(openPR) Seit dem 05. Juli 2012 liegt der EZB-Leitzins bei 0,75 Prozentpunkten. Die Federal Reserve Bank der USA (FED) hält den Leitzins bereits seit dem 16.12.08 bei 0,25 Prozentpunkten. Die Europäischen Zentralbank (EZB) hat den Finanzmarktakteuren am 06.09.12 signalisiert, daß keinem Staat und keiner Großbank die Zahlungsunfähigkeit droht. Denn erforderlichenfalls werde die EZB Anleihen „bedrohter“ Staaten aufkaufen und so dafür sorgen, daß sich diese zu niedrigen Zinsen refinanzieren können. Auch Banken sollen bei drohender Zahlungsunfähigkeit unbegrenzt Kredite von der Zentralbank erhalten.
Spekulanten können dank dieser Versicherung durch die EZB risikofrei Anleihen von überschuldeten Staaten kaufen und Kursgewinne einstreichen. Die der Banken- und Staatsschuldenkrise zugrundeliegenden Probleme werden dadurch zwar nicht gelöst, immerhin wird aber die Währungsunion (vorübergehend) stabilisiert. Leider sind die Nebenwirkungen dieser Symptomkur nicht unerheblich.
Die erste Nebenwirkung sehen wir am deutschen Immobilienmarkt. Interessenten für ein eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung bekommen sie ebenso zu spüren wie Mieter: Billiges Geld strömt in großen Mengen in Stein und Beton und treibt die Preise hoch. Künstlich niedrig gehaltene Zinsen sind ein Anreiz zur Verschuldung. Investoren gehen im Vertrauen darauf, daß es so weitergehe, größere Risiken ein. Wenn die Zinsen aber wieder steigen – und das werden sie zwangsläufig, weil die großen Mengen frisch geschöpften billigen Geldes letztlich auch zur Geldentwertung führen – kommen viele Schuldner in Schwierigkeiten.
Banken erzielen durch niedrige Zinsen Buchgewinne, weil die Kurse der von ihnen gehaltenen Anleihen steigen. Darüber freuen sich vor allem unrentable Geldhäuser, deren Liquidität chronisch angespannt ist. Gerade die sollten aber rekapitalisiert werden oder schließen.
Niedrige Zinsen machen auch Sparern keine Freude. Für den Aufbau einer Altersversorgung müssen bei realen Negativzinsen in derzeitiger Höhe erheblich mehr Mittel aufgebracht werden – Geld, das die wenigsten haben. Denn nach Abzug der Inflationsrate haben Sparer real weniger Geld auf dem Konto als vorher. Deshalb wird weniger gespart und der Konsum steigt. Auch unüberlegter Konsum, Verschwendung fällt leichter, und auf Kredit wird manches gekauft, was man sich eigentlich gar nicht leisten kann. Man lebt auf Kosten der Zukunft. Geld auszugeben, das keinen Ertrag mehr bringt und real sogar weniger wird, können sich aber nur die wirklich leisten, die das Geld eigentlich gar nicht brauchen.
An den strukturellen Problemen Europas, der USA, Japan und einiger anderer Länder können die Notenbanken mit immer mehr billigem Geld nichts ändern. Politiker und Notenbanker spielen dieses gefährliche Spiel lediglich, um Zeit zu gewinnen, weil sie die Krise nicht lösen können.
Niedrige Zinsen und der Glaube, sie blieben so niedrig, führen auch zu Fehlinvestitionen bei Unternehmen und – vor allem – auf den Finanzmärkten, die doch gerade das größte Teilproblem des gegenwärtigen Debakels sind. Investiert wird, weil die Rechnung infolge der geringen Zinsen aufgeht. Investoren wie Spekulanten gewöhnen sich an die Verfügbarkeit billigen Geldes wie Junkys an seinen Stoff. Und nicht zu vergessen: Regierungen können bei niedrigen Zinsen leichter Schulden machen und brauchen sich weniger anzustrengen, um ihre Haushalte in Ordnung zu bringen und strukturelle Reformen durchzuführen.
