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Out Now-Achim Kaufmann - Kyrill VÖ 17.10.2008 (Pirouet/MVH)

13.10.200818:20 UhrFreizeit, Buntes, Vermischtes
Bild: Out Now-Achim Kaufmann - Kyrill VÖ 17.10.2008 (Pirouet/MVH)
Out Now-Achim Kaufmann: Kyrill  VÖ 17.10.2008 (Pirouet/MVH)
Out Now-Achim Kaufmann: Kyrill VÖ 17.10.2008 (Pirouet/MVH)

(openPR) Die Natürlichkeit des Strengen. "Kyrill" - Musik für eine Zeit mit ungewissem Ausgang: Achim Kaufmanns Trio-Aufnahmen mit Bassist Valdi Kolli und Schlagzeuger Jim Black.

Eine klassische Besetzung, mit der man an immer neue Ausdrucksgrenzen gehen kann: Das ist das Klaviertrio im Jazz - und das wird besonders bei den hier vorliegenden Aufnahmen deutlich. Der in Amsterdam lebende deutsche Pianist Achim Kaufmann (geboren 1962 in Aachen) hat die hier zu hörende Trio-Besetzung eigens für diese Produktion zusammengestellt. Das Ergebnis ist eine zum einen hochkomplexe, zum anderen hochgradig sinnliche Klaviertrio-Musik, die völlig eigene Wege geht - auch andere Wege als frühere Klaviertrios Achim Kaufmanns. Direkte Vorbilder dafür wird man nicht ausmachen können. Diese Musik springt den Hörer mit treibender Energie an, packt ihn, verunsichert ihn und zieht in dann in einen rätselhaften Strudel. Das Bild "Strudel" passt hier besonders, denn ein Naturereignis, dem man sich nicht entziehen konnte, gab dieser CD den Titel: "Kyrill" hieß ein Sturm, der am 18. Januar 2007 über Europa fegte. Am Abend ausgerechnet dieses Tages - an dem man an der holländischen Küste Windstärke 10 gemessen und der Innenminister der Niederlande den Bürgern dringend von Reisen abgeraten hatte - war für Achim Kaufmanns Trio ein Flug von Amsterdam nach München gebucht. Der Sturm hatte Bäume entwurzelt, Züge und Taxis fuhren nicht mehr - aber die Jazzmusiker fanden jemanden, der sie zum Flugzeug brachte. Der Flug war nicht abgesagt worden und ging dann auch wundersamerweise ohne Turbulenzen vonstatten. Unter dem Eindruck der Naturgewalt von Kyrill entstanden die Aufnahmen zur vorliegenden CD. Und selbst wenn es in den einzelnen Stücken meist um ganz andere Inhalte geht - eines ist hier unmittelbar spürbar: Die Musik dieses Trios ist das Gegenteil von harmlos. Es ist eine Musik von gespannter Intensität, von enormer Expressivität und schillernder Komplexität.



Seine beiden musikalischen Partner für diese CD hat Achim Kaufmann gezielt ausgewählt. Der 1967 in Kalifornien geborene Jim Black ist ein Musiker, der seinen Experimentiergeist unter anderem in Bands von Trompeter Dave Douglas und Saxophonist Tim Berne geschult hat. Achim Kaufmann erlebte Black vor einiger Zeit in einem völlig frei improvisierten Konzert mit Posaunist Wolter Wierbos und Multiinstrumentalsit Steve Beresford und war so beeindruckt, dass er für sein eigenes Trio-Projekt bei ihm anfragte. Jim Blacks Sound, so Achim Kaufmann, habe er im Hinterkopf gehabt, als er Kompositionen für diese CD schrieb. Der Dritte im Bunde ist der isländische Bassist Valdi Kolli - der eigentlich Valdimar Kolbeinn Sigurjónsson heißt. Er studierte in Rejkjavik und in Amsterdam, wo er seit 2002 lebt. Neben Jazz hat er auch klassische Musik, Pop, Dance Music und Rock gespielt sowie Filmmusiken gemacht. Achim Kaufmann hatte schon vorher einige Male mit ihm zusammengespielt und lobt Kollis "Leichtigkeit im Umgang mit komplexerem Material". Wie eigenständig und neu die Musik dieses Trios ist, hört und spürt man schon beim ersten Stück deutlich. Ein Klavier, das flüchtige, immer wieder leicht veränderte Motive spielt, die etwas Suchendes haben, kontrastiert mit einem rockigen, schweren Schlagzeug-Beat und einem subtil groovenden, sparsamen und dabei kraftvollen Bass. Ungemein raffiniert gebaut ist dieses Stück, das beim Einsatz von Schlagzeug und Bass so tut, als sei es ganz einfach zu fassen - und sich dann gerade rhythmisch immer wieder entzieht. "Linjanje" heißt dieses Stück mit einem Wort, das unter anderem im Serbischen und Kroatischen vorkommt und "Mauser", "Häutung" bedeutet. Das Wort gefiel Achim Kaufmann vom Klang her. Er stieß im Internet darauf. Doch der Titel bezieht sich auch auf die Komposition, in der, so Achim Kaufmann "das Material über mehrere Abschnitte hinweg transformiert wird", so dass immer wieder Neues dabei entsteht.

