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Pressemitteilung zur Schließung des Naturkundemuseums

15.10.201008:14 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft

(openPR) Wie temporär ist die Schließung des Naturkundemuseums wirklich?

Der Aufschrei war groß in Leipzig als Oberbürgermeister Burkhard Jung und Kulturbürgermeister Michael Faber am 17. September verkündeten, das Naturkundemuseum „temporär“ schließen zu wollen.


Fraktionsübergreifend und über die breite Bevölkerung herrschte schnell Einigkeit darüber, dass das am 5. Juni 1912 eröffnete naturkundliche Heimatmuseum am Goerdelerring, wo es seit seinem Umzug 1923 beheimatet ist, unbedingt erhalten bleiben müsse.
Auch die Wählervereinigung Leipzig (WVL) bekennt sich ausdrücklich zum Erhalt des Museums.

„Leider können wir weder dem Museum, noch der Stadt Leipzig mit veranschlagten 9 Millionen Euro unter die Arme greifen, womit sich eine Restaurierung des Gebäudes oder ein Umzug realisieren lassen würde“, bittet der Pressesprecher der WVL, Manuel Kuzaj, um Verständnis. „Vielmehr hat uns die Berichterstattung der vergangenen Tage dazu veranlasst, nachzuforschen, welche Fehler in der Vergangenheit gemacht wurden damit eine Situation eintritt, wie wir sie heute erleben“, so Kuzaj weiter.

Mit der Hilfe von WVL-Mitglied Prof. Dr. Eberhard Grün, seinerzeit Professor der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig, konnten erstaunliche Dinge zu Tage befördert werden. „Die Mängelliste des Naturkundemuseums ist lang“, urteilt Grün. Sie reicht von einer überalterten Bausubstanz über ungenügende elektrische Versorgung bis hin zu Mängeln im Bereich des Brandschutzes. Auch fehle es dem Museum an einer gut zusammenarbeitenden Lobby. Der Lehrerverein, seinerzeit Mitgründer des Museums, hat sich zurückgezogen; obwohl der Museumsbesuch zum Pflichtprogramm eines jeden Grundschülers in Leipzig zählt. Ebenso gibt es erstaunlicherweise keine Verbindung zur naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig oder zum Zoo, der nur wenige hundert Meter entfernt tagtäglich tausende von Besuchern begrüßt.

Dies alles spitzt sich dahingehend zu, als dass bereits 1994 erste Konzepte erarbeitet wurden, das Haus zu erweitern oder nach Alternativstandorten zu suchen. 2003 wurde ein weiteres Konzept zur Modernisierung des Hauses bis 2012 erarbeitet. „Die Vernachlässigung des Naturkundemuseums durch die Stadtverwaltung in den vergangenen 16 Jahren hat zum jetzigen Zustand geführt. Wer nun von einer „temporären“ Schließung und einer baldigen Widereröffnung spricht, weiß nicht, was er da sagt“ so Grün abschließend.

Man könne der Stadtverwaltung glatt unterstellen, sie wolle kein Naturkundemuseum haben. „Vielleicht“ so mutmaßt der Vorsitzende der WVL Karsten Kietz, „ist die Fläche längst an einen Investor verplant. Nachdem bereits die Blechbüchse und ihr historisches Unterkleid einer weiteren ShoppingMall weichen musste, könnte auch das Naturkundemuseum, durch seine zentrale Lage, schon bald in einem Hotel- oder Einkaufsgebäude aufgehen. Hier heißt es acht zu geben.“

Tatsächlich ist das Naturkundemuseum wesentlicher Bestandteil des Kulturentwicklungsplans der Stadt Leipzig für die Jahre 2008 bis 2015. Demnach habe das Museum die „Pflicht, die bedeutenden Bestände seiner Sammlung von naturkundlichen Sachzeugen und Belegen der Ur- und Frühgeschichte zu bewahren, zu mehren, wissenschaftlich zu erschließen und öffentlich zugänglich zu machen“.

Mit der „temporären“ Schließung des Museums verfolgt die Stadt Leipzig das Ziel, ihr 54-Millionen-Haushaltsloch für 2011 zu schließen. Zur Erreichung dieses Ziels muss richtigerweise überall nachgehackt werden. Trotzdem erscheint es fraglich, inwieweit die Stadtverwaltung zu der Erkenntnis kommt, das Naturkundemuseum biete hierfür das beste Potenzial und zugleich den geringsten Eingriff in die Interessen der Bürgerinnen und Bürger.

Tatsächlich müssten bei einer Schließung des Hauses weiterhin zirka 800.000 Euro in den städtischen Haushalt 2011 eingestellt werden, um die Betriebskosten für das kommende Jahr sicherzustellen. Damit hätte die Stadt lediglich einen Einsparungseffekt von zirka 160.000 Euro im Vergleich dazu, wenn das Museum auch im nächsten Jahr geöffnet bleiben würde.

Auch der Blick auf die Besucherstatistiken rechtfertigt eine Schließung nicht. So wollten sich 2009 insgesamt 38.337 Besucher das bedeutendste Naturarchiv der Region mit seinen ausgestorbenen Pflanzen und Tieren ansehen. Im 1. Quartal 2010 besuchten bereits 9.986 Personen die wissenschaftliche Sammelstätte. Vergleichsweise wird derzeit nicht über die Schließung anderer Stätten mit ähnlicher Frequentierung nachgedacht. Als Beispiel kann hier das Stadtgeschichtliche Museum/Neubau mit 31.169 Besuchern im Jahr 2009 und 7.777 Besuchern im 1. Quartal 2010 dienen. Des Weiteren die Alte Börse (31.099 / 9502), die Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst (22.410 / 4.701), das Schillerhaus (11.126 / 1.137) oder das Ägyptische Museum (10.034 / 1.757).

„Es ist jedoch keineswegs so,“ versichert WVL-Sprecher Kuzaj weiter, „dass wir für die Schließung eines dieser Stätten plädieren. Jedoch wünschen wir uns etwas mehr Objektivität hinsichtlich der Einsparungen für den Haushaltsplan 2011. Zum Beispiel, warum die Stadtverwaltung in den nächsten Jahren über 2 Millionen Euro in 106 neue Dienstwagen investieren will.“

Die WVL fordert daher den Erhalt des Naturkundemuseums und statt einer temporären Schließung forcieren wir die temporäre Weiterentwicklung des Museums. Wenn dies nicht im gegenwärtigen Gebäude möglich ist, so muss es das Ziel sein, ein nahgelegenes Ersatzgebäude zu finden. Leer stehende Gebäude gibt es allerlei in Leipzig. Alle wollen wieder zum Leben erweckt werden. Etwaige Pläne, das Museum auf dem Agra-Gelände anzusiedeln, sind energisch zurückzuweisen. Ein erheblicher Verlust an Besuchern, ob Touristen oder Schulklassen, wäre dann zu befürchten.

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