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Achim Kaufmann: Verivyr VÖ 29.7.2011 (Pirouet/Edel:Kultur)

27.07.201117:55 UhrFreizeit, Buntes, Vermischtes
Bild: Achim Kaufmann: Verivyr VÖ 29.7.2011 (Pirouet/Edel:Kultur)
Out Now-Achim Kaufmann: Verivyr VÖ 29.7.2011 (Pirouet/Edel:Kultur)
Out Now-Achim Kaufmann: Verivyr VÖ 29.7.2011 (Pirouet/Edel:Kultur)

(openPR) Er liebt das Überraschende, nicht Erwartbare. Und seine Musik hat stets auch etwas Geheimnisvolles, das den Hörer herausfordert und inspiriert. Der deutsche Pianist Achim Kaufmann – einer „der kühnsten deutschen Jazzpianisten“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) – legt hier wieder Aufnahmen mit einem Klaviertrio-Jazz vor, der in keine Schublade passt. Wild und streng zugleich ist diese Musik. Sie steckt voller Freiheiten, die aber nur durch äußerste Disziplin zustande kommen. Lauter Kompositionen des Bandleaders sind hier zu hören. Und die sind im Grunde subtile Inszenierungen des musikalischen Potenzials, das dieses deutsch-isländisch-amerikanische Trio hat. Achim Kaufmann, Klavier, Valdi Kolli, Bass, und Jim Black, Schlagzeug – das ist die Besetzung, die man aus der Pirouet-CD Kyrill von 2008 kennt. Kyrill war der Name eines Wirbelsturms, der genau an dem Tag über Europa fegte, als die drei Musiker damals nach München reisten, um die Aufnahmen für die CD zu machen. Der 1962 in Aachen geborene



Achim Kaufmann, der jetzt in Berlin lebt, wohnte damals in Amsterdam – und in Holland maß man an jenem Tag Windstärke zehn (Sie konnten dennoch reisen, und die Reise ging wundersamerweise ohne Komplikationen ab). Eine Musik von immenser Spannung entstand unter dem Eindruck dieser Naturgewalt. Und prägt die Spielweise dieses Trios immer noch – das sich deshalb auch Trio Kyrill nennt. In den neuen Aufnahmen ist die gleiche Kompromisslosigkeit zu spüren – und eine Ausdruckskraft, die einen immensen immensen Sog entwickelt. Rätselhaft und auf eine energiegeladene Art schön sind die Stücke dieser CD. Verivyr nennt sie Achim Kaufmann mit einem Kunstwort. Ein Titel, so Kaufmann, „der vielleicht unterschiedliche Assoziationen zulässt (hoffentlich ähnlich wie die Musik …): Man könnte damit in Verbindung bringen: verify - river - fire - und auch ‚yr’ von ‚kyrill’“.

Hören, sich fallen lassen – und der Vorstellungskraft freien Lauf lassen. Das könnte die Gebrauchsanweisung sein, die in diesem Titel steckt. Ein aufregender Fluss musikalischer Gedanken, die Hitze des kreativen Moments, die Intensität der Begegnung – das alles mischt sich hier mit dem Reiz des ständigen Neu-Entdeckens (und damit „Überprüfens“) musikalischer Möglichkeiten. Man wird schnell hören, wie vielfältig die Möglichkeiten dieses Trios sind. In ihnen potenziert sich auch die Kraft der Besonderheit. Denn wegen der geographischen Entfernung, die diese Musiker überbrücken müssen, wenn sie zueinander kommen wollen, und auch wegen des stark ausgebuchten Terminkalenders von Schlagzeuger Jim Black können Kaufmann, Kolli und Black immer nur alle paar Jahre ein gemeinsames Projekt realisieren. Im September 2010 konnten sie zum ersten Mal nach drei Jahren wieder auf Tournee gehen. Achim Kaufmann hatte dafür neue Stücke geschrieben, die dann bei den Konzerten – und den Aufnahmen für diese CD – ihre endgültige Gestalt annahmen.

