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Out Now-Marc Copland/Greg Osby/Doug Weiss/Victor Lewis: Crosstalk VÖ 11.3.2011 (Pirouet/Edel:Kultur)

11.03.201107:59 UhrFreizeit, Buntes, Vermischtes
Bild: Out Now-Marc Copland/Greg Osby/Doug Weiss/Victor Lewis: Crosstalk VÖ 11.3.2011 (Pirouet/Edel:Kultur)
Out Now-Marc Copland/Greg Osby/Doug Weiss/Victor Lewis: Crosstalk VÖ 11.3.2011 (Pirouet/Edel:Kultur)
Out Now-Marc Copland/Greg Osby/Doug Weiss/Victor Lewis: Crosstalk VÖ 11.3.2011 (Pirouet/Edel:Kultur)

(openPR) Er ist ein Musiker von außergewöhnlicher Produktivität. Und einer, der immer neu klingt: Marc Copland. Seine vorausgehenden CDs wurden international in höchsten Tönen gerühmt: Die Zeitschrift Downbeat wählte die Trio-CD Night Whispers mit Bassist Drew Gress und Drummer Bill Stewart zu den bisher besten der 2000er Jahre; Coplands Solo-CD Alone wurde von den Zeitschriften Piano News und Stereo jeweils zur CD des Monats (bzw. Doppelmonats) erkoren; und die Quintett-Aufnahme Five on One in Star-Besetzung unter anderem mit Gitarrist John Abercrombie und Saxophonist David Liebman feierte die Fachpresse als "Ereignis" von einem der "allerbesten Quintette". Höchstes Niveau bei großer Vielseitigkeit: Das zeichnet gerade die jüngsten Jahre des 1948 in Philadelphia geborenen Pianisten aus. Marc Copland: eine verlässliche Größe von enormer Wandelbarkeit. Und hier nun eine Quartettbesetzung voller Überraschungen. Copland spielt hier zusammen mit Altsaxophonist Greg Osby (Jahrgang 1960), Bassist Doug Weiss (Jahrgang 1965) und Schlagzeuger Victor Lewis (Jahrgang 1950). Crosstalk nennen sie ihre gemeinsame CD - mit Stücken voller intensitätsgeladener Brillanz und entspannter Klarheit.



Copland und Greg Osby kennen sich seit vielen Jahren. Sie haben in den Neunzigern zusammengespielt, haben 2003 und 2004 zwei bemerkenswerte Duo-CDs aufgenommen und sind immer wieder miteinander aufgetreten. Im August vergangenen Jahres gehörte Copland zu der Band, mit der Greg Osby mit einer Auftrittsserie im berühmten New Yorker Club Village Vanguard seinen fünfzigsten Geburtstag feierte. Wer sie je miteinander gehört hat, weiß: Osby und Copland sind verwandte Seelen. Beide lieben und schätzen harmonische und formale Herausforderungen, und beide haben ein ähnliches Klang- Ideal. Gläsern transparent klingt ihr Spiel - das diese Konturenschärfe aber stets mit ungewohnten Tonfolgen verbindet. Osbys ungemein feine Linien verlaufen stets neben allen Klischees. Und Coplands Harmonik lebt von schillernd-unerwarteten Querbezügen. Auch die Biographien dieser beiden Musiker zeigen Verwandtschaften - auch wenn Copland und Osby jeweils aus unterschiedlichen Sonnensystemen des Jazz stammen. Osby gehörte in den achtziger Jahren zum vielgerühmten Kollektiv M-Base mit Kollegen wie Steve Coleman und Cassandra Wilson, jener Band, die mit rhythmisch vertrackter und hochkomplexer, urban pulsierender Musik neue Maßstäbe setzte, er experimentierte mit Elektronik und Hip Hop - und wandte sich dann Besetzungen ohne elektronische Beigaben zu. Copland begann seine Karriere als Saxophonist - und wechselte dann zum Klavier. Er spielte mit Musikern wie Randy Brecker, Curtis Fuller, Tom Harrell, Herbie Mann und vielen anderen, bis er Ende der Achtziger Aufnahmen unter eigenem Namen veröffentlichte, auf denen sich sein markanter eigener Stil mehr und mehr herauskristallisierte.

Die erneute Zusammenarbeit dieser beiden Musiker ist ein vielversprechendes Ereignis. Und noch dazu in der Kombination mit den beiden weiteren Partnern im Quartett, ebenfalls herausragenden Gestalten an ihren Instrumenten. Lewis ist ein großer Könner in Sachen starke rhythmische Präsenz in feiner Dosierung: stets voll da und immer ein enormes Ohr für das Spiel der anderen. Und Weiss verbindet kraftvolle Zuverlässigkeit mit atemberaubender Gewandtheit: einer, der alles kompakt zusammenhält und doch stets Raum für kleine, spannende Ausflüge hat. Victor Lewis spielte mit Größen wie Woody Shaw und Stan Getz, Doug Weiss begleitete Lee Konitz, Steve Kuhn und nicht zuletzt Sängerin Lizz Wright - und sowohl Weiss wie auch Lewis haben auch bereits mit Copland zusammengespielt. Das gemeinsame Quartett gehört zu den internationalen Jazz-Attraktionen dieses Jahres. Und das um so mehr, wenn man die vorliegenden Aufnahmen gehört hat.

Crosstalk kann "Wortgefecht" heißen, aber auch "Übersprechen" bedeuten: Diesen Begriff verwendet man, wenn in einer Aufnahme auf dem Kanal eines Instruments noch Töne eines anderen Instruments zu hören sind. Beide Nuancen sind reizvoll im Zusammenhang mit dieser Musik. Denn auf ganz feine Art liefern sich hier alle vier Musiker subtile Wortgefechte: Ihr Jazz ist von wacher Kommunikation durchdrungen, von einem blitzschnellen, hochsensiblen Reagieren. Und: Stets ist in der jeweiligen Stimme eines der Musiker auch markant die Stimme der anderen zu hören - Copland, Osby, Weiss und Lewis spielen hier so, wie sie letzten Endes nur in diesem Quartett spielen. Es ist ein ganz eigener Zusammenklang: ein raffiniertes musikalisches "Übersprechen".

Das Repertoire enthält Stücke von allen Beteiligten sowie die beiden Standards Tenderly und Minority. Bei Tenderly kann man Marc Coplands ungewöhnliche Stimmführungskünste studieren, bei Minority, dieser Hardbop-Nummer aus der Feder von Saxophonist Gigi Gryce (1925 bis 1983) bewundern, wie spannungsreich dieses Quartett über einem durchpowernden Walking Bass zu swingen versteht - dicht, knackig, mit virtuos groovenden Schlagzeug-Akzenten sowie Saxophon- und Klavierpassagen voller drivebeseelter Eleganz. Damit sind einige Grundzüge schon benannt: Dieses Quartett beherrscht es, ein Spiel von großer Dichte und Intensität atemberaubend leicht und mühelos daherkommen zu lassen.

Für den Hörer ist das ein wunderbares Geschenk: Eine Musik von packender