(openPR) Die andere Saite. Die ganz alleine schwingt. Und mit der man einen Musiker sozusagen pur genießen kann. Marc Copland solo. Das ist eine Facette, die besonders spannend ist - gerade jetzt, nach den außergewöhnlichen Trio- Aufnahmen dieses Pianisten mit den New York Trio Recordings bei Pirouet, die bei der Fachpresse ein begeistertes Echo fanden. "Wahre Wunder", "Musik für die Insel", ein Jazzer, der immer mehr "in die Gipfelregionen des Piano-Olymps" vorstoße - so lauteten die Urteile der internationalen Kritik. Immer wieder wurde dabei hervorgehoben, wie sensibel Copland auf die unterschiedlichen Trio-Partner reagiert (denn die New Yorker Trios setzten sich jeweils unterschiedlich zusammen) - wie viele überraschende Farben sein Spiel annehmen kann, das, trotz der ganz eigenen Tonsprache dieses Pianisten, je nach Partnern andere
Nuancen erkennen lässt.
Nun also Copland ganz allein - mit den Hörern als Gegenüber, aber nicht mit instrumentalen Dialogpartnern im Studio. Solo-Piano-Spiel ist gerade im Jazz das Genre intimer Musikbekenntnisse. Die Disziplin, in der Musiker ein Statement abgeben, das noch persönlicher ist, als es Jazz-Interpretationen
ohnehin schon sind. Die Königs-Disziplin einerseits - und die Analytiker-Couch andererseits. Denn hier liegt alles zu Tage. Hier kann ein Pianist nichts verbergen. Nichts Technisches und nichts Interpretatorisches. Das ganze Ich, blankliegend auf den Tasten. Das ist für Hörer nur bei einer sehr starken Musiker-Persönlichkeit gewinnbringend. Bei einem Musiker, der viel zu sagen hat. Der in den einzelnen Stücken auch ganz allein packende Welten entstehen lassen kann. Der einen atmosphärischen Sog schaffen kann. Der nicht nur Klavier spielt - sondern auch Klavier spricht.
Marc Copland hat das alles und kann das alles. Der 1948 in Philadelphia, Pennsylvania geborene Musiker, der seine Karriere in den sechziger Jahren als Saxophonist begann und seit den späten Achtzigern sich immer mehr einen Namen als Pianist mit völlig eigenständiger Ästhetik gemacht hat. Seine rätselhaft schwebenden Harmonien, mit denen er hochdifferenzierte Farbnuancen erzeugen kann, sind seit Jahren ein unverkennbares Markenzeichen Coplands. Wie Lichtbrechungen in einem Prisma wirken seine Klänge bisweilen: Es sind Klänge von faszinierender Vieldeutigkeit, die bei jeder Interpretation einen weiten Horizont eröffnen. Musik mit einem riesigen Farbspektrum - und gleichzeitig von gläserner Klarheit.
Wer die CD hört, wird überrascht sein, gleich drei Stücke der großen kanadischen Singer-Songwriterin Joni Mitchell darauf zu finden. Es sind Stücke, die erschienen, als Copland Anfang zwanzig war. Von einer Komponistin, Texterin und Sängerin, die knapp fünf Jahre älter ist als Copland. Es sind die Songs I Don't Know Where I Stand aus der LP Clouds von 1969, Rainy Night House aus der LP Ladies of the Canyon von 1970 und Michael from Mountains aus der LP Joni Mitchell (1968). Mitchell schuf damals in der Folk-Szene einen eigenen lyrischen Stil, der harmonisch und melodisch um Einiges komplexer war als Vieles andere. Hochpoetisch und musikalisch anspruchsvoll waren diese Songs, Meisterstücke luftiger Klarheit und zugleich eigenwilliger Wendungen und Klänge. Dass Joni Mitchell zu den Favoriten Marc Coplands gehört, verwundert nicht, wenn man ihre Kompositionen analysiert. Denn deren Meisterschaft in der Verbindung von harmonischer Uneindeutigkeit und melodischer Prägnanz ist etwas, das gut vergleichbar ist mit Marc Coplands Klavierspiel. Die Mitchell-Songs passen zu seinem Interpretations-Stil so, als wären sie einst für ihn geschrieben worden. Das melancholische Schillern dieser melodisch becircenden Songs geht in Coplands Instrumentalversionen verblüffend gut auf. Möglicherweise gibt es kaum einen Jazz-Interpreten auf der Welt, dessen Klangsprache so gut zu der von Joni Mitchell passt wie die von Copland.
Neben Stücken von Mal Waldron, Sammy Cahn, Wayne Shorter und Bronislaw Kaper sind auch drei Eigenkompositionen Coplands auf dieser CD - darunter nicht zuletzt das hier auf über elf Minuten ausgedehnte Stück Night Whispers, das etwas auf eingängige Art Manisches hat - wie ein angenehmer musikalischer Spuk - und sich immer mehr steigert. Eine Aufnahme, die Coplands Kunst in der Gestaltung eines Spannungsbogens sehr gut nachvollziehbar macht. Zusammen mit Into the Silence und Blackboard zeigt dieses Stück viel von Coplands Gabe, eine gespannte atmosphärische Intensität zu erzeugen. Stücke, deren Noten manchmal einen schwindelerregenden Tanz aufzuführen scheinen - und in deren Taumel man sich höchst angeregt fallen lassen kann.
Marc Copland solo. Ein Intensitäts-Abenteuer. Ein Trip mit Überraschungen. Eine Zeitreise mit ständigen Flashbacks zur Aktualität. Ein Hör-Erlebnis zum Sich-Spiegeln. Denn diese Aufnahmen haben besonders jenen Zauber, den nur außergewöhnliche Musik hat: Sie werfen den Hörer ganz stark auf die eigenen Seelenzustände zurück. Und insofern stimmen die letzten beiden Zeilen des auf dem CD-Cover abgedruckten Gedichts von Bill Zavatsky auch in besonderem Sinn: "Lasst uns - wenn wir schon die Chance haben - Musik hören, die niemand je gehört hat." Und die wir hören, wenn wir mit Marc Copland "alone" in uns selbst hineinhören.
+++Tracks+++
1. Soul Eyes 7:02 2. I Don't Know Where I Stand 6:52
3. Night Whispers 11:20 4. Into the Silence 7:14
5. Rainy Night House 5:14 6. I Should Care 9:22 7. Fall 4:39
8. Blackboard 7:10 9. Michael from Mountains 5:45
10. Hi Lili Hi Lo 4:56
+++Tourdaten 2010+++
Marc Copland solo
2.2. Berlin-A-Trane
Marc Copland piano, Drew Gress bass, Bill Stewart drums
24.4. Basel-Schauspielhaus
27.4. München-Unterfahrt
28.4. Kempten--Jazzfrühling
+++Pressestimmen+++
Marc Copland: Night Whispers (CD erschienen bei Pirouet 2009)
Reinhard Köchl in Jazzzeit 76/2009:
"Der wandlungsfähigste, spannendste Jazzpianist der Gegenwart, trotz eines Keith Jarrett, trotz eines Brad Mehldau, trotz eines Herbie Hancock! (...) Mit 60 Jahren ist Copland nun mal das genaue Gegenteil eines Lautsprechers. Der klassische Antistar, der allenfalls im Zeitlupentempo ins Scheinwerferlicht drängt, dort aber auf ewig bleibt. Ein Tastenvirtuose, den der Jazz nie gesucht und manchmal sogar sträflich vernachlässigt hat, der aber dieser Musikrichtung Impulse gibt, wie dies zuvor höchstens Bill Evans
gelang."
Dresdner Morgenpost 1.2.2009:
"Marc Copland, Drew Gress und Bill Stewart haben nicht weniger als ein
Meisterwerk feinsinnigen Triospiels geschaffen"
Heinz Kronberger in Drums & Percussion 2/2009:
"Es gibt Aufnahmen, bei denen einem bereits nach wenigen Minuten klar ist, dass man hier Zeuge von etwas Großem wird."
Alessandro Topa in Frankfurter Allgemeine Zeitung 18.4.2009
"Copland präsentiert sich auf Night Whispers als ein Pianist, der sich fabelhaft darauf versteht, mit französisch-impressionistischer Harmonik neue Nuancen in zeitlose Moden einzubringen."
Reiner Kobe in Jazz'n'More 2/2009:
"Die Kunst des Klavier-Trios auf hohem Niveau zelebriert niemand besser als Marc Copland (außer Keith Jarrett versteht sich). Sein harmonischer Einfallsreichtum scheint unerschöpflich."
Ulfert Goeman in Jazz Podium 2/2009:
"Wer die Karriere von Marc Copland seit den neunziger Jahren verfolgt (...), der kann hier akustisch nachempfinden, warum man ihn als überaus modernen, zeitlosen, hochsensiblen, respektvollen, rätselhaften, impressionistisch spielenden Jazzklassiker bezeichnet, der das Klavierspiel und das Klaviertrio neu belebt hat und mit Night Whispers ein weiteres Meisterstück schuf."
Reinhard Köchl in Jazz thing 77/2009:
"Nie zuvor traf Coplands Spiel derart unvermittelt ins Herz. Dass diese solistischen Kleinodien ausgerechnet auf der dritten und bislang besten Trio-Einspielung des 60-Jährigen zu finden sind, ist kein Widerspruch. Die Intuition leitet ihn überall. Ein hochsensibler Musiker, der alles aufnimmt: Augenkontakt. Körpersprache, Schwingungen."