Komposition spielt in der Musik dieses Trios eine zentrale Rolle. Während
Kaufmann in früheren Trios unter anderem ganz freie Improvisationen spielte und aufnahm, ist hier sehr Vieles festgelegt - nicht zuletzt auch, was den formalen Aufbau der Kompositionen betrifft. Und doch wirkt diese Musik nicht akademisch, sondern entfaltet bei aller hörbaren Komplexität die sinnliche und körperhafte Kraft einer Musik, die frei improvisiert sein könnte. Das liegt an der besonderen Magie der Kommunikation, die diese drei Musiker entfalten. Ihr Spiel hat stets eine enorme Innenspannung: jene Kraft, die dadurch entsteht, dass die Musiker mit ganz feinen Ohren und Nerven aufeinander reagieren. Die gespannte Wachsamkeit dieser drei Musiker in allen harmonischen und rhythmischen Details ist ständig hörbar - und die vielen kleinen Verschiebungen und feinen Veränderungen von Material und Metrum wirken aufregend natürlich. Ganz unterschiedliche Stimmungen entstehen dabei - mal über einer fast monströs anmutenden Bassfigur ("Dewey Redman"), mal über dem subtilen Groove von gedämpften Klaviersaiten ("Scarine"), mal über einer rockigen Piano-Figur ("Imbo"), bei der sich Jim Black an Elton Johns "Bennie and the Jets" erinnert gefühlt haben soll. Zersetzt, beinahe aufgelöst und in neuen Formen wieder zusammengesetzt wird das Material in manchen Stücken dieser CD - und die verblüffenden Szenen-, Temperaments- und Temperaturwechsel dieser Musik haben eine fesselnde organische Selbstverständlichkeit. Die Titel der Stücke sind oft rätselhaft - und sollen es manchmal auch bleiben. Einige davon sind Huldigungsstücke: "Ensormasque" ist inspiriert durch Kunstwerke von James Ensor, "Misha Antlers" bezieht sich auf den Pianisten und Komponisten Misha Mengelberg. Das letzte Stück der CD "Stanley Park" ist dem gleichnamigen Park in Vancouver gewidmet. Mit diesem Stück schließt sich der Kreis zum CD-Titel "Kyrill". Denn der Park wurde etwa einen Monat, bevor Kyrill in Europa wütete, von einem Orkan verwüstet, der rund 3000 Bäume beschädigte. Wie eine Ballade beginnt das Stück über ständig wiederkehrenden Motiven des Klaviers, die zunächst beinahe eine Idylle zu zeichnen scheinen - doch in die scheinbare Gleichmäßigkeit mischt sich sehr bald eine beunruhigende, unterschwellige Spannung, und das Stück mündet in einen offenen Schluss, der wie ein Fragezeichen wirkt. Ein Fragezeichen, das man durchaus in einen größeren Zusammenhang stellen kann. Als Programm-Musik zum Klimawandel und seinen Auswirkungen sind Stücke wie dieses mit Sicherheit überinterpretiert. Etwas anderes ist viel wesentlicher: Es ist eine Musik mit einer Ausdruckskraft, die vor Hintergründen wie diesen nicht verblasst: Sie hat die Vehemenz und Komplexität einer Zeit mit ungewissem Ausgang.

Besetzung:
Achim Kaufmann piano | Valdi Kolli bass | Jim Black drum

Tracks:
1. Linjanje 7:02 2. Slow Roundabout 3:04 3. Ensormasque 6:47 4. Dewey Redman 6:21 5. Misha Antlers 3:42 6. Scarine 3:36 7. Imbo 8. Dorobo 4:11 9. Blue-Brailled 5:46 10. Stanley Park 4:05

Pressespiegel:
"Wer denn seine CD nach einem Sturm, der im Januar 2007 Verwüstungen in halb Europa hinterließ? Der Pianist Achim Kaufmann hatte gleich mehrere Gründe dafür: Zum einem war er an diesem Tag von Amsterdam nach München unterwegs und zum anderen ist seine Musik ähnlich herb zerklüftet wie die Landschaften, denen KyrilI seinen Besuch abstattete. Mit dem Schlagzeuger Jim Black hat Kaufmann den richtigen "partner in crime" für seine Musik gefunden, denn der New Yorker zeigt keine Scheu, auch mal kräftig auf die Felle zu dreschen, wenn's drauf ankommt. Bassist Valdi Kolli kommt aus Island und folgt den Zickzacklinien des Pianisten mit geschmeidiger Leichtigkeit. Im "Slow Roundabout" klingt's monkisch, etwas später wird "Dewey Redman" Tribut abgestattet und alles in allem spielt Kaufmanns Trio keine Musik, die beim Abwaschen nicht stören würde. Ganz im Gegenteil: Hier muss man mitdenken - aber das kann auch Spaß machen." (Rolf Thomas in Jazz thing 75/2008)

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