Die Spannung ist hier schon in den ersten Tönen zu spüren, wenn sich aus leisen Geräuschen, die wie lose Partikel im Raum zu schweben scheinen, plötzlich ein Thema formt, als hätte plötzlich eine geheimnisvolle Kraft die frei fliegenden Gedanken der Musiker gebündelt. Schnell wird hier auch klar, dass es um Musik geht, die den Hörer zum sinnlichen Mit-Erleben herausfordert – und nicht zum Nachgrübeln, was denn hier eigentlich passiere. Ein Sog der Klänge. Und der Stimmungen. Warum dieser Sog so stark ist, versteht man etwas mehr, wenn man weiß, was Achim Kaufmann über seine Mitmusiker sagt. Den Schlagzeuger Jim Black erlebte Achim Kaufmann vor einigen Jahren in einem völlig frei improvisierten Konzert. Blacks Klang und sein kraftvolles und dabei wach auf Stimmungen reagierendes Spiel faszinierten ihn so sehr, dass er schließlich bei dem 1967 in Kalifornien geborenen Musiker anfragte, ob er mit ihm in einem Trio spielen würde. Black, sagt Kaufmann, „hat einen ganz eigenen Klang und Approach; er sucht aber immer nach dem Kern des Stücks, spielt sehr song-orientiert“. Den isländischen Bassisten Valdi Kolli – der eigentlich Valdimar Kolbeinn Sigurjónsson heißt – kennt Kaufmann aus Amsterdam. Neben Jazz hat Kolli auch klassische Musik, Pop, Dance Music und Rock gespielt sowie Filmmusiken gemacht. „Kolli hat einen tollen Sound“, sagt Kaufmann, „er kann ganz frei, aber auch rhythmisch komplex spielen. Und er macht Sachen, die mich auch überraschen.“

Eine Ideal-Besetzung ist dieses Trio also für den Leader. Eine Kombination, in der sich seine Vorstellung von Freiheit und Ordnung besonders virtuos realisieren lässt. Den Stücken liegt in der Regel keine feste Form zugrunde, die ständig wiederholt wird. Sondern die Form kann jedes Mal neu improvisiert werden. „Jazz braucht kein Gerüst von 32 Takten.“ Davon ist Kaufmann überzeugt. Die Länge eines Stücks – oder seiner Form-Bestandteile – darf durchaus den Musikern bei jedem Konzert neu anheimgestellt werden. Kaufmanns Kompositionen für diese CD boten den Musikern gerade in dieser Hinsicht viel Freiraum. Es gibt thematisches Material, das manchmal sehr knapp ist, manchmal mehr ausgearbeitet. Eine „ganz kurze Form“ haben dennoch einige wenige Stücke, wie hier etwa Berlin No Lights. Insgesamt kam es Kaufmann darauf an, dass jedes Stück „eine klare Identität“ hat: Charakter, Tempo, Stimmung sind definiert. Diese Identität im Detail auszugestalten, lebendig werden zu lassen, sie Gestalt gewinnen zu lassen, das war die Aufgabe des Trios im konkreten Moment der Einspielung.

Das ist ein Konzept, das jedes Klischee von vornherein ausschließt. Es ist Musik, die nur gespielt werden kann, wenn sich die Musiker in jedem Augenblick auf dem Gipfel der Konzentration befinden. Es gibt hier keine abrufbaren Jazz-Konventionen, sondern nur neu gedachte und verwirklichte Zusammenhänge. Deshalb haben diese Stücke eine sofort spürbare Frische – bei aller Komplexität des Hör-Erlebnisses. Diese Musik – ein in vielen Nuancen hochraffinierter Trio-Jazz, der viel aus der Tradition des freien Jazz schöpft, aus Errungenschaften, die auf Musiker wie Ornette Coleman zurückgehen - ist garantiert nicht nebenbei zu hören, nicht „konsumierbar“, sondern es ist eine Musik, die die ganze Aufmerksamkeit des Hörers braucht. Doch dann kann man spannende Entdeckungen machen. Achim Kaufmann spricht von seinen Stücken auch immer wieder mit dem Begriff „Song“. Das heißt, „Gesangliches“, melodisch Greifbares spielt hier eine Rolle – wechselnd mit freien Passagen. Im Kontrast zwischen freier Bewegung und auf ganz feine Art griffigem Material will er Stimmungen schaffen und die Musik Geschichten erzählen lassen.

