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Der letzten Würde beraubt

14.02.200613:45 UhrFreizeit, Buntes, Vermischtes
Bild: Der letzten Würde beraubt
In Haiti behandelt UNSERE KLEINEN BRÜDER UND SCHWESTERN jährlich rund 20.000 Personen kostenlos medizinisch.
In Haiti behandelt UNSERE KLEINEN BRÜDER UND SCHWESTERN jährlich rund 20.000 Personen kostenlos medizinisch.

(openPR) Port-au-Prince/Haiti. Kurz vor der Präsidentschaftswahl wurde ein totes Kind entführt, zusammen mit der Trauergesellschaft. Die Verhandlung mit den Entführern übernimmt der Priester und Arzt Richard Frechette. Der 52jährige arbeitet seit 18 Jahren für das Hilfswerk Unsere kleinen Brüder und Schwestern in Haiti, dem ärmsten Land der westli-chen Hemisphäre. Im Krankenhaus der Organisation behandelt er vor allem Kinder und er fährt in die Slums, um dort die Menschen medizinisch zu versorgen. In seinem Bericht er-zählt Richard Frechette von der Entführung des toten Kindes und dem aufkommenden Zweifel an sein Vertrauen in das Gute im Menschen.



Ich saß auf einem heißen Stein an einer heißen Straße in der heißen Sonne in einem heißen Slum, fast eine Stunde lang, und versuchte wieder einigermaßen zu mir zu kommen. Ich kann mich nicht daran erinnern, schon jemals so traurig und müde gewesen zu sein, alles so absolut satt ge-habt zu haben und von einem solchen Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit über-mannt gewesen zu sein. Dass sich dieser Stein mitten in dem berüchtigten Stadtteil Cite Soleil (Sonnenstadt) befand, ist kein unbedeutendes Detail in dieser Geschichte. Die Blauhelmsoldaten der UN haben Angst dort hinzugehen, genau wie die zwei Millionen Einwohner von Port-au-Prince auch. Ich war da, um die Antwort auf eine einfache Frage zu finden. Kann man darauf vertrauen, dass es etwas Gutes im Menschen gibt oder nicht? Ich hatte immer daran geglaubt, aber nun waren mir grundlegende Zweifel gekommen. Und mit der Antwort auf diese Frage stand nicht nur ein roter Lieferwagen auf dem Spiel, sondern auch meine Berufung.

Es begann an einem Sonntag: Ein kleines Team von uns wurde gekidnappt, als sie auf dem Friedhof von Drouillard ein Kind beisetzen wollten, das in unserem Krankenhaus gestorben war. Urplötzlich befand sich die kleine Trauergesellschaft samt dem toten Kind in der Hand einer Bande von Gangstern.

Dann wurde die Gruppe auseinander gerissen. Die trauernde Mutter wurde gewaltsam aus dem roten Lieferwagen gezerrt, der uns als Leichenwagen dient. Sie wurde ausgeraubt, eingeschüch-tert und bedroht und dann sagte man ihr, sie solle um ihr Leben rennen, während einige auf sie schossen. So rannte sie verzweifelt davon, in Todesangst, ohne zu wissen wohin und ohne eine Ahnung, ob und wo ihr Kind nun zur letzten Ruhe gelegt werden würde. Unser Mitarbeiter Em-manuel wurde zum Friedhof zurückgebracht, wo man ihm die paar Dollar abnahm, die er bei sich trug. Auch er wurde mit dem Tode bedroht, beschimpft, weil er nur so wenig Geld in den Ta-schen hatte, und musste dann, wie die Mutter, um sein Leben laufen.
Eric, unser zweiter Mitarbeiter, und das tote Kind wurden in dem roten Lieferwagen tief in die Slums von Drouillard gefahren.

