openPR Recherche & Suche
Presseinformation

Rationierung darf nicht in den Köpfen der Ärzte anfangen

23.03.201009:20 UhrGesundheit & Medizin

(openPR) Berlin, 22. März 2010 – Die Kosten für neue Arzneimittel in der Onkologie steigen rascher als die wissenschaftlich nachgewiesene Wirksamkeit. Rationierung, Rationalisierung und Priorisierung sind bereits im ärztlichen Alltag angekommen. Im Mittelpunkt der diesjährigen Frühjahrstagung der DGHO Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie e.V. in Berlin stand deshalb die Frage nach Ethik und Ökonomie in der Onkologie.



Angesichts der Kostenspirale bei innovativen Krebsmedikamenten fordert der Vorsitzende der DGHO, Prof. Gerhard Ehninger, dass sich gerade die Onkologen aktiv an der Diskussion um Rationierung und Priorisierung beteiligen sollten. Dabei spricht er sich nochmals gegen den Vorschlag von Bundesärztekammer­präsident Prof. Jörg-Dietrich Hoppe aus, Leistungen im Gesundheitswesen zu priorisieren. Ehningers Vorschlag: Da nicht für jede Innovation zum Zeitpunkt der Zulassung ein tatsächlicher Zusatznutzen nachgewiesen sei, sollten Ärzte die Einführung neuer Präparate kritisch begleiten. Anschließend müssten die Medi­kamente mithilfe weiterführender klinischer Studien im Versorgungsalltag kon­trolliert und nach drei Jahren neu bewertet werden. „Wir müssen den Mut haben, im Expertenkonsens Therapieempfehlungen zu neuen Substanzen zu formu­lieren und auch Scheininnovationen als solche zu enttarnen“, so Ehninger. Er verweist dabei auf das Internetportal Onkopedia der DGHO, welches aktuelle Leitlinien für die Diagnostik und Therapie hämatologischer und onkologischer Erkrankungen zur Verfügung stellt.

Verbesserung der Evidenz neuer Wirkstoffe

„Bislang gibt es zum Zeitpunkt der Zulassung neuer Krebsmedikamente noch erhebliche Evidenzlücken“, kritisiert Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Dabei sei häufig nicht klar, ob sich der neue Wirkstoff durch eine bessere Wirksamkeit, verminderte Toxizität oder vereinfachte Verabreichung auszeichnet. Als problematisch erweisen sich laut Ludwig auch die für Zulassungsstudien ausgewählten Endpunkte. Nur selten basiere die Zulassung auf dem primären Endpunkt Gesamtüberleben, und eine sichere Aussage zur Verbesserung der Prognose oder Lebensqualität sei meistens nicht möglich.

Ziel müsse sein, rasch die Evidenz für neu zugelassene Arzneimittel zu verbes­sern. Ludwig schlägt vor, dass sich Experten schon vor der Zulassung beraten, patientenrelevante Endpunkte zu identifizieren und diese nach der Zulassung schneller zu erforschen. Seiner Ansicht nach könnte ein Gremium, angesiedelt beim Gemeinsamen Bundesausschuss, die Steuerung übernehmen. Auch müsse die bisherige Vorgehensweise in Deutschland auf den Prüfstand gestellt werden, dass die von der Europäischen Arzneimittelagentur EMA zugelassenen Medika­mente sofort ohne weitere Preisverhandlungen und intensives Monitoring hin­sichtlich ihres therapeutischen Wertes im Medizinischen Versordnungsalltag ver­ordnet werden können.

Entwicklung der stationären Vergütung

Der DRG-Beauftragte der Universitätsklinik Heidelberg und Mitglied des AK DRG der Fachgesellschaft, Dr. Markus Thalheimer, erklärt, dass hämatologische und onkologische Leistungen im Krankenhaus seit Einführung der Diagnosis Related Groups (DRGs) meist kostendeckend vergütet werden. Einzig die Vergütung der stationären Versorgung solider Tumore widerspreche diesem Trend und ver­stärke eine Verschiebung in den ambulanten Sektor.

Thalheimer befürchtet, dass die Krankenkassen in wenigen Jahren angesichts der gedeckelten Budgets nicht mehr in der Lage seien, sämtliche Kosten für Innovationen zu übernehmen. In seiner Klinik duldet Thalheimer keine ökono­mische Diskussion, wenn ein Patient eine Therapie dringend braucht: „Ökono­mische Belange sollten immer der medizinischen Notwendigkeit folgen. Wenn der Einsatz teurer Medikamente notwendig ist, kämpfe ich auch um deren Erstattung.“ Rationierung dürfe in den Köpfen der Ärzte nicht schon als vorauseilender Gehorsam einsetzen.

