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Sexuelle Gewalt: Jede 2. behinderte Frau ist ein Opfer

12.12.201113:42 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft
Bild: Sexuelle Gewalt: Jede 2. behinderte Frau ist ein Opfer
Die dbb jugend nrw führt seit 1999 Selbstbehauptungs-Trainings für Mädchen mit Behinderungen durch
Die dbb jugend nrw führt seit 1999 Selbstbehauptungs-Trainings für Mädchen mit Behinderungen durch

(openPR) Die erste repräsentative Studie, die sich mit den Erfahrungen behinderter Frauen in Deutschland beschäftigt, offenbart furchtbares: Fast jede zweite Frau mit Behinderung ist Opfer sexueller Gewalt. Die dbb jugend nrw versucht, vor allem Mädchen mit Behinderungen gegen Übergriffe stark zu machen.

Die Zahlen sind alarmierend und zeigen eine grausame Wirklichkeit auf: Für viele körperlich oder geistig eingeschränkte, blinde und gehörlose Frauen sind sexuelle Übergriffe an der Tagesordnung. Besonders hart trifft es die, die in betreuten Einrichtungen leben. Mit 31 Prozent, so die Studie der Universität Bielefeld, ist fast ein Drittel der dort lebenden Frauen von sexuellen Übergriffen betroffen. So müssen sie erdulden, an intimen Stellen berührt zu werden oder man verlangt ihnen ab, sich selbst oder andere dort zu berühren.

Vergleicht man diese vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebenen Studie mit einer nicht repräsentativen aus dem Jahr 2004, so ist die Zahl der Übergriffe um über 20 Prozent gestiegen. Teilgenommen hatten an der Umfrage insgesamt 1.561 Frauen im Alter zwischen 16 und 65 Jahren. Viele der Frauen, die hier zu Wort kamen, berichteten darüber, schon als Kinder sexuell missbraucht worden zu sein. Sie sind zwei- bis dreimal häufiger von sexuellen Übergriffen oder Missbrauch betroffen als Frauen im Bevölkerungsdurchschnitt.

Die Täter manipulieren Kinder, die häufig aufgrund ihrer Behinderung nicht so selbstbewusst sind. Als erwachsene Frau kennen sie es später nicht anders und das Risiko, erneut zum Opfer zu werden, sei dann noch höher, erklärte Studienleiterin Monika Schröttle gegenüber dem WDR. Außerdem gaben mehr als 80 Prozent der Frauen an, diskriminiert zu werden. Dreh- und Angelpunkt für solche Übergriffe, gleich ob gewalttätiger oder sexueller Natur, liegen nach Einschätzung der Experten im geringeren Selbstwertgefühl vor allem körperlich eingeschränkter Frauen.

Das zeigt, wie wichtig es ist, vor allem Mädchen, die eine Behinderung haben, frühzeitig zu stärken und selbstbewusst zu machen. "Die dbb jugend nrw bietet aus diesem Grund schon seit vielen Jahren ein Selbstbehauptungstraining für Mädchen und junge Frauen mit Behinderung an", erklärt der Stellv. Vorsitzende der dbb jugend nrw, Jano Hillnhütter. In der Obhut qualifizierter Trainerinnen, die in die Schulen oder in die Einrichtungen kommen, lernen Mädchen dort frühzeitig, sich Gehör zu verschaffen und selbstbewusst aufzutreten. "Mädchen und junge Frauen mit Behinderung sind oft damit konfrontiert, dass sie übersehen oder nicht ernst genommen werden, oder dass über sie bestimmt wird. Gesellschaftlich werden Sie als Randgruppe betrachtet, der wenig Mitspracherecht zugestanden wird", so fasst Hillnhütter die Problematik zusammen, die später solche Kinder zu Opfern werden lässt.

Das Überschreiten von persönlichen Grenzen sowie sexualisierte Übergriffe erleben Mädchen und junge Frauen meistens im Nahbereich, so bestätigen die Studienergebnisse aus der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. In der häuslichen Umgebung, in der Familie, der Wohngruppe, in der Schule, in Freizeiteinrichtungen oder in Pflege- und Behandlungssituationen - es gibt unzählige Orte, an denen behinderte Frauen in solche Situationen geraten. Die Erfahrung, dass ihre Sexualität tabuisiert wird, macht es zusätzlich sehr schwer, darüber zu sprechen.

Aus diesem Grund hat die dbb jugend nrw bei der Konzeptionierung der Trainings besonderen Wert darauf gelegt, dass es in einem "geschützten Raum", also ohne Störungsmöglichkeiten von außen stattfinden kann. Mädchen und junge Frauen mit Behinderung sind oft im Alltag auf Pflege- und Hilfeleistungen von Betreuerinnen und Betreuern angewiesen. Das bringt eine besondere Gefahr mit sich: Grenzverletzungen sind besonders leicht. Umso wichtiger ist es für betroffene Mädchen und Frauen, dass sie lernen, wie sie sich selbst helfen können, wenn sie geärgert oder im schlimmeren Fall festgehalten werden. Was können sie selbst tun, wenn man sie gegen ihren Willen küssen will und wenn ihr „nein“ nicht akzeptiert wird? Wie können sie Hilfe holen? Die Trainings der dbb jugend nrw, die schon seit vielen Jahren in Zusammenarbeit mit den Schulen und Einrichtungen stattfinden, setzen genau hier an.

Nach den erschreckenden Ergebnissen der Studie hat auch das Familienministerium reagiert. Der Bundestag hat vor wenigen Tagen einstimmig den von der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder vorgelegten Gesetzesentwurf zur Einrichtung eines Frauenhilfetelefons beschlossen. Im Laufe des kommenden Jahres sollen Beraterinnen eingestellt werden, die zentral Mädchen und Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, mit Ansprechpartnerinnen vor Ort weiterhelfen können.

Ministerin Schröder versteht das neue Hilfetelefon als wichtige Ergänzung zu bestehenden Beratungsangeboten gerade für solche Gewaltopfer, für die der Weg in eine Beratungsstelle körperlich, sprachlich oder kulturell bedingt eine große Hürde darstellt: etwa Frauen mit Migrationshintergrund, Opfer von Menschenhandel und Zwangsverheiratung oder Frauen mit Behinderung. Den Planungen nach soll das Nottelefon Ende 2012 freigeschaltet werden.

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