(openPR) Kultur-Spätzeiten, Endzeiten von Zivilisationen: ein in den Romanen von Christian von Kamp immer wieder auftauchendes Thema. In dem kostenlosen eBook Paradision, das sich jeder auf seiner Homepage www.christian-von-kamp.de herunterladen kann, stellt der Autor eine besondere Form spätzeitlicher Kultur vor: Alle Menschen leben, wie Adam und Eva, vollkommen nackt und unbeschwert, und dies in einer Hochkultur, die die Versorgung und den Wohlstand der Menschheit mit ausgeklügelter Technik sicherstellt. Doch die Nacktheit ist nicht etwa Ausdruck einer Bewegung wie Freikörperkultur (FKK) oder Nudismus, hinter ihr verbergen sich Absichten der Regierung, die dem Volk nicht bekannt sind. Das Symbol der Unbekleidetheit, vordergründig Zeichen der Freiheit und des paradiesischen Glücks, wird gezielt als Mittel eingesetzt, um die Menschen gleichmacherisch auf niedrigem kulturellem Niveau zu halten (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Nacktheit_(Topos) ).
Die einfachen Menschen sind - scheinbar - glücklich und zufrieden. Jeder ist ein Künstler. Die Regierung hat aus den Fehlern untergegangener Kulturen gelernt und das Beste aus allen Zeitaltern zusammengetragen, um ein ideales soziales Leben zu ermöglichen. Der Geschlechterkrieg ist unbekannt, Tätigkeit und Muße sind ausgewogen, schon die Dreijährigen werden, angelehnt an die Glücksforschung, eingeübt in Lebensweisen, die zwangsläufig Glück und Zufriedenheit erzeugen müssen. Doch gelegentlich verschwinden einzelne Menschen, auch der Zögling eines Erzieher-Paares. Auf der Suche nach dem Kind machen die beiden eine erschreckende Entdeckung; fortan werden sie verfolgt, während zeitgleich wegen eines Machtwechsels im Weisenrat politische Unruhen ausbrechen.
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Leseprobe:
Sollten es möglicherweise die Erbanlagen gewesen sein? Gene, die ein regelwidriges Verhalten bewirkten? Jun erinnerte sich, daß in seiner weiteren Verwandtschaft innerhalb von fünfzehn Jahren drei solche Fälle vorkamen. Der erste sollte seinen Festtag überschatten. Diese Fälle wurden nie vollständig aufgeklärt. Seltsam die Geduld, mit der seine Familie das Unglück hinnahm und bald wieder zum Alltag zurückfand. Später wiederholte es sich dann bei Puu, und das wurde eine längere Geschichte.
Die erste Formel, die Jun - im Alter von drei Jahren - lernte, lautete: "Das Leben ist reich und schön. Sei dankbar dafür!"
Jun erinnerte sich auch als Mann noch genau an seinen persönlichen "Tag der Ersten Formel". Es war ein großes Fest, das für ihn gehalten wurde, als man ihn für reif genug befand. Am frühen Morgen kamen seine Familie - Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Onkel, Tanten, seine älteren Geschwister - und seine beiden Erzieher in dem Festsaal zusammen, er saß auf einer Art Thron in der Mitte, während sich seine Lieben kreisförmig um ihn herum stellten. Da es sich um einen besonderen Anlaß handelte, trugen die Teilnehmer ausnahmsweise Kleidung, bestehend aus prachtvollen bodenlangen Umhängen mit goldenen, silbernen und kupferfarbenen Mustern.
Zunächst schlossen alle die Augen und schwiegen. Jun, ganz aufgeregt, war sich der Größe des Ereignisses bewußt. Nur seinetwegen waren sie hier versammelt. Das anfängliche Himmelblau des Raumleuchtens ging langsam in einen türkisfarbenen Dämmerton über. An der Decke erstrahlten Sterne. Jun wurde ruhiger, seine Augen, die er vor lauter Unruhe nicht hatte schließen können, fielen zu.
Auf ein Zeichen des Vaters hin sagten alle leise: "Hör, Jun." Und Inee, seine Erzieherin, die er so sehr liebte, sprach mit ihrer hellen Stimme langsam: "Hör, Jun. Das Leben ist reich und schön." Ein Echo wiederholte diesen Satz. Und Luur, Juns Erzieher, den er nicht ganz so sehr mochte, weil er streng sein konnte, sagte jetzt mit einer Milde im Ton, die ihn erstaunte: "Sei dankbar dafür." Wieder ein Nachhall der Worte. Jetzt ließen sich alle im Kreis auf ihre Knie nieder, setzten sich auf ihre Fersen, ergriffen die Hände der Nachbarn, so daß der Kreis sich schloß, und wiederholten einige Dutzend Male die Formel: "Hör, Jun. Das Leben ist reich und schön. Sei dankbar dafür."
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Autor
Christian von Kamp
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