Es ist eine ganz eigene Welt, in die sich der Hörer hier hineinversenken kann. Und nicht zuletzt die Welt der eigenen Phantasie des Hörers. Um die zu beflügeln, helfen hier auch die Stücktitel, die – wie immer bei Achim Kaufmann – reizvolle Rätsel aufgeben. Relativ schnell entschlüsseln lassen sich noch Titel wie Gatur i Christiania, Spaziergang in Christiania, einem Stadtteil von Kopenhagen. Ein solcher Spaziergang ebendort inspirierte Achim Kaufmann zu der Komposition. Ein Titel wie Kobuk ist da schon subtiler: Eigentlich, so Achim Kaufmann, „sollte das Stück ‚Qualtinger’ heißen“; denn es ist eine Hommage an den großen österreichischen Schauspieler, Kabarettisten und Rezitator Helmut Qualtinger, der von 1928 bis 1986 lebte. Kobuk ist der Name eines von Qualtinger erfundenen Schriftstellers. 1951 entwendete Qualtinger Briefpapier des PEN-Clubs und kündigte in darauf verfassten Mitteilungen an österreichische Zeitungen den Besuch eines bedeutenden Schriftstellers aus Grönland an, nämlich Kobuk. Als am Wiener Westbahnhof dann wirklich am Tag der fiktiven Ankunft zahlreiche Reporter auf den ominösen Herrn Kobuk warteten, stieg Helmut Qualtinger aus dem Zug und verkündete auf die Frage, wie ihm Wien gefalle: „Haas is’“ („Es ist hei?). Das Musikstück erzählt dazu eine eigene Geschichte, die voll von leiser Ironie und hintergründiger Spannung ist. Fada Verde ist der Name eines Getränks: Absinth, der wegen seiner grünen Farbe auch grüne Fee („fada verde“) genannt wird. Absinth war einst die Mode-Droge von Schriftstellern und bildenden Künstlern wie Baudelaire, Gauguin oder auch Oscar Wilde, wurde im 20. Jahrhundert in vielen Ländern verboten und ist seit einigen Jahren wieder erlaubt. Der Stücktitel entstand aufgrund eines Tournee-Gags, als die Musiker auf die Idee kamen, solch ein Getränk zu kaufen, es aber nicht bekamen: Dieses Ereignis fand dann einen musikalisch ziemlich trunken machenden Niederschlag.

Der Titel Lonceng-Lonceng greift das indonesische Wort für „Glocken“ auf – für eine Musik, die entfernt von Gamelan-Musik beeinflusst ist. Le Quadrimoteur (Wols) – was gewöhnlich für ein viermotoriges Flugzeug steht – bezieht sich laut Achim Kaufmann auf ein Bild des Künstlers und Fotografen Wols (1913-1951). Das Stück habe Achim Kaufmann an Wols’ Art zu zeichnen erinnert, ein Geflecht von Spuren, von Linien, die etwas Eruptives haben und in der Abstraktion oft an Gegenständliches erinnern, oft nicht zuletzt an Gesichter. „Falsche Oktaven“, also Intervalle wie Nonen und Septimen hat Kaufmann darin verwendet und schuf damit ein Spiel der inspirierenden Irritationen. Im Schluss-Stück E Jinx verweist der Titel auf Fluch und Hexerei – und die Musik schafft mit uhrwerkartig vorwärtshämmernden Motiven eine hypnotisch reizvolle Monotonie, die so monoton gar nicht ist. Einen Titel wie Bright Industrial Smile oder Berlin No Lights wiederum kann man sich schon vom Wortklang her auf der Zunge zergehen lassen. Weite Räume für die Phantasie: Das sind die Stücke (und ihre Titel) auf dieser CD. Mit einer Musik voller unaufdringlicher Virtuosität, die stets im Dienst des Ausdrucks steht. Und mit Klängen, die immer neue Welten eröffnet – um so mehr, je öfter man sie hört.

