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Zu fett – selbst schuld. Oder doch nicht? Teil 2

10.01.201117:08 UhrGesundheit & Medizin

(openPR) Die Gene – oder was wir nicht beeinflussen können
Ein internationales Forscherteam um Elizabeth Speliotes hat in einer riesigen Studie an etwa 250.000 Menschen insgesamt 18 neue Genregionen entdeckt, die offenbar eng mit Fettleibigkeit und der Körperfettverteilung zusammenhängen. Insgesamt 32 Genregionen sind mittlerweile identifiziert in Zusammenhang mit Übergewicht, 250 weitere Gene – so die Schätzung aufgrund der erhaltenen Ergebnisse – sollen in der Beeinflussung des Körpergewichtes bzw. der Fettverteilung in engem Zusammenhang stehen.


Die Gene werden v.a. für Unterschiede im Bereich des Hypothalamus, der im Gehirn befindlichen übergeordneten Hormonsteuerzentrale, verantwortlich gemacht (wie z.B. der sog. AgRP-Zellen). Ausserdem werden durch unterschiedliche genetische Informationen Rezeptoren oder Botenstoffe in Ihrem Aufbau so verändert, dass die Empfindlichkeit für Regelungskreise verändert werden kann:
Genetische Varianten von Inkretin oder Neprilysin können so den Blutzuckerstoffwechsel v.a. auch nach Nahrungsaufnahme beeinflussen. Unlängst konnte so z.B. bei Mäusen gezeigt werden, dass solche Mäuse, denen Neprilysin fehlt oder dieses gehemmt wurde, fett werden und Störungen des Zucker- und Fettstoffwechsels entstehen.
Auch die Empfindlichkeit auf ein von Fettzellen produziertes Hormon (Leptin), welches u.a. das Sättigungsgefühl vermittelt, kann durch genetische Varianten herabgesetzt werden.
Es ist also belegt, dass bestimmte genetische Varianten die Einstellung von Stoffwechselgleichgewichten beeinflussen.
Außerdem hat man mittlerweile nachgewiesen, dass auch manch Erwachsener noch sogenanntes braunes Fett aufweisen kann. Diese Art von Fettgewebe ist sehr stoffwechselaktiv dient eigentlich primär der Wärmeentwicklung. Es ist daher v.a. bei Babys vorhanden, die aufgrund ihrer großen Körperoberfläche leicht erfrieren können. Bisher ist man davon ausgegangen, dass sich dieses Fettgewebe beim Erwachsenen komplett verliert. Neuere Untersuchungen belegen jedoch dessen Existenz auch bei Erwachsenen. Forscher arbeiten nun an der Idee, im Überfluss vorhandenes weißes Fettgewebe an einer Stelle zu entfernen, dieses im Labor in braunes umzuwandeln und wieder zurück in den Menschen zu überführen. Schon 50 Gramm würden dann ausreichen, um den Energieumsatz um bis zu 20% zu steigern und so überflüssiges Fett wegzuschmelzen … Zukunftsmusik.
Auch wird spekuliert, dass winzige nicht spürbare Muskelkontraktionen bewirken, dass ein Organismus mit den zugeführten Kalorien verschwenderischer um als ein anderer.
Auch können Genvarianten dem Einzelnen eine schnellere und effektivere Fettverbrennung erlauben, so dass sich Fettspeicher weniger dauerhaft als bei anderen Personen halten. So zeigen sich in sportmedizinischen Untersuchungen per Spiroergometrie deutliche Unterschiede in der Heranziehung von Fett als „Verbrennungsmaterial“.
Auch konnte z.B. an Fruchtfliegen gezeigt werden, dass diese die angebotene Nahrung sehr verschieden und individuell verarbeiteten. Die einen konnten unter jedweder Ernährung ihr Gewicht halten, die anderen wurden sehr schnell dick. Die einen wurden eher unter fetter Kost dick, andere wiederum eher unter zuckerlastiger Kost.

