(openPR) Seit einigen Jahren weht ein neuer Wind durch die Abteilungen deutscher Unternehmen: Quality Management heißt das Zauberwort, mit dem die Firmen sich quasi selbst normieren; oft als Vorarbeit für eine angestrebte ISO-Zertifizierung. Die soll den Geschäftspartnern und Kunden signalisieren, dass sie es hier mit einem durchorganisierten, zukunftsorientierten und qualifizierten Partner zu tun haben. „Hervorragend für die Zukunft aufgestellt“ schwelgt dann die Firmenphilosophie. Doch oft ist dann der ganze Laden gut aufgestellt, die Mitarbeiter aber fallen um.
Protokolle, Reportings, Meetings, Tagesordnungspunkte, Jahreszielvereinbarungen, Führungsleitlinien – als „Prozessoptimierung“ getarnt werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu normiertem Verhalten gezwungen. Abweichungen davon werden geahndet, bis hin zur Abmahnung. So hecheln die Angestellten den strengen Anforderungen dieses Regelwerks hinterher und sind mehr und mehr verunsichert, ob sie auch an alles gedacht, jede Excel-Tabelle aktualisiert und alle Reportings reported haben.
Die hannoversche Therapeutin Tabea Winkler hat vermehrt Klienten in ihrer Praxis für Psychotherapie, die sich diesen formalen Zwängen nicht mehr gewachsen fühlen und unter Burnout-Symptomen leiden. „Speziell die Anforderungen an das mittlere Management sind enorm gewachsen und machen die Betroffenen zu Erfüllungsgehilfen und damit mehr und mehr krank“ berichtet Winkler aus ihrer Praxis. „Da finden keine Gespräche mehr auf dem Büroflur statt, sondern es gibt einen wöchentlichen Fixtermin für den persönlichen Austausch. Mit Tagungsordnungspunkten und der Dokumentation des dafür erforderlichen Zeitbedarfs. Es gibt Zielvereinbarungen, die zum Teil sehr persönliche Statements abverlangen“. Dies belaste die Arbeitnehmer sehr, weil sie ständig mit der Angst leben, ihre eigenen Kriterien nicht erfüllen zu können.
Macht also dieses „Quality Management“ krank? Führt es zum Burnout? Personaler sind da unterschiedlicher Meinung. Die Vertreter der mittlerweile „Human Resources“ genannten Personalabteilung folgen gern den Zielen der Unternehmensführung; bieten sie doch ein neues, weites Betätigungsfeld jenseits der ehemals eher verwaltungstechnischen Aufgaben. Freie Personalberater sehen das anders und attestieren, dass mehr Regularien die eigene Kreativität und Entscheidungsfreiheit hemmen. Deregulierung hingegen fördere Querdenken und beschleunigt die Arbeitsprozesse. Bei einer Quote von nahezu 80% „inneren Kündigungen“ bei deutschen Arbeitnehmern stellt sich in der Tat die Frage, ob die Unternehmen hier auf dem richtigen Weg sind.
„In mir bekannten Fällen“, so Tabea Winkler, „finden auch völlig kontraproduktive Prozesse in den Unternehmen statt. Da wird auf der einen Seite interdisziplinäre Kommunikation verhindert und auf dann sollen wieder Teamworkshops den Gemeinschaftsgeist beschwören“. Bei den Arbeitnehmern führt die bedingungslose Befolgung dieser Reglements oft zu einer stoischen Arbeitsmoral. Man macht mit, um nicht aufzufallen und im Hinterkopf machen sich ganz andere Gedanken breit. Man sieht die eigene Firma nur noch als „Selbstverwaltungs GmbH“ und merkt, dass neue Kunden und Aufträge durch all diese Maßnahmen nicht generiert werden.
Es stellt sich die Frage, ob diese Ausprägung der modernen Arbeitswelt nicht tatsächlich die Keimzelle der wachsenden Burnout-Problematik darstellt. Therapeutin Winkler ist davon überzeugt: „Das Leben, auch das Berufsleben, passt nun mal in keine Exceltabelle“.
Besonders betroffen sind dabei ältere Arbeitnehmer, die noch Zeiten miterlebt haben, in denen die Dinge einfach zwischen Tür und Angel geklärt wurden. Wo früher zur Meldung einer defekten Glühbirne im Büro einfach der Hausmeister angerufen wurde, muss heutzutage ein Online-Auftrag im Intranet an den Einkauf, der jetzt Purchasing heißt, gestellt werden. Da stößt man gerade bei den Erfahrenen auf Unverständnis und Kopfschütteln. Kreative Freidenker, Kommunikationsfachleute und Freunde der eigenverantwortlichen Arbeit verzweifeln schnell an diesen Anforderungen.
Bei aller Liebe zum Prozessmanagement und normierten Verfahrensweisen sollten die Unternehmen besser eine weitere Regel einführen und laufend überprüfen, ob es nicht insgesamt zu viele Regeln sind, meint Tabea Winkler. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mehr Freiheiten bei der Ausübung ihrer Tätigkeiten haben, würden seltener krank und identifizieren sich mehr mit ihrem Unternehmen. Die neue Abteilung „Health Management“ hätte dann deutlich weniger zu tun.









