qualifikationen hat.

Job Coaches helfen beim Berufseinstieg

Deshalb benötigen diese Menschen Unterstützung beim schwierigen Übergang in die Arbeitswelt. "With a little help from my friends", wie Dr. Matthias Dalferth seinen Vortrag überschrieb – also mit der Hilfe so genannter "Job Coaches" – könne es funktionieren. Diese mit dem nötigen Know-how ausgestatteten Fachkräfte bereiten ihre Klienten auf den Berufseinstieg vor. Durch Bewerbertraining etwa, die Schulung sozialer Kompetenzen oder die anfängliche Begleitung an den Arbeitsplatz. Aber auch das Umfeld muss sich auf den neuen Mitarbeiter einstellen. "Wichtig ist, dass der Job Coach auch die Kollegen berät." Und dass autismusgerechte Bedingungen am Arbeitsplatz gegeben sind, also eine ruhige und reizarme Umgebung mit Rückzugsmöglichkeiten. Möglicherweise ist auch die Visualisierung der Arbeitsaufträge hilfreich. Es gebe hier zahlreiche Möglichkeiten, das optimale Umfeld zu schaffen, meinte Dalferth: "Man muss sich einfach kreativ auf die Bedarfe einstellen."

Autisten als gefragte IT-Experten

Bei der auticon GmbH ist Autismus kein Hindernis, sondern sogar Voraussetzung für eine Einstellung. Als erstes Unternehmen in Deutschland beschäftigt man dort ausschließlich solche Menschen und nutzt ihre Talente als Consultants im IT-Bereich. Hier bewähren sie sich beim Testen von Software oder in der Qualitätssicherung. Job Coach Judith Schulte ist quasi das Bindeglied zwischen einem auticon-Kunden und dem Consultant und fungiert dabei als Übersetzer und Ansprechpartner für beide Seiten. Oft gelte es, bei Kunden die immer noch allgegenwärtigen Vorurteile auszuräumen, welche durch Filme wie "Rain Man" geprägt sind. Dass die Medienwelt das Thema Autismus aufgegriffen habe, sei zwar schön – "aber es ist immer noch ein verzerrtes Bild".

Fakt ist aber, dass es für Asperger-Autisten durchaus Jobs gibt, die wie für sie gemacht sind. Ihre besonderen Begabungen – ihr Blick fürs Detail, ihr logisches Denken ihre Ausdauer bei bestimmten Kontrollprozessen und ihre originellen Lösungsansätze – zahlen sich gerade in einem Bereich, in dem es um systematisches, strukturiertes Arbeiten geht, für alle Beteiligten aus. "Somit schaffen wir für Autisten und Unternehmen eine Win-win-Situation“, so Judith Schulte.

"Vielleicht bin ich einfach ein bisschen anders?"

Einer, der davon profitiert, ist auticon-Mitarbeiter Thomas Adelmann. Seine Lebensgeschichte ist ganz typisch. Nach dem Abitur hatte er beruflich einfach nicht Fuß gefasst. "Man verzweifelt irgendwann an sich selbst", erzählte er über diese Zeit, als er einfach nicht wusste, was mit ihm los ist. "Vielleicht bin ich einfach ein bisschen anders?" Gewissheit brachte erst die späte Diagnose: Autismus. Und die öffnete ihm letztendlich ganz neue Türen. Seit dem vergangenen Sommer ist der 34-Jährige, der schon als Kind gerne getüftelt und den Computer seiner Eltern bis in die Einzelteile zerlegt hatte, fest angestellter IT-Consultant bei auticon und hat damit sein Talent zum Beruf und seine vermeintliche Schwächen zu seinem Trumpf gemacht.

Weitere Fachvorträge

Vor den beiden auticon-Vertretern hatte beim Fachtag bereits Matthias Huber, Psychologe an der Kinder- und jugendpsychiatrischen Poliklinik in Bern und selbst betroffen vom Asperger-Syndrom, über den Einsatz von Schulbegleitern und Job Coaches informiert. Zudem stellten Gisela Köhler und Gabriele Hörmle vom Kommunalverband für Jugend und Soziales Stuttgart die Ergebnisse eines Forschungsprojektes zum Thema "Beitrag der Eingliederungshilfe zur Inklusion in allgemeine Einrichtungen der Kindertagesbetreuung und Schulen" vor. Und Ulla Mosthaf und Andreas Bothin, langjährige Mitarbeiter einer Autismus-Praxis in Karlsruhe, referierten über die qualifizierte Supervision und Schulung von Schulbegleitern.

Weitere Infos zum Berufsbildungswerk Adolf Aich der Stiftung Liebenau finden Sie unter www.bbw-rv.de

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