(openPR) Als ich kürzlich auf einem 1. Mai-Fest in Baden-Württemberg Getränke ausschenkte, beantwortete der Vater eines ca. 8 jährigen Jungens meine Frage, ob er ein Glas zur Limoflasche dazu haben wolle, mit: „ Noa, oa echter Mann suafft us da Flaschn!“
Mit so einem ähnlichen Männerbild sind viele Männer in meiner Generation aufgewachsen. Der Mann muss stark sein, etwas leisten im Leben, sollte keine Schwächen zeigen und eine Familie versorgen können. In meiner Jugend und Sturm- und Drang-Phase, trafen wir uns mit den Mädels im Park und veranstalteten dort Mofa-Rennen und Bier-Wettsaufen. Nach irgendwelchen, teils unsichtbaren, aber für jeden spürbaren Kriterien, wurde unter den jungen Männern eine Rangordnung ausgehandelt.
Der Stärkste bekam die Schönste ab. Um den Rest der Herde balgten sich die Anderen, teils mit echten Faustkämpfen, teils auf dem Fußballfeld. Schon damals hatten mich diese Umgangsformen nicht ganz glücklich sein lassen, wozu sicherlich beitrug, dass ich selber nicht die Position des Herdenführers innehatte. So brachte ich hier und da anderes Gedankengut, von der 68er Bewegung inspiriert, an Mann und Frau. Und stieß in meiner dörflichen Clique damit auf brüske Ablehnung: „Du Schwuler“, oder „du bist doch schizophren!“, waren die Lieblingsbeschimpfungen von Boller (so hieß der Korpulenteste aus unserer Gruppe, nicht der Herdenführer!) und Co.
Kürzlich besuchte ich eine Coaching-Fortbildung in Norddeutschland. In unserer Kleingruppe waren wir drei Männer und drei Frauen. Wir beschäftigten uns mit der eigenen Biographie, und in einer Übung wurden wir von dem Dozenten aufgefordert, uns ein Bild über die Anderen zu machen, wie diese wohl früher, in ihrer Persönlichkeitsstruktur gewesen sind. Es ging um Einschärfungen und Antreiber, bekannt aus der Transaktionsanalyse. Als ich an der Reihe war, meinte eine Frau aus unsere Gruppe: „Der Norbert war früher bestimmt mal ein Frauenversteher!“ Mich traf diese Aussage wie ein Schlag. Zu gut hatte ich noch die vielen Schimpfwörter aus meiner Studentenzeit und den ersten Berufs- und Karrierejahren im Gedächtnis. Und „Frauen-Versteher“ kam noch vor „Sauna-unten-Sitzer“ und „Turnbeutel-Vergesser“. Doch bevor meine Verstörtheit wirklich auffiel, rehabilitierte mich eine der anderen Damen mit dem Spruch: „Ich glaube - der Norbert war früher eher ein Frauenheld und Casanova!“ Die Dritte im Bunde, stimmte nickend zu. Ich muß ehrlich bekennen, dass mich die zweite Aussage zuerst mit etwas Stolz erfüllte, und ich erst einmal wieder tiefer durchatmen konnte.
Etwas später, begann ich über die Szene zu reflektieren, und fragte mich, was denn eigentlich falsch daran sei, die Frauen zu verstehen. Um die Antwort vorwegzunehmen:
„Mir ist kein negatives Kriterium eingefallen.“ Tatsächlich habe ich schon in meiner Jugend, so manchen Schmerz meiner Altersgenossinnen verstehen können. Und auch heute verstehe ich mich mit dem anderen Geschlecht meistens sehr gut.
Gleichwohl ist die beschriebene Situation charakteristisch für tiefsitzende Muster in unserer Lebens- und Arbeitswelt. Auch heute sorgen die Casanovas und Alpha-Männchens immer wieder für Aufsehen, und finden in Berlusconi, Strauss-Kahn und Co. prominente Vertreter. Und auch in unserer deutschen Wirtschafts- und Medienwelt, fällt einem der eine oder andere schnell dazu ein.
Was bedeutet das nun, für das, diesem Artikel überschriebene, Thema „Gender Dialog“?
Vor allem vor dem Hintergrund, dass in den deutschen Großkonzernen eine gesetzlich festgelegte oder freiwillige Frauenquote von 30 Prozent in den Führungspositionen, immer näher rückt.
Nun, zum einen, hören meine Kolleg-innen und ich, immer wieder von Schwierigkeiten, die die beiden Geschlechter im täglichen Business miteinander haben. Angefangen bei Aussagen wie: „Das ist unsere Quotenfrau!“ oder „Wir drei Frauen leisten in unserer Abteilung so viel wie die anderen 10 Männer zusammen!“ Bis hin zum totalen sich-gegenseitig-nicht-verstehen.
Hier öffnet sich ein weites Feld um aufeinander zuzugehen, sich alten Vorurteilen, Prägungen und Schmerzen bewusst zu werden, und sich zu öffnen, für eine moderne von Männern und Frauen gleichermaßen geprägte und erfüllte Arbeitswelt.
Und für uns Männer heißt es Abschied nehmen, von so manchen Prägungen, lieb- gewonnenen Begünstigungen und eingefleischten Plattitüden. Das Patriachart feiert seine eigene Beerdigung. Dafür können wir uns freuen auf einen echteren, gleichwertigeren und authentischeren Kontakt mit dem anderen starken Geschlecht!
Als Coaches und Berater-innen sind wir aufgerufen diese Prozesse zu fördern und zu begleiten. Dies setzt für jeden von uns voraus, egal ob Mann oder Frau, sich selber persönlich eingehend mit dieser Thematik zu beschäftigen, um sich einem fruchtbaren Gender Dialog stellen zu können.











