(openPR) Mainz und Bad Schwalbach: Die Online-Fachzeitschrift IZPP plant für die kommende Ausgabe ein Themenheft "Mann und Frau". Einerseits wird damit eine Thematik aufgegriffen, die bereits in vielen Bereichen fachlich und öffentlich erörtert wird: Vor allem unter dem Begriff „Gender“, also dem Bezug auf die soziale oder psychologische Seite der Geschlechtlichkeit, finden Debatten zu meist politisch und gesellschaftswissenschaftlich relevanten Fragen statt. Die Diskussionen um die Gleichberechtigung von Mann und Frau, den Umgang mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften oder auch die Vereinbarung von Beruf und Familie berühren aber ihrerseits auch medizinische und psychologische, insbesondere psychosomatische Fragestellungen. In der immer auch biologisch orientierten Medizin scheint darüber hinaus eine Bezugnahme auf die körperlich-geschlechtliche Beschaffenheit des Menschen (engl. „sex“) unumgänglich. Dies drückt sich nicht nur in der traditionellen fachlichen Aufgliederung mit einem eigenen Fachgebiet „Gynäkologie“ aus, sondern z.B. auch in neueren Untersuchungen zu männerspezifischen Gesundheitsrisiken und Behandlungsmöglichkeiten. Jedoch ist diese biologische Komponente medizinischen Denkens auch Anlass zur Kritik geworden, etwa in der Frage, ob eine von Männern dominierte medizinische Wissenschaft einer Behandlung von Frauen überhaupt in der erforderlichen Weise gerecht werden kann. Wenngleich andere Arbeiten die Frage nicht zuletzt aufgrund der deutlich unterschiedlichen Lebenserwartungen im umgekehrten Sinne stellen, wird hier wie dort deutlich, dass auch innerhalb der Medizin der Blick durchaus auch auf eher rollentypisches Gesundheitsverhalten, also auf den Gender-Aspekt, gerichtet werden kann. Das rechtfertigt auch die Frage nach unterschiedlichen Behandlungsangeboten für Männer und Frauen, die zwar immer wieder diskutiert wird und ihren Niederschlag in einzelnen Angeboten psychotherapeutischer oder auch suchttherapeutischer Einrichtungen findet. Allerdings bleibt unklar, warum sich solche Angebote bisher nicht im Sinne etablierter geschlechtsbezogener Konzepte in der medizinischen Wirklichkeit durchsetzen haben können.
In einer Zeitschrift für Philosophie und Psychosomatik wirft die Begrifflichkeit „Mann und Frau“ aber auch philosophische Fragen auf, etwa inwiefern diese Begriffe Gegensatz, Unterschied oder Zugehörigkeit meinen, und inwiefern sie einer Zuschreibung, einer Konstruktion entsprechen oder Gegebenes darstellen. Während die Medizin, und allem voran die Psychosomatik in der Berufung auf ein „bio-psycho-soziales“ Gesundheitsmodell heute darum bemüht ist, sich von der Descarteschen Einteilung abzugrenzen, entdeckt etwa Judith Butler in der Unterscheidung von „sex“ und „gender“ gerade die Descartsche Zweiteilung wieder: Körperliches und Geistiges werden voneinander getrennt definiert und entsprechende Vorstellungen daraus abgeleitet. Hier lässt sich eine Diskussionslinie entdecken, durch die die philosophische Auseinandersetzung über rein definitorische und begriffliche Fragen hinausführt. Wenn etwa in einer Polarisierung der Vorstellungen von Geschlechtlichkeit nicht lediglich „gender“, sondern auch „sex“ zur Konstruktion wird, liegt dann nicht auch die Vorstellung nahe, dass das „Leben“ selber im biologischen Sinne nichts Gegebenes, sondern nur Konstruiertes ist? Dass es „Leben“ mitunter also gar nicht gibt?
Es stellt sich dann die Frage erneut, wie wir über Mann und Frau sprechen und sprechen wollen, wenn unser jeweiliges Verständnis von "Sex" und "Gender" so weitreichende Auswirkungen auf unser Verständnis von "Leib" und "Seele" bzw. "das Leben" hat. Je nach Zielsetzung können Konzepte und Antworten dabei auch verschieden sein. Geht es um politische Einflussnahme, um therapeutischen Erfolg, um Innovation, um Ästhetik etc...? Um reinen Erkenntnisgewinn dürfte es indes nicht immer gehen: Im Bezug auf das Verhältnis Mann und Frau geht es auch hinter vermeintlicher wissenschaftlicher Objektivität der Erkenntnis zumeist um Weltanschauungen, religiöse wie politische Bekenntnisse etc. Das macht nicht zuletzt die gegenwärtige öffentliche Auseinandersetzung um „Homoehe“, „Mutterschaft und Vaterschaft“ oder „Betreuungsgeld“ und „Beschneidung von Jungen“ deutlich. Nicht ohne Grund spielen in der öffentlichen Wahrnehmung dabei die Repräsentanten der abrahamitischen Religionen eine zentrale Rolle. In einem Bezug auf Erzbischof von Köln, Kardinal Meisner, müssen Mann und Frau beispielsweise als von Gott aufeinander hingeordnete Geschöpfe verstanden werden, die „zu Interpreten seiner Liebe werden. Insofern ruhen die Ehe und ihre Unauflöslichkeit auf Fundamenten, die dem Wechsel politischer und gesellschaftlicher Anschauungen vorgeordnet sind und nicht zu deren "Verfügungsmasse" gehören.“ (Joachim Kardinal Meisner am 31. März 2012 in der Zeitung „Die Welt“). Die Auffassung, dass das Verhältnis von Mann und Frau politischen oder gesellschaftlichen Anschauungen vorgeordnet seien, dürfte auch von Seiten anderer abrahamitischer Religionen durchaus Unterstützung finden. An diesen 'offiziell' religiösen Positionen wird deutlich, wie der Mythos vom „Gegebenen“ wirkt. Denn was in wissenschaftlichen Begriffen nur verdeckt geschieht, geschieht in Bezug auf die von Religionsgemeinschaften erfundenen und gleichklingenden Begriffe offenkundig: Bekenntnisse strukturieren maßgeblich die Entwicklung der Gesellschaftsordnungen in den entsprechenden Kulturkreisen. Spätestens wenn sie selber zu Institutionen verfestigt sind, hat man deren Bekenntnisse ihrerseits als „vorgeordnete“ Einflüsse zu verstehen, deren Auswirkungen nie nur von philosophischem oder wissenschaftlichem, sondern immer auch von politischem Interesse sind.
So intendiert das Schwerpunktthema „Mann und Frau“ nicht nur eine Beschäftigung mit den (vermeintlichen) „Gegensätzen“ zwischen den Geschlechtern bzw. zwischen „gender“ und „sex“ oder einer Darstellung der wesenhaften Unterschiede, sondern will auch und vor allem zu einem dialektischen Prozess anregen, der in der konkreten begrifflichen Gegenüberstellung eben nicht erschöpft ist, sondern über ihn hinaus weist. Als Zeitschrift, die bewusst interdisziplinär angelegt ist und die sich einem Austausch zwischen praktisch und wissenschaftlich Tätigen verpflichtet fühlt, steht das kommende Schwerpunktheft der IZPP also ganz in der Tradition der bisherigen Ausgaben.
Daher laden die Herausgeber zu diesem Thema bewusst dazu ein, auch gegensätzliche Beiträge sowie Arbeiten aus sehr unterschiedlichen Disziplinen zur Veröffentlichung einzureichen. Zu beachtende Hinweise für Autorinnen und Autoren sowie die Kontaktadressen der Herausgeber finden sich unter www.izpp.de.