Strategien im Umgang mit Mittelbegrenzung

Empirische Studien von Prof. Dr. Dr. Daniel Strech vom Institut für Geschichte, Ethik & Philosophie der Medizin der Medizinischen Hochschule Hannover belegen, dass Rationalisierung nach wie vor als maßgebliche ärztliche Strategie im Umgang mit Mittelknappheit signalisiert wird. 96 Prozent der Ärzte geben an, aus Kostengründen auf kostengünstigere, aber ebenso effektive Maßnahmen auszuweichen.

Dennoch wird laut Strech auch Rationierung im klinischen Alltag bereits teilweise praktiziert. So bestätigen 78 Prozent der befragten Klinikärzte, dass sie in den letzten sechs Monaten bestimmte medizinische Maßnahmen aufgrund von Kostenerwägungen nicht ergriffen haben. 53 Prozent der Befragten gaben beispielsweise an, mindestens einmal pro Monat eine teure Maßnahme zunächst nicht anzuwenden und zu prüfen, ob der Patient auch ohne diese auskommt. „Einzelne Patientengruppen dürfen nicht strukturell benachteiligt werden“, betont Strech.

Diese Pressemeldung wurde auf openPR veröffentlicht.

Verantwortlich für diese Pressemeldung:

News-ID: 411071
 133

Kostenlose Online PR für alle

Jetzt Ihren Pressetext mit einem Klick auf openPR veröffentlichen

Jetzt gratis starten

Pressebericht „Rationierung darf nicht in den Köpfen der Ärzte anfangen“ bearbeiten oder mit dem "Super-PR-Sparpaket" stark hervorheben, zielgerichtet an Journalisten & Top50 Online-Portale verbreiten:

PM löschen PM ändern
Disclaimer: Für den obigen Pressetext inkl. etwaiger Bilder/ Videos ist ausschließlich der im Text angegebene Kontakt verantwortlich. Der Webseitenanbieter distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten Dritter und macht sich diese nicht zu eigen. Wenn Sie die obigen Informationen redaktionell nutzen möchten, so wenden Sie sich bitte an den obigen Pressekontakt. Bei einer Veröffentlichung bitten wir um ein Belegexemplar oder Quellenennung der URL.

Pressemitteilungen KOSTENLOS veröffentlichen und verbreiten mit openPR

Stellen Sie Ihre Medienmitteilung jetzt hier ein!

Jetzt gratis starten

Weitere Mitteilungen von Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie

DGHO: Neue Leitlinie zum Myelodysplastischen Syndrom veröffentlicht
DGHO: Neue Leitlinie zum Myelodysplastischen Syndrom veröffentlicht
Berlin, 5. Mai 2011 – Die DGHO Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie e.V. stellt auf der Online-Plattform Onkopedia die neue MDS-Leitlinie zur Verfügung. Die Behandlungsempfehlung wurde in Kooperation mit den Fachgesellschaften in Österreich und der Schweiz erstellt. Die Myelodysplastischen Syndrome (MDS) zählen zu den häufigsten bösartigen Erkrankungen des blutbildenden Systems. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 75 Jahren, aber auch wesentlich jüngere Menschen können betroffen sein. Das klinische Spektrum reicht von nic…
Patiententag rund um das Thema Krebs: Kongresspräsident setzt auf mündige Patienten
Patiententag rund um das Thema Krebs: Kongresspräsident setzt auf mündige Patienten
Berlin, 4. Oktober 2010 – Der mündige Krebspatient stand im Fokus des Patiententages für Leukämie, Lymphome und Krebs, der am Samstag, dem 2. Oktober im Rahmen der Jahrestagung der deutschen, österreichischen und schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Onkologie stattfand. Die Informationsveranstaltung im ICC Berlin stieß bei Krebs­patienten, Angehörigen und interessierten Laien auf großes Interesse: Über 200 Teilnehmer informierten sich in Vorträgen, Workshops und an zahlreichen Informationsständen über Standardtherapien und neue …

Das könnte Sie auch interessieren:

Bild: Medizinsoziologie und das Deutsche GesundheitswesenBild: Medizinsoziologie und das Deutsche Gesundheitswesen
Medizinsoziologie und das Deutsche Gesundheitswesen
… Ärztezeitung >>> mehr dazu >>>http://www.aerztezeitung.de/docs/2007/05/29/097a0701.asp?cat=/politik/gesundheitssystem_uns Kurze Anmerkung (L. Barth): Bei allem gebotenen Respekt: Das Damoklesschwert der befürchteten Rationierung der Medizin scheint nunmehr auch nachhaltig Eingang in die Köpfe der Medizinsoziologen gehalten zu haben, …
Bild: Kommerz oder Medizin, das ist die FrageBild: Kommerz oder Medizin, das ist die Frage
Kommerz oder Medizin, das ist die Frage
… verzerrtem Wettbewerb und sinnlosem Gegeneinander aller Beteiligten. Damit kann man die Probleme der medizinischen Versorgung nicht lösen. Eine weitere Bereinigung der Versorgungsleistungen durch Rationierung hat die Kostenverlagerung in andere Bereiche zur Folge. Solange sich die Ärzteschaft nicht aus der Klammer der Ökonomie und Dominanz der Kostenträger …
Deutschlands krankes Gesundheitssystem
Deutschlands krankes Gesundheitssystem
… Arzt muss seitenweise Rechenschaft ablegen, warum er dieses oder jenes tut. Um diese aufwändigen Anfragen zu vermeiden, lässt er eben irgendwann einige Behandlungen weg. Die Rationierung geschieht auf verdeckte Art und Weise, ohne dass der Patient es merkt.“ „Die mobilisierende Pflege nach Eingriffen z. B. wird aus Zeitgründen oft nicht mehr gewährleistet. …
Rationierung im Deutschen Gesundheitswesen – eine Kultur des neuen Maßes?
Rationierung im Deutschen Gesundheitswesen – eine Kultur des neuen Maßes?
… statt: es geht nicht mehr vordergründig um Rationalisierungspotenziale, die ggf. dazu beitragen könnten, die behauptete gesundheitsökonomische Krise zu überwinden, sondern nunmehr um echte Rationierung. Von daher macht es auch Sinn, wenn der Nationale Ethikrat eine politische Debatte fordert, denn so könnte freilich auch die Rationierung medizinischer …
DGHO fordert Einsparungen bei Scheininnovationen und nicht bei Patienten
DGHO fordert Einsparungen bei Scheininnovationen und nicht bei Patienten
… vom 18. bis 19. März in Berlin diskutieren Vertreter von Ärzten, Patienten, der Politik und Pharmaindustrie die Chancen und Risiken von Rationalisierung, Rationierung und Priorisierung in der onkologischen Versorgung. Der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Jörg-Dietrich Hoppe, hat sich in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung …
DGHO will Zugang zu Innovationen und Versorgungsstrukturen verbessern
DGHO will Zugang zu Innovationen und Versorgungsstrukturen verbessern
… Angesichts dieser Entwicklung warnten Onkologen aus Klinik und Praxis bei der politischen Auftaktveranstaltung zur DGHO-Frühjahrstagung 2009 vor einer versteckten Rationierung. Nachweislich werden alten Patienten schon heute lebensverlängernde Maßnahmen vorenthalten, kritisierte Professor Gerhard Ehninger, geschäftsführender Vorsitzender der DGHO. Es ist …
Kongress - Fortbildung zieht 150 Ärzte nach Potsdam
Kongress - Fortbildung zieht 150 Ärzte nach Potsdam
… Staatssekretär des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Familie des Landes Brandenburg (MASGF), ihre Standpunkte. Während Prof. Hoppe in der Gesundheitspolitik eine implizite, heimliche Rationierung sah, die die Medizin auf den Weg in eine Mangelsituation bringt, betonte Winfrid Alber, dass die Grenzen der Medizin neu definiert werden müssten. …
Bild: BÄK und KBV: Arztvorbehalt sichert hohe Qualität der VersorgungBild: BÄK und KBV: Arztvorbehalt sichert hohe Qualität der Versorgung
BÄK und KBV: Arztvorbehalt sichert hohe Qualität der Versorgung
Die Bundesärztekammer (BÄK) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) haben davor gewarnt, eine „Medizin light“ einführen zu wollen, um Ärztemangel und Rationierung zu kaschieren. Vertreter des Deutschen Pflegerates (DPR) hatten – unterstützt vom Bundesgesundheitsministerium – jüngst erklärt, „die Arztorientierung und damit einhergehende Strukturhoheit …
Bild: Diagnose einer Nervenärztin und Krimiautorin: Der Graben zwischen den Generationen wird tieferBild: Diagnose einer Nervenärztin und Krimiautorin: Der Graben zwischen den Generationen wird tiefer
Diagnose einer Nervenärztin und Krimiautorin: Der Graben zwischen den Generationen wird tiefer
… palliativmedizinische Therapie - also unseren Umgang mit Sterbenden - in die Zwangsjacke der pauschalierten Zeitvorgaben und finanziellen Grenzen zu stecken. Die Diskussion über Rationierung der Therapien wird immer lebhafter geführt ..." Andererseits sieht auch Monika Vogelgesang differenziert, dass es "rüstigen Senioren so gut geht wie nie zuvor. Die …
Klinikverbund Hessen vermutet hinter Studie Kampagne der gesetzlichen Krankenkassen
Klinikverbund Hessen vermutet hinter Studie Kampagne der gesetzlichen Krankenkassen
… ermöglichen oder die Einführung eines Zertifikatehandels für die Krankenhäuser um gewisse Leistungsmengen erbringen zu dürfen, bedeute im Endeffekt die Einführung der Rationierung von Leistungen durch die Kostenträger. „Vor nicht einmal zwei Wochen veröffentlichte der GKV-Spitzenverband die Ergebnisse einer Umfrage, wonach angeblich jede vierte Klinik …
Sie lesen gerade: Rationierung darf nicht in den Köpfen der Ärzte anfangen