Die schädliche Niedrigzinspolitik und die unbegrenzte Geldvermehrung aber aufzugeben, um ihre Nebenwirkungen zu vermeiden, brächte erhebliche Entzugserscheinungen mit sich. Ein erster Vorgeschmack darauf sind die Kurseinbrüche bei Aktien, Industrierohstoffen und Edelmetallen nachdem bekannt wurde, daß es in der FED erste Überlegungen gäbe, das Volumen der Käufe von Treasuries und Hypotheken- Papieren von monatlichen 85 Mrd. Dollar allmählich zurückzufahren.
Die Banken leben gut am Niedrigzins-Subventionstropf von EZB und FED. Sie haben sich offensichtlich schon so daran gewöhnt, daß sie gar nicht mehr ohne die jederzeitige Verfügbarkeit billigen Geldes auskommen.
Wie sähe es wohl mit der Solidität der Bankbilanzen und der Solvenz zahlreicher Schuldner aus, wenn die Zinsen zum Beispiel auf einen der wirtschaftlichen Situation Deutschlands angemessenen Zinssatz stiegen? Sehr wahrscheinlich wäre mit erheblichen Kreditausfällen und einem konjunkturellen (Anpassungs-)Abschwunge zu rechnen. Auch die Finanzierung der im Verhältnis zu den Einnahmen immer noch viel zu hohen Staatsausgaben würde sich gegenüber heute beträchtlich verteuern. Je länger die Niedrigzinsphase andauert, desto heftiger wird die Anpassungskrise ausfallen – im Extremfall als Absturz in die Depression. Deshalb bleibt EZB und FED zunächst gar nichts anderes übrig, als immer mehr Geld zu drucken. Die Zinsen werden mit zunehmender Inflation allmählich zwangsläufig steigen.
Es wird im günstigsten Fall noch Jahre dauern, bis die jetzt fünf Jahre alte Banken- und Staatschuldenkrise überwunden ist und – im günstigsten Fall auch – ihre Ursachen beseitigt sind. Während dieser Zeit müssen die Politiker für eine soziale Stabilisierung der Gesellschaften sorgen. Differenzierte Überlegungen dazu stellt eine Abhandlung mit dem Titel „Unbedingtes individuelles Grundeinkommen in Gestalt einer negativen Einkommensteuer – Kernstück einer unvermeidlichen Radikalreform unserer Gesellschaft“ dar. Sie ist als eBook im eVerlag READ – Rüdenauer Edition Autor Digital, (www.read.ruedenauer.de) erschienen (ISBN 978-3-943788-18-1) und für 9,95 Euro in allen guten (Internet-)Buchhandlungen sowie beim Verlag erhältlich.
In dieser Abhandlung geht es zwar nicht um die Lösung der Banken- und Staatsschuldenkrise und um die Frage, wie deren Wiederholung vermieden werden kann. Sie zeigt aber auf, wie unsere Gesellschaft unter anderem durch intelligentere Organisation der Finanz- und Sozialsysteme stabiler und menschlicher werden könnte. Damit liefert sie Denkanstöße und Anregungen, die den verantwortlichen Politikern in den kommenden voraussichtlich schwierigen Jahren sehr nützlich sein können.
Daß Deutschland bisher so gut durch die Krise gekommen ist, darf nicht den Glauben nähren, es sei ja alles gar nicht so schlimm. Opfer wurden und werden von der Bevölkerung auch hier erbracht – von den Schwächsten. Aber deren Zahl steigt kontinuierlich. Niemand sollte sich deshalb in falscher Sicherheit wiegen. „Was den beutekapitalistischen Lobbydemokraturen eine fragwürdige Stabilität verleiht, ist die Trägheit der Massen mit ihrer Schafsmentalität.“ (Prof. Querulix, Volksmund) „Der Kluge ist der, welchen die scheinbare Stabilität nicht täuscht und der noch dazu die Richtung, welche der Wechsel zunächst nehmen wird, vorhersieht.“ Arthur Schopenhauer)
Im ungünstigsten Fall, wenn die Politiker sich als unfähig erweisen, die wirtschaftlichen Folgen ihrer Krisen-„Bewältigung“ für die Bevölkerung abzufedern, wird Europa möglicherweise in eine wirtschaftliche und soziale Krise stürzen, wie sie zuletzt unsere Großeltern und Urgroßeltern erlebt haben. Dann wäre politisch und sozial wohl wieder alles möglich.
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