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Lesen und Schreiben kann jeder?

06.09.201211:07 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung

(openPR) Lesen und Schreiben kann jeder – so denken nicht wenige. Doch der Weltalphabetisierungstag der UNESCO am 8. September erinnert daran, dass es immer noch ein Privileg ist, flüssig lesen und richtig schreiben zu können, sogar in Deutschland. Stellen sie sich vor, Sie können keinen Fahrplan lesen, keine Speisekarte deuten, finden keinen Zugang zu einer Produktbeschreibung beim Einkaufen! Erst recht bleibt Ihnen die Welt der Bücher verschlossen. Wie wäre es für Sie, müssten Sie einen Ausweis beantragen und könnten kein Formular ausfüllen? Für Ihr erkranktes Kind ist es Ihnen nicht möglich, eine Entschuldigung für die Schule zu schreiben? Nach einer Studie von 2011 gibt es in Deutschland 7,5 Mio. Menschen, denen es so geht. Unglaublich? Noch weniger vorstellbar ist diese Zahl, wenn man weiß, dass davon 48% einen Hauptschulabschluss und 19% einen Realschulabschluss geschafft haben. Unweigerlich stellt sich die Frage: Wie kommt das? Was sind das für Leute? Alle haben einmal Lesen und Schreiben in der Schule gelernt, aber nicht bis zu einem ausreichenden Grade. So spricht man auch von funktionalen Analphabeten. Schon das Erlernen des Lesens und Schreibens hat ihnen viel, sehr viel Mühe bereitet. Weil diese Heranwachsenden das nicht so schnell lernen konnten, wie es verlangt wurde und ihre Klassenkameraden es geschafft haben, blieben diese Schüler mehr und mehr zurück. Misserfolgserlebnisse häuften sich, nicht nur im Fach Deutsch. Der wachsende Frust führte bald zur Vermeidungshaltung. Anstatt sich die notwendigen Übungsmöglichkeiten zu schaffen, gingen sie – wo es nur möglich war – allen diesbezüglichen Anforderungen aus dem Wege. Das nur unzureichend Erworbene ging so bald wieder verloren. Doch Analphabetismus in Deutschland ist zum Glück keine Sackgasse, denn den betroffenen Erwachsenen kann geholfen werden. Nahezu flächendeckend gibt es Kurse, in denen Erwachsene Lesen und Schreiben büffeln können (Adressen unter www.alphabetisierung.de oder über das Alfa-Telefon 0251 533344). Wir alle, ob Freunde, Partner, Kinder, Eltern oder Vorgesetzte, stehen in der Verantwortung, Betroffene zu ermutigen, diese Kurse zu nutzen. Der Anstoß, Hilfe zu suchen, kommt oft erst von außen. Bei Kindern und Jugendlichen gilt es umso mehr, rechtzeitig vorzubeugen. Zum Glück sind heute Lehrerinnen und Lehrer für dieses Problem viel stärker sensibilisiert. In den meisten Schulen wird für diese Kinder zusätzlich Förderunterricht angeboten. Viele Eltern nehmen dennoch intensive außerschulische Förderangebote wahr, weil sie wissen, wie fundamental das sichere Beherrschen des Lesens und Schreibens für eine erfolgreiche Schullaufbahn ihrer Kinder ist. In die Bildung investiertes Geld, ob das vom Staat oder von den Familien, ist nun mal die wichtigste Investition in die Zukunft unserer Kinder. Allein reicht das aber nicht. Auch Vorbilder sind gefragt. Wie viele Eltern sind sich ihrer Vorbildfunktion in Bezug auf das Leseverhalten bewusst? Nehmen sie selbst regelmäßig Zeitschriften und Bücher zur Hand? Führen sie ihre Kinder frühzeitig an Bücher heran? Können die Kinder dabei lernen, ihre Aufmerksamkeit auf das Betrachten von Bildern, das Sprechen darüber, auf das Zuhören beim Vorlesen zu fokussieren? Anregungen gibt es dazu auch von außen immer mehr. Im November wird zum neunten Male der bundesweite Vorlesetag stattfinden. Bibliotheken laden zu Vorlesestunden ein. Die Bahn macht auch in Sachen Lesen mobil. In Siegburg finden im November wieder die Literaturwochen statt – auch mit Angeboten für Kinder. Zum zweiten Mal bringt sich auch das LOS dabei als Veranstalter ein. Angebote gibt es genügend. Sie müssen nur genutzt werden. Keiner darf mehr auf der Strecke bleiben. Das sind wir dem Einzelnen und uns als Gesellschaft schuldig. Die Autorin, Dr. Petra Stephan, ist Leiterin des Lehrinstitutes für Orthographie und Sprachkompetenz (LOS) in Siegburg. In rund 180 LOS in Deutschland, Luxemburg und Österreich werden zurzeit über 20.000 Kinder und Jugendliche mit Problemen im Lesen und Schreiben gezielt gefördert. Informationen/Hilfe Alfa-Telefon 0251 533344 (Erwachsene) www.alphabetisierung.de (Erwachsene) www.LOS.de (Kinder und Jugendliche)

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