(openPR) Die Lungenvolumenreduktion (LVR) ist eine Operationsmethode, um Patienten mit einem Lungenemphysem das Atmen zu erleichtern. Coils, Ventile, Verklebungen und Verdampfungen sowie der konventionellen LVR hat man schon mal irgendwo gehört. Dazu tauchen selbstverständlich viele Fragen auf. Ich habe mit Dr. med. D. Frechen, Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Pneumologie, Oberarzt der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums der RWTH Aachen, über dieses Thema gesprochen.
W.R. - Meine erste Frage, was unterscheidet die konventionelle LVR von der endoskopischen LVR?
Dr.D.F. - Beide Verfahren sollen bewirken, dass durch ein Entfernen von sehr geschädigten, wenig zum lebensnotwendigen Gasaustausch beitragenende Lungenbereiche entfernt werden, um weniger geschädigten Lungenbereichen mehr Platz zur Atmung zu geben.
Die konventionelle Lungenvolumenreduktion ist ein chirurgisches Verfahren und wurde bereits in den 50er Jahren entwickelt. Stark geschädigte Lungenbereiche wurden hierbei operativ entfernt. Prinzipiell funktionierte die Idee, hierdurch die Atmung zu verbessern, aber Todesfälle während und nach der Operation verhinderten eine Verbreitung des Verfahrens. In den 90er Jahren wurde das Verfahren mit besserer Operationstechnik und moderneren Anästhesieverfahren erneut aufgegriffen und in einer großen amerikanischen Studie, NETT – National Emphysema Treatment Trial, untersucht (jeweils mehr als 600 Patienten, die operiert oder ausschließlich medikamentös behandelt wurden). Auch hier verbesserte sich die Lungenfunktion und die Lebensqualität, aber wiederum ereigneten sich in Folge der Operation vermehrt Todesfälle.
Möglicherweise stellen Verfahren zur endoskopischen Lungenvolumenreduktion eine sicherere Behandlungsalternative dar. Im Rahmen einer Lungenspiegelung gibt es verschiedene Möglichkeiten stark geschädigte Lungenbereiche zu Verkleinern.
W.R. - Welche Patienten können überhaupt in den Genuss dieser Methoden kommen und welche Ausschlusskriterien gibt es? Gibt es überhaupt Ausschlusskriterien oder kann jeder diese Methoden für sich in Anspruch nehmen?
Dr.D.F. - Prinzipiell kommen die Verfahren für Patienten mit einem Lungenemphysem, das zu einer Belastungsatemnot führt, in Frage. Die Lungenfunktion darf nicht zu gut sein, denn dann ist keine relevante Verbesserung zu erwarten, aber auch nicht zu schlecht, weil dann das Eingriffsrisiko zu hoch wird. In letzter Zeit werden durch zunehmende Erfahrung mit den Verfahren die Kriterien (u. a. Lungenfunktionswerte und Verteilung des Emphysems in einer Computertomographie), bei denen ein gutes Risiko-Nutzenverhältnis eines das Lungenvolumen reduzierenden Eingriffs zu erwarten ist, immer besser untermauert. Ob ein Verfahren in Betracht kommt, sollte direkt mit einem Zentrum, welches das jeweilige Verfahren anwendet, besprochen werden.
Das Verfahren darf generell nicht durchgeführt werden, wenn eine akute Exazerbation vorliegt. Bronchiektasien sind in der Regel ein Ausschlusskriterium.
W.R. - Bei der konventionellen LVR wird ja der Brustkorb geöffnet und die schadhaften Lungenteile operativ entfernt. Ist diese OP-Methode nicht sehr gefährlich und belastend für den Patienten?
Dr.D.F. - Ja, das Risiko schwerer Komplikationen ist erhöht.
W.R. - Wird meine Sauerstoffversorgung des Körpers dadurch nicht weiter reduziert, wenn ich einen Teil meiner Lunge verliere?
Dr.D.F. - Im Gegenteil: Ein sehr geschädigter Lungenteil trägt kaum zur Sauerstoffversorgung des Körpers bei und verdrängt gleichzeitig einen funktionell wesentlich besseren Lungenteil, der dann nur einen Teil seiner Funktion erbringen kann. Entfernt man den sehr geschädigten Lungenteil, ist für den besseren Lungenteil wieder mehr Platz und er kann mehr Funktion erbringen, mehr als der sehr geschädigte hatte. Insgesamt gewinnt daher das Gesamtorgan Lunge an Funktion.
W.R. - Wie muss ich mir die Ventile vorstellen? Ähnlich wie bei einem Autoreifen?
Dr.D.F. - Die Ventile lassen die Luft und das Sekret aus einem Lungenlappen entweichen, aber nicht einströmen, und entlüften ihn daher.
W.R. - Was sind Coils?
Dr.D.F. - Coils sind Spiralen aus Nitinol. Sie werden in gestrecktem Zustand in einem Katheter geliefert. Werden sie freigesetzt, nehmen sie wieder ihre Spiralform an, verformen Bronchien und angrenzende Lunge und hierdurch den behandelten Lappen. Meist werden etwa 10 Coils für einen Oberlappen verwendet
W.R. - Wie groß sind diese Coils? Auf einem Foto schauen sie doch recht groß aus. Und eine weiter Frage schließt sich in diesem
Zusammenhang an. Brauche ich, wenn in meiner Lunge Coils sitzen, einen Ausweis um durch die Kontrollen am Flughafen zu kommen?
Dr.D.F. - Die Coils sind mehrere Zentimeter lang. Ob sie beim Sicherheitscheck im Flughafen einen Alarm auslösen, weiß ich nicht.
W.R. - Da die Ventile ja, damit sie gut funktionieren, elastisch sein müssen, wird ein Weichmacher bei Kunststoffen eingesetzt. Diese Weichmacher stehen im Verdacht, auf den Körper hormonell einzuwirken. Der Vorteil besser atmen zu können, ist natürlich im Vordergrund, aber ich möchte sie trotzdem fragen, ob man das im Hinterkopf behalten sollte? Oder kann man diesen Umstand gänzlich vernachlässigen? Ich denke hier auch an die Kortisoneinnahme, die ja auch auf die Hormone einwirken. So könnte man ja denken, dass es viele Einflüsse auf den Hormonhaushalt gibt, bei der Einnahme von Kortison und nun diese Ventile zusätzlich.
Dr.D.F. - Zwei Ventile zur Implantation in die Bronchien stehen derzeit zur Verfügung. Das Zephyr®-Ventil der Firma Pulmonx und das Spiration®-Ventil der Firma Olympus. Das Zephyr-Ventil besteht aus Silikon und einem Nitinolgerüst. Auswirkungen auf den gesamten Körper sind mir nicht bekannt.
W.R. - Was bedeutet im Zusammenhang mit der LVR das Verdampfen?
Dr.D.F. - Bei einer sogenannten „bronchoskopischen Thermoablation“ wird heißer Wasserdampf ganz gezielt in den zu behandelnden Teil eines Lungenlappens eingebracht. Dies führt zu einem akuten Entzündungsreiz, der den behandelten Lungenbereich vernarben und schrumpfen lässt.
W.R. - Bei einer konventionellen OP, kann ich mir vorstellen, wird das nicht ganz schmerzlos vonstatten gehen. Wie sieht es denn bei den endoskopischen Methoden aus? Sind die schmerzhaft für den Patienten? Und wie lange ist die Nachsorge in der Klinik nach so einem Eingriff?
Dr.D.F. - Heutzutage verspürt der Patient durch die Narkose während einer Operation keine Schmerzen. Nach der Operation tritt jedoch ein Wundschmerz auf, der meist gut mit Schmerzmitteln behandelt werden kann.
In die Lunge eingebrachte Ventile werden nicht verspürt. Sind die Ventile so effektiv, dass sich der behandelte Lungenlappen so schnell verkleinert und dem unbehandelten schnell Platz zum Ausdehnen gibt, kann ein Luftleck in der Lungenhaut entstehen und ein Pneumothorax auftreten. Dies wird vom Patienten meist als Schmerz wahrgenommen und muss mit einem Ableitungsschlauch, der vorübergehend in den Rippenlungenzwischenraum eingebracht wird, behandelt werden. Das Risiko ist in den ersten Tagen erhöht, so dass wir behandelte Patienten nach dem Eingriff wenige Tage stationär beobachten, um im Falle eines Pneumothorax umgehend handeln zu können.
W.R. - Es gibt ja da noch die Methode des Verklebens. Wie muss ich mir das vorstellen? Wird da wie beim Bauen von Häusern ein Komponentenkleber eingesetzt?
Dr.D.F. - Bei der sogenannten „polymerischen Lungenvolumenreduktion“ wir ein Hydrogel-Schaum in den zu behandelnden Lungebereich eingebracht. Auch hierdurch entsteht eine Entzündung, die zu einer Schrumpfung führt. Die Schrumpfung wird bei diesem Verfahren noch durch Resorption von Luft durch das Polymer verstärkt.
W.R. - Wenn ein Ventil oder ein Coil eingesetzt wurde, spüre ich, dass das Teil oder auch mehrere in meiner Lunge sitzen?
Dr.D.F. - Nein.
W.R. - Meist ist es ja so, dass etwas was eine Wirkung hat, auch eine Nebenwirkung an den Tag legt oder legen kann. Was sind die Nebenwirkungen bei den einzelnen LVR-Methoden?
Dr.D.F. - Die größte Untersuchung von Nebenwirkungen wurde bisher von der Firma Pulmonx initiiert. In die VENT-Studie wurden 321 Patienten eingeschlossen, von denen 220 Patienten mit Ventilen behandelt wurden. Die eingeschlossenen Patienten wurden über 12 Monate beobachtet. Nach 3 Monaten war es bei den behandelten Patienten vermehrt zu Exazerbationen der COPD gekommen, die stationär behandelt werden mussten (7,9% vs. 1,1%) und es trat häufiger Bluthusten auf. Über den gesamten Beobachtungszeitraum von 12 Monaten waren Komplikationen bei behandelten und nicht behandelten Patienten aber statistisch nicht mehr signifikant verschieden.
Für alle anderen Verfahren sind bisher nur Fallserien veröffentlicht.
Während die Ventile entfernt werden können, gelingt ein Entfernen von Coils nur selten. Die Behandlung mit Dampf, Schaum oder Operation kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.
W.R. - Sie sagten eben, dass bei den Ventilen die Möglichkeit besteht, dass die Lunge schnell entlüftet wird. Wenn nun die Ventile wegen einer Abstoßungsreaktion wieder entfernt werden müssen, überbläht dann die Lunge genauso schnell wieder wie sie entleert wurde? Oder dauert es doch eine längere Zeit bis sie überbläht und ich habe dann doch einen Vorteil dadurch errungen? Wenn auch nur für vielleicht ein paar Monate oder wenige Jahre.
Dr.D.F. - Theoretisch kann es sein, dass sich der Lappen, aus dem die Ventile entfernt wurden, nur langsam wieder mit Luft füllt und überbläht. Einen spürbaren Effekt über einen Zeitraum von Monaten oder Jahren halte ich für unwahrscheinlich
W.R. - Was geschieht, wenn die Ventile eingesetzt sind und ich einen starken Husten- oder Niesanfall bekomme? Einige Patienten berichten, dass dann die Ventile ausgehustet werden. Kann das passieren?
Dr.D.F. - Ein Aushusten von Ventilen ist mir bisher nicht bekannt.
W.R. - Wie ist das sonst so mit Belastungen. Ich meine nun die außergewöhnlichen Belastungen, wie Sportarten die Erschütterungen auf den Körper ausüben, oder Sex. Können sich die Ventile oder Coils verschieben und dann nicht mehr richtig in der Lunge sitzen?
Dr.D.F. - Von einer körperlichen Belastung, die die Ventile verschiebt, habe ich noch nichts gehört. Die Coils verankern sich dermaßen, dass sie sich sicher nicht verschieben.
Es gibt keine Empfehlung zur Einschränkung der körperlichen Belastung mit Ventilen oder Coils, im Gegenteil, die Behandlung soll die Belastbarkeit erhöhen.
W.R. - Gibt es bei einer dieser Methoden über die wir gerade gesprochen haben, eine Langzeiterfahrung? Oder sind diese Methoden gänzlich neu?
Dr.D.F. - Eine systematische Beobachtung einer größeren Gruppe behandelter Patienten über mehr als 12 Monate hat bisher nicht stattgefunden.
Im Vordergrund steht für die Industrie zunächst zu zeigen, dass ein neues Verfahren bei vertretbarem Risiko effektiv ist. Eine Langzeitbeobachtung nach Behandlung mit Ventilen wurde aktuell begonnen.
W.R. - Herr Dr. Frechen, ich danke ihnen für dieses informative Gespräch und das sie sich die Zeit genommen haben uns die vielen Fragen zu beantworten.
Das Interview führte für den COPD & Lunge e. V., Wolfgang Ramsteiner