+++Besetzung+++

Achim Kaufmann piano
Valdi Kolli bass
Jim Black drums

+++Diskografie auf Pirouet Records+++

Als Leader

2011 Achim Kaufmann: Verivyr (Achim Kaufmann, p · Valdi Kolli, b · Jim Black, dr) · PIT3057

2008 Achim Kaufmann: Kyrill (Achim Kaufmann, p · Valdi Kolli, b · Jim Black, dr) · PIT3034

Als Sideman

2009 Henning Sieverts Symmetry: Blackbird
(Henning Sieverts, b, cello · Chris Speed, cl, ts · Johannes Lauer, tb · Achim Kaufmann, p · John Hollenbeck, dr) · PIT3040

2007 Henning Sieverts: Symmetry
(Henning Sieverts, b, cello · Chris Speed, cl, ts · Johannes Lauer, tb · Achim Kaufmann, p · John Hollenbeck, dr) · PIT3022

+++Pressestimmen+++

"Es ist nicht einfach - aber letztlich lohnt es sich ungemein, sich einzulassen auf die komplexe Improvisationsmusik des Pianisten Achim Kaufmann. Denn dann mag man durchaus belohnt werden mit einem besonderen Klangerlebnis, das Abstraktion und Emotion zugleich vermittelt. Die zwölftonalen Melodieführungen und Harmonieverflechtungen Kaufmanns gehen nicht selten einher mit einem geradezu bodenständigen rhythmischen Puls und lassen sein Spiel nicht nur zur reinen Kopfübung geraten. Ihren ganz erheblichen Anteil daran haben in Achim Kaufmanns "Kyrill"-Trio natürlich seine Partner, der isländische Bassist Valdimar Kolbeinn Sigurjónsson, der sich der Einfachheit halber Valdi Kolli nennt - und der für seine plastischen perkussiven Klangzaubereien berühmte amerikanische Schlagzeuger Jim Black. Die drei Musiker gestalten eigenwillige Klanglandschaften, die an Neue Musik erinnern, dabei aber genauso gut trashige Rockbeats und temporeichen Swing anbieten."
(Anja Buchmann in Deutschlandradio 8.11.2010)

"Das neue Album Kyrill des konzeptionell und tonal wohl kühnsten deutschen Jazzpianisten Achim Kaufmann ist ein eigenwilliger Epilog, der sich nur noch in der Instrumentierung, nicht aber in den genretypischen Rollenzuschreibungen und den darin angelegten dramaturgischen Verlaufsformen der Idee des Trios fügt. In dem kalifornischen Schlagzeuger Jim Black und dem isländischen Bassisten Valdi Kolli hat der Wahl-Amsterdamer zudem zwei Mitspieler gefunden, die in der Einstellung, mit der sie spielen, scheinbar vollkommen davon abstrahieren können, herausragende Jazzmusiker zu sein. (...) Im weiteren Verlauf erweist sich Kyrill als eines jener Alben, das zunächst aufgrund sperriger Free-Jazz- Klangskulpturen-Intermezzi und Kaufmanns anspruchsvoller Melodik irritiert, vielleicht gar anstrengt, um dann aber bei jedem weiteren Hören umso strukturierter, durchdachter und vielschichtiger zu wirken. So entdeckt man peu a peu ein ironisch gebrochenes, zuweilen heiter resignierendes, dann fast wieder clowneskes Musizieren, dem es gelingt, sich als reflexiver Abstand zu sich selbst zu inszenieren.
(Alessandro Topa in Frankfurter Allgemeine Zeitung 28.4.2009)

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