(openPR) Für den ERhalt von Hochbegabtenzügen an Gymasien Baden-Württemberg
Zwei Prozent der Bevölkerung gelten als hochbegabt. Sie lernen anders, begreifen schneller und ihre kognitiven Fähigkeiten entwickeln sich früher als die ihrer Mitmenschen. Das gilt für Erwachsene, aber es gilt auch für Kinder und Jugendliche. Deshalb haben Pädagogen und Entwicklungspsychologen erkannt, dass hochbegabte Schüler anders an Bildung herangeführt werden können und müssen. So können sie Inhalte leichter aufnehmen. Experten sind sich hier einig, dass diese spezifische Förderung von Hochbegabten allen Schülern hilft, da sie gleichzeitig eine Entlastung und Harmonisierung für Regelklassen darstellt.
Inzwischen gibt es viele Schulmodelle, von denen Schüler mit hohem Intelligenzquotient profitieren. In Baden-Württemberg gibt es seit fast zehn Jahren das Landesgymnasium Schwäbisch Gmünd. Wenige Jahre später wurden an rund 15 Standorten im Land Hochbegabtenzüge an Gymnasien eingerichtet mit sehr engagierten Ausrichtungen.
Eine Mutter und Expertin im Umgang mit hochbegabten Kinder hat festgestellt: „Für hochbegabte Kinder stellen die Hochbegabtenzüge an den Gymnasien eine große Entlastung dar. Das Lernen unter Gleichbefähigten und die begabungsgerechte Förderung ist für viele dieser Kinder unverzichtbar, haben sie doch bis dahin häufig die Erfahrung machen müssen, dass Schule ihnen "nichts" bieten kann.“
Andere Töne verunsichern gegenwärtig die Eltern hochbegabter Kinder, Beratungsstellen und Mitarbeiter in den verschiedenen Initiativen. Aus dem Kultusbereich ist durchgedrungen, dass die Hochbegabtenzüge im nächsten Schuljahr in Hochbegabtenklassen umgewandelt werden sollen. Nach der letzten Schulleiterkonferenz im November 2013 soll dies nun in der zweiten Januarhälfte des neuen Jahres beschlossen werden.
Was bedeutet das nun für die Schulen und was für die Schüler? Die Schulen verlieren die Möglichkeit, neue Kompetenzen zu entwickeln, pädagogisches Neuland zu erobern und andere Lernformen zu erkunden. Diese Fähigkeiten kämen langfristig nicht nur den Schülern mit hohem IQ zugute, sie könnten auch Einfluss gewinnen für die anderen Klassen.
Die Schüler würden aufgeteilt auf die Parallelklassen, müssten sich einfügen und bei Lerneinheiten immer auf andere warten, bis die auch das Ziel erreichen. Da Hochbegabte eine Minderheit darstellen, sinkt für jeden Einzelnen die Chance, andere Gleichdenkende zu finden, sich im schulischen Bereich mit ihnen auszutauschen. Eine begabungspsychologische Beraterin findet, dass es wichtig ist, dass „Schülerinnen und Schüler auf gleich Befähigte treffen, die ähnlich denken, ähnlich fühlen und ähnliche Erfahrungen gemacht haben.“
Nach dem Wegfall der Hochbegabtenzüge sollen Hochbegabtenklassen dann an deren Stelle treten. Sollte das Kultusministerium sein Ziel erreichen, würde die Hochbegabtenförderung in Baden Württemberg nach und nach abgebaut.
Ehrenamtliche aus dem ganzen Land befürchten, dass die Hochbegabtenklassen von Schuljahr zu Schuljahr um ihre Existenz bangen werden müssen: „Die einheitliche Schullaufbahn für hochbegabte Schülerinnen und Schüler ist damit in Gefahr.“ Diese Praktikerinnen und Praktiker haben deshalb vor wenigen Tagen eine Petition aufgesetzt, die jetzt schon von tausend Gleichgesinnten unterzeichnet wurde. Bis zum zehnten Januar 2014 kann man diesem Vorhaben zu zustimmen. Dann soll die Liste dem Petitionsausschuss des Landtages und dem Kultusressort vorgelegt werden.
Zu den Unterzeichnern gehören Eltern sowie Schülerinnen und Schüler dieser Hochbegabtenzüge, die sich mit Anerkennung zu dem Modell äußern, wie etwa eine Mutter: „Seit mein Sohn einen Hochbegabtenzug besucht, wird er endlich richtig gefördert.“
Das pädagogische Modell hat auch eine wirtschaftliche Komponente. Eine Unterzeichnerin drückt das so aus: „Deutschland hinkt in der Förderung der hochbegabten Kindern vielen europäischen Ländern hinterher. Dies ist eine große Verschwendung geistigen Potentials, das sich ein Land wie Deutschland, dessen Wirtschaft von seiner Innovationskraft abhängt, eigentlich nicht leisten kann.“
Nicht nur Eltern, Kinder und Jugendliche sehen in den Hochbegabtenzügen ein Potenzial. Eine Lehrerin an einem Hochbegabtenzug aus Südbaden erklärt: „Diese Schüler sind für unsere Schule eine Bereicherung, haben einen enormen Wissensdurst und ein sehr großes Interesse an Entwicklungen und Prozessen, die in der Schule gefordert werden. Es ist unsere Pflicht, sich auch um diese Kinder zu kümmern. Ihr schulisches Engagement ist überdurchschnittlich.“
Auch die Wissenschaft sieht die Vorzüge von Hochbegabtenzügen, wie der aktuellen PULSS-Studie vom Jahresanfang zu entnehmen ist. Psychologie-Professor Wolfgang Schneider aus Würzburg, der die Studie geleitet hat, fragte sich: „Zeigen Schüler in speziellen Hochbegabtenklassen bessere Leistungen als Schüler in Regelklassen?“ Sein Ergebnis nach der Erhebung: „Schüler der Hochbegabtenklassen zeigen in all unseren Tests einen deutlichen Leistungsvorsprung.“
Die PULSS-Studie wurde länderübergreifend an vier baden-württembergischen und vier bayerischen Einrichtungen für Hochbegabtenpädagogik durchgeführt. Privatdozentin Eva Stumpf, die die Studie mit begleitet hat, hat zur Schülerentwicklung beobachtet, dass Eltern in den Modellprojekten erfahren haben, was für die Kinder an den Grundschulen zunächst nicht ‚gepasst‘ hat. „Nach dem Wechsel in die Hochbegabtenklasse ist bei ihnen spürbar ein Entlastungseffekt zu sehen.“
Steht den Schulen nun eine neue Belastungs- und Glaubwürdigkeitsprobe bevor oder wird der Rotstift den zahlreichen Initiativen ihr Konzept zusammenstreichen? Die Verantwortlichen im Kultusbereich werden es gewiss schwer haben, ein Aus für Hochbegabtenzüge zu begründen.
Dieter E. Gellermann







