(openPR) Lange hatte es so ausgesehen, als würde der Karmapa Ogyen Trinley Dorje im Mai und Juni Deutschland besuchen. Nun die Ernüchterung: Indien hat die Ausreisegenehmigung für seinen prominenten Exilanten in letzter Minute zurückgezogen. Erklärt der lange schwelende Konflikt zwischen Indien, China und dem Dalai Lama diese Entscheidung?
„Der Bewegungsradius des Karmapa im nordindischen Exil beschränkt sich auf ca. 20 Kilometer – alles, was darüber hinaus geht, muss er offiziell beantragen“, so der Journalist und Tibet-Experte Andreas Hilmer. „Obwohl sich der Karmapa politisch in Bezug auf China immer zurückgehalten und sich vor allem seinen religiösen Pflichten gewidmet hat, ist er mittlerweile Spielball und Projektionsfläche von China und Indien. Oft mischt auch die tibetische Exilregierung mit ihren Befindlichkeiten mit“, meint er weiter.
Wolfgang Grader, Vorsitzender der Tibet Initiative Deutschland, pflichtet ihm bei und vermutet ein politisch motiviertes Veto: „Indien möchte angesichts ungelöster Grenzfragen sein Verhältnis zu China weiter verbessern – nachdem es bereits den Dalai Lama aufgenommen hat und ihm auch noch seine politischen Tätigkeiten erlaubt, möchte man die Zügel beim Karmapa offensichtlich fester in der Hand haben“, sagt Grader.
1992 wurde er im Alter von sieben Jahren von der chinesischen Regierung aber auch vom Dalai Lama als sechzehnte Reinkarnation des Karmapa anerkannt, dem wichtigsten Linienhalter der im Westen weit verbreiteten Karma-Kagyü-Schule. Es gibt hochrangige Lamas der Linie, die später den Jungen Thaye Dorje als rechtmäßigen 17. Karmapa aussuchten – ein Konflikt, der bis heute nicht geklärt wurde.
„Nach einem Ableben des Dalai Lama wird Ogyen Trinley Dorje sicher nicht seine Rolle einnehmen, aber die Tibeter haben mit ihm eine starke Persönlichkeit, die für die tibetische Sache eintreten kann“, sagt Grader.
Dalai Lama fördert den Karmapa
„Streng buddhistisch gesehen kann der Karmapa gar nicht eine Nachfolge des Dalai Lama antreten, er gehört zu einer anderen Linie“, sagt auch Hilmer. Aber er weist darauf hin: „Der Dalai Lama hat bereits in Betracht gezogen, schon zu Lebzeiten einen Teil seiner Kompetenzen und Aufgaben zu übertragen – vielleicht auch auf den Karmapa, mit dem er sich häufig trifft.“ Andererseits wolle der Karmapa Tibet gesellschaftlich helfen und kein Politiker sein.
So rückt Ogyen Trinley Dorje unabhängig von der Absage seiner Deutschlandreise, die bald nachgeholt werden soll, zunehmend in den Fokus der westlichen Öffentlichkeit.
Auslandsreisen zählen der Biografin Michele Martin zufolge – von 1988 bis 1996 lebte sie in Tibet, von 2000 bis 2002 war sie Übersetzerin des Karmapa - zu seinen wichtigsten Vorhaben. In ihrem Buch „Lebender Buddha“ gibt sie einen umfassenden Einblick in seine außergewöhnliche, von Flucht und Exil geprägte Lebensgeschichte, die in verschiedene Aspekte der tibetischen Kultur einführt und für das Schicksal Tibets sensibilisiert. „Augenblicke der Erleuchtung“, herausgegeben ebenfalls von Michele Martin, führt demgegenüber in die bisherigen Unterweisungen und Gedichte des Karmapa ein.