Dann verspürte einer der Gang anscheinend doch plötzlich einen Anflug von Menschlichkeit und sagte zu seinem Anführer: "Boss, er wollte dieses Kind gerade begraben. Warum lässt du ihn nicht einfach laufen und behältst nur den Wagen?" So wurde Eric schließlich widerwillig entlas-sen, nachdem man ihm alle Wertsachen abgenommen hatte, und er machte sich auf den Weg, die paar Kilometer zum Friedhof zurück, in der prallen Sonne und mit dem Sarg auf dem Kopf. Die Straße war absolut menschenleer, und so musste er jeden Augenblick mit einem Angriff rechnen. Aber, wie wir alle wissen, die schlimmsten Angriffe kommen immer von innen.

Eric ist Waise, aufgewachsen in unserem eigenen Heim und er war schon einmal im Gefängnis. Plötzlich kam ihm der Gedanke, dass ich ihm nie glauben würde, dass er gekidnapped worden sei und der rote Lieferwagen gestohlen wurde. Stattdessen würde ich annehmen, dass er sich das Ganze nur ausgedacht habe, um zu vertuschen, dass er das Auto selbst gestohlen hatte. Im Laufe des langen heißen Tages wurden diese verdrehten Gedanken immer quälender und fingen an, ihn völlig zu beherrschen. Das ging so weit, dass er mich mit einer wütenden Schimpftirade empfing, als ich ihn nach diesem Unglück das erste Mal wieder sah. Er warf mir vor, dass mir seine Situa-tion völlig egal sei und ich nichts unternehmen würde, um ihm zu helfen.

Ich war vollkommen verdutzt und hatte keine Ahnung, was er meinte. Ich hatte von dem Über-fall durch einen Anruf erfahren, als ich gerade mit der Sonntagsmesse in unserem Kinderheim in den Bergen begonnen hatte. Per Handy hatte ich bereits eine Menge Leute organisiert, die ihm zur Hilfe kommen sollten. Und die Anführer der Gangs hatten mir versichert, dass man ihn frei-lassen werde. Aber all das beruhigte ihn nicht, ebenso wenig wie ein Gedicht einen wütenden Bullen beruhigen würde.

Ich bin in Cite Soleil kein Unbekannter. Wir haben dort verschiedene Projekte: Wasservertei-lung, zwei Schulen, ambulante Krankenstationen, Notfallmedizin. Ich zögerte keinen Augen-blick, der ganzen Angelegenheit mit den Banden auf den Grund zu gehen. Als ich dort ankam, wählte ich sofort diesen großen Stein in der Mitte der heißen Straße als Thronsitz für meinen Protest. Zwei verschiedene Anführer kamen, um mit mir zu reden. Warum ich da auf dem Stein sitze? Wenn ich den Lieferwagen zurückhaben wollte, warum sagte ich das nicht einfach? Bitte geh´ nach Hause, wir schicken dir das Auto noch heute zurück. Ok, wenn du nicht ohne den Wa-gen gehen willst, dann setz dich wenigstens in den Schatten, bis wir ihn geholt haben. Wir brin-gen dir auch eine Cola.

Aber es ging ja nicht nur um den Lieferwagen. Mein Protest galt dem, was man einem toten Kind, einer trauernden Mutter, Eric und Emmanuel, meinem ganzen Team, dem ganzen Land angetan hatte. Es ging doch nicht nur um ein Auto!

Als ich mich nicht von der Stelle rührte, sagte Bazo, einer der Anführer, schließlich zu mir: "Mon Père, sind Sie verrückt geworden?"

Ich soll verrückt sein? Das fragst du mich? Deine Freunde kidnappen ein totes Kind, und ich soll derjenige sein, der verrückt ist? Warum macht ihr die Leute kaputt? Warum? Diese arme Frau, die schon genug an ihrer Armut und Trauer zu tragen hat, hatte wenigstens noch die Chance, ihr Kind in Würde und Liebe zu beerdigen. Und ihr habt ihr diese Chance kaputt gemacht. Wenn wir dieses Kind nicht begraben hätten, wäre sein Leichnam am Straßenrand als Futter für Hunde und Schweine gelandet. Und zu ihrer Armut und Trauer jagt ihr der Frau noch einen Todesschrecken ein und lasst sie in Angst und Verzweiflung davonrennen. Und ihr habt den Nerv mich zu fragen, ob ich verrückt bin?

Dann brachten sie den roten Lieferwagen zu mir. Nichts fehlte: Batterie und Wagenheber, Radio und Papiere, alles noch da. "Da hast du ihn, jetzt geh aber auch bitte aus der Sonne. Sie wussten nicht, dass der Lieferwagen euch gehört. Warum bringt ihr nicht ein Zeichen an Euren Autos an, damit jeder sie erkennen kann?" Also wirklich. Muss man sogar noch einen Leichenwagen mit einem Zeichen versehen? Bleiben denn nicht einmal die Toten von diesem Albtraum verschont?

Als ich endlich wieder nach Hause kam, ging ich zuerst in die Kapelle, um eine Minute der Stille zu haben. Dort fand ich Eric, der in einer Ecke saß und weinte. Ich setzte mich zu ihm, und da flossen die Tränen erst recht in Strömen. Er hatte gehört, dass ich selbst nach Cite Soleil gefahren war, um den Lieferwagen zu holen. Daher wusste er, dass ich ihm glaubte. Er erzählte mir schluchzend von seinen Zweifeln, dass ich ihm niemals glauben würde. "Eric, jetzt hältst du dich selbst im Gefängnis. Solche Gedanken helfen dir nie weiter. Sie sind nicht gut für dich. Ich habe dich lieb und ich glaube an dich. Das ist gut für dich. Und du bist gut für mich. Um Gottes Wil-len, hör auf, so verdreht zu denken." Ich nahm das schlichte Kreuz aus Kuhhorn ab, das ich schon seit vielen Jahren um den Hals trug, und legte es ihm an. Es war sicher kein Schmuckstück von materiellem Wert, aber ich hatte das Bedürfnis, ihm ein bedeutsames Zeichen zu geben, etwas was er bei sich behalten konnte. Dann fragte er mich, ob ich wüsste, was für ihn das Schlimmste an der ganzen Sache gewesen sei. Er erklärte mir, dass es der Augenblick war, als er hilflos mit ansehen musste, wie die arme trauernde Mutter in Angst und Verwirrung wegrannte. Er wünsch-te sich so sehr, sie wieder zu finden und ihr zu helfen, und ihr zu sagen, dass er die Beerdigung zu Ende gebracht hatte und ihr Kind liebevoll bestattet habe. Und während ich ihn so ansah und ihm zuhörte, kam mit einem Schlag meine ganze verlorene Energie zurück.

Ja, Menschen sind im Grunde sehr, sehr gut.

Und jetzt ins Bett. Das ist mehr als genug für einen Tag. Aber nicht ohne vorher noch die Worte eines Lieblingsliedes zu lesen:

"Wir werden laufen und nicht müde werden, denn unser Gott wird unsere Kraft sein, und wir werden fliegen wie der Adler, wir werden wieder aufstehen."

In neun lateinamerikanischen Ländern versorgt das Hilfswerk UNSERE KLEINEN BRÜ-DER UND SCHWESTERN über 3.500 Waisenkinder. In Haiti wird Mitte des Jahres das neue Krankenhaus der Organisation eingeweiht. Derzeit werden im bisherigen Kranken-haus jährlich 20.000 kostenlose medizinische Behandlungen durchgeführt. Den Bedarf kann das alte Krankenhaus mit 100 Betten bei weitem nicht mehr decken. Um schwer-kranke Kinder medizinisch versorgen zu können, wird dringend finanzielle Hilfe ge-braucht. So kosten z.B. die Erstuntersuchung eines neu aufgenommenen Kindes mit der überlebenswichtigen Impfung gegen Tetanus, Hepatitis und Typhus zusammen 12 Euro. Spenden sind möglich auf das Konto Nr. 87 47 002, Sozialbank Karlsruhe, Bankleitzahl 660 205 00, Stichwort: „Haiti“. Weitere Informationen unter Tel. 0721-35440-0 oder im Inter-net unter: www.ja-ich-helfe.de


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