(openPR) Mona Contzen (MC) - Interview mit Brigitte Fuzellier, Geschäftsführerin der Fundación-Kolping, in Fernando de la Mora - Paraguay
„Corporate Social Responsibility“ ist mehr als nur ein Modebegriff. Ob Engagement für Kinder, für die Umwelt oder für Alte und Kranke – sozial und ökologisch verantwortliches Handeln wird mit tausenden Projekten in unzähligen Ländern unter Beweis gestellt. Brigitte Fuzellier, Geschäftsführerin des Kolpingwerks Paraguay, erinnert an ein Land und seine Menschen, die von Europa selten wahrgenommen werden. In Paraguay, dem zweit ärmsten Land Südamerikas, versucht das Kolpingwerk mit Berufsbildungskursen den Weg aus der Armut zu ebnen. Im Interview spricht die Kolping-Chefin über die Bedeutung einer Berufsausbildung, die Notwendigkeit von Stipendien und über unglaubliche Erfolgsgeschichten.
MC: Warum sind die Kolping-Berufsbildungskurse so wichtig?
Fuzellier: Paraguay befindet sich in einer ökonomischen Krise. Nur fünf Prozent der Menschen hier haben eine Berufsausbildung. So etwas wie Lehrstellen gibt es nicht, weil laut Gesetz erst ab einem Alter von 18 Jahren gearbeitet werden darf. Die Jugendlichen schließen sich deshalb häufig zu Banden zusammen.
Kolping bietet zu diesem Leben eine Alternative. Es gibt da ein Sprichwort: Wir schenken ihnen keinen Fisch, wir bringen ihnen das Fischen bei. Das verursacht natürlich hohe Kosten und deshalb müssen wir auch manchmal nein sagen, wenn wir keine Leute finden, die für einen Jugendlichen ein Stipendium übernehmen – Stichwort Social Responsibility der Unternehmen.
Vor zwei Jahren hatten wir im ganzen Land nur zwei Institute, jetzt sind es elf mit insgesamt 100 Kursangeboten. Die beliebtesten Berufe sind im Bereich Klimaanlagen, Motorradtechnik, Automechanik und Schneidern. Mit diesen Kursen schaffen sich die Jugendlichen in kurzer Zeit eine Zukunft.
MC: Wer profitiert von den Stipendien?
Fuzellier: In den letzten zwei Jahren gingen 80 Prozent der Stipendien an Frauen, 20 Prozent an Männer. Wir wollten durch diese Verteilung das alte Rollenkonzept sprengen. Mittlerweile haben wir erreicht, dass die Kurse gemischter sind und die Frauen sogar in die Männerberufe drängen. Außerdem achten wir bei der Vergabe der Stipendien vor allem auf gute Schulnoten und darauf, dass die Jugendlichen wirklich aus sehr armen Verhältnissen stammen. Eine Sonderstellung haben bei uns Behinderte, denen wir eigentlich immer helfen.
MC: Wofür genau wird das Geld benutzt?
Fuzellier: Die Stipendien finanzieren die Einschreib- und die kompletten Kursgebühren. Mit den Kursgebühren wird die ganze Infrastruktur bezahlt: Stromkosten, Lehrmaterialien, Sozialversicherung, Lehrer… Die Unternehmen können sich aber aussuchen, ob sie lieber eine Frau oder einen Mann unterstützen und aus welchem Ausbildungsbereich sie jemanden fördern wollen.
Die Firma Traugott-Binder, die schon im vergangenen Jahr und auch jetzt wieder Stipendien übernommen hat, wollte zum Beispiel junge Frauen zum Schlosser ausbilden, weil sich die Firma mit dem Gedanken trägt hier eine Filiale zu eröffnen.
MC: Warum finanziert Kolping die Stipendien nicht aus Eigenmitteln?
Fuzellier: Obwohl unsere Eigenfinanzierung erst bei ca. 80 Prozent liegt, finanzieren wir bereits eine große Anzahl an Stipendien über Eigenmittel. Als ich vor zwei Jahren die Geschäftsführung übernommen habe lag unsere Eigenfinanzierung bei ca. 55 Prozent.
Kosten deckend Arbeiten konnten wir seit damals nur durch die Unterstützung unserer Partner, dem Diözesanverband Rottenburg-Stuttgart und dem SEK (Sozial- und Entwicklungshilfe des Kolpingwerkes e.V.) in Köln. Der SEK ist ein Vertragspartner des BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) und erfüllt über uns ein Projekt zur Förderung von Selbsthilfeorganisationen in Lateinamerika.
Leider wird voraussichtlich dieses Projekt laut Auskunft des SEK nicht weiter für Paraguay verlängert werden. Deshalb brauchen wir direkte Hilfe von anderer Seite. Kolping-Paraguay ist ein Vorzeigeprojekt und die Leute hier sind es wert. 48,8 Prozent der Bevölkerung leben in Armut, 24,2 Prozent sogar in absoluter Armut. Da ist Kolping sehr wichtig, weil eine Berufsausbildung eine würdige Zukunft für diese Menschen bedeutet.
MC: Welche Alternativen haben die jungen Menschen in Paraguay, die kein Stipendium bekommen?
Fuzellier: Die Zukunft für die Jugend in Paraguay schaut schwarz aus, wir sind da der rosa Punkt. Wir leisten mit der Berufsausbildung wirkliche Entwicklungshilfe, weil Investoren nur ins Land kommen, wenn es ausgebildete Fachkräfte gibt. Deshalb starten wir auch immer wieder Spendenaktionen wie „Bäume für Bildung“, um mehr Stipendien vergeben zu können. Die Stipendiaten müssen übrigens ein bis zwei Mal im Monat soziale Dienste leisten, also zum Beispiel an Baumpflanzaktionen teilnehmen.
MC: Was wird aus denjenigen, die die Kolping-Ausbildung abschließen?
Fuzellier: Es gibt viele Erfolgsgeschichten. Da gibt es zum Beispiel eine Gruppe von 20 Frauen, die in Coronel Oviedo vor zwei Jahren mithilfe von Stipendien ausgebildet wurde. Das waren einfache Hausmädchen, die eine Schneiderausbildung gemacht und sich auf Babyausstattung spezialisiert haben.
Mittlerweile haben sie eine Genossenschaft gegründet und exportieren ihre Artikel sogar nach Argentinien und Brasilien. Als erfolgreiche Geschäftsfrauen bewähren sie sich wahrscheinlich auch deshalb, weil wir das christliche Denken, Ethik und Moral, in die Ausbildung einbeziehen.
Von unseren Absolventen finden jedenfalls 95 Prozent sofort einen Arbeitsplatz. Kolping hat zwar auch eine Berufsvermittlungsstelle, aber die ist meist gar nicht nötig. Wenn unsere Absolventen irgendwo ein Praktikum machen, werden sie häufig sofort übernommen.
MC: Worin unterscheidet sich die Kolping-Ausbildung von der Ausbildung an staatlichen Schulen?
Fuzellier: Bei uns wird deutlich mehr Wert auf Praktika gelegt. 80 Prozent der Ausbildung bestehen aus praktischer Arbeit, nur 20 Prozent sind Theorie. Bei den staatlichen Stellen ist es genau umgekehrt. Auch läuft da alles sehr locker. Manchmal kommen die Lehrer einfach nicht, weil sie nicht bezahlt wurden. Außerdem konnten wir durch die Einführung der Sozialstunden eine bessere Beziehung zu den Jugendlichen aufbauen. Unsere Schüler fühlen sich bei Kolping verwurzelt.
MC: Wie wird garantiert, dass das Geld für die Stipendien auch wirklich ankommt?
Fuzellier: Die Garantie entsteht durch den persönlichen Kontakt zwischen den Unternehmen und den Stipendiaten. Die Firmen bekommen Fotos von den Schülern und sogar das Abschlussdiplom zugeschickt. Die Hilfe wird also direkt geleistet. Das Geld geht nicht in irgendeinen Pool, sondern kommt sofort an.
MC: Werden für die Berufsbildungskurse auch Sachspenden benötigt?
Fuzellier: Ja, wir brauchen vor allem eine modernere Ausrüstung im Mechanik- und Elektrobereich. Sachspenden könnten da über unsere Diözesanverband in Stuttgart abgewickelt werden.
Vielen Dank für das Gespräch.