Es wird gefolgert, dass das Zusammenspiel von Genen und Ernährungsform einen grossen Einfluss auf das Dickwerden hat.
Im Kampf gegen Übergewicht gibt es daher wohl kein Patentrezept, das für alle gleich funktioniert.
Auch bestehen Ansätze zur Entwicklung neuer Medikamente zur effektiven Beeinflussung der Fettleibigkeit auf dem Boden oben dargestellter Erkenntnisse. Verfügbar sind diese jedoch nicht und werden auch stets nur einen ergänzenden Beitrag im Rahmen einer Gewichtsreduktion leisten können.
Lediglich etwa 5 Prozent des Übergewichts sollen aber durch genetische Veränderungen im Erbgut erklärt werden können – so das Fazit der eingangs des Beitrags erwähnten Forschergruppe.
Auch ist eine individualisierte Behandlung auf Grundlage der genetischen Ausstattung bislang nicht vorhanden. Alle derzeit auf diesem Gebiet existierenden Angebote wie auch „individuelle Ernährungspläne auf dem Boden von Genanalysen“ sind trotz des Nimbus der „High-Tech-Wissenschaft“ nicht brauchbar.
Die Bedeutung von Umweltfaktoren auf das Entstehen von Übergewicht bzw. von Fettansammlungen rückt daher in den Vordergrund.
Im August 2010 erschien eine Auswertung einer Untergruppe der EPIC-Studie. In dieser wurde daraufhin untersucht, inwieweit eine Änderung des Lebensstils diejenigen Menschen, die ein genetisches Risikoprofil für die Entwicklung einer Fettleibigkeit tragen, vor Gewichtszunahme schützt. Es stellte sich heraus, dass Menschen mit gleichem genetischem Risikoprofil bei aktivem Lebensstil etwa 40% weniger zunehmen als bei andauernder Inaktivität. Von Bewegung profitierten diejenigen Personen besonders viel, die eben ein solches Risikoprofil besitzen und damit von Natur aus nicht begünstigt wurden, in einer Gesellschaft mit hoher Verfügbarkeit von energiedichten Lebensmitteln und mit bewegungsarmem Alltag dünn zu bleiben.
Man kann daraus zwei wesentliche Dinge folgern:
- Die individuelle genetische Ausstattung ist wesentlich an der Ausbildung von Übergewicht beteiligt.
- Man kann Übergewicht durch einen aktiveren Lebensstil eindämmen.
Von einer Modifizierung des Lebensstils profitieren gerade auch diejenigen Personen, welche von Natur aus eher benachteiligt sind. Aber auch Bewegung kann hier keinen Gleichstand erzeugen unter den von Natur aus benachteiligten Personen, was die Entwicklung von Übergewicht angeht.
Eine weitere Studie aus dem Jahr 2010 zeigt hier nämlich , dass Gewichtserhalt nur bei Einhalten einer regelmässigen Bewegung zu erreichen ist, wobei täglich etwa 1 Stunde darauf verwendet werden müssen, um einen dauerhaften Effekt zu behalten.
Dass Dicke also tendentiell eher als willensschwach und als selbst schuld an der Misere bezeichnet werden, gründet also zumindest zum Teil auf einer gewissen „Arroganz der Normalgewichtigen“ – folgert Dr. Herberger. Dieser ergänzt, dass es sich mit seinem Erfahrungsschatz deckt, dass viele seiner Patienten, die Ihn zwecks einer Fettabsaugung aufsuchten, keinerlei schlechte Ernährungsformen hätten und sich regelmässig bewegten.
Wenn allerdings nur etwa 5 Prozent von Übergewicht durch Gene definiert werden, gibt es denn abgesehen hiervon noch weitere Faktoren, die Einfluss nehmen auf das Körpergewicht?
Lesen Sie mehr hierzu in unserem nächsten Beitrag.
Quellen: beim Verfasser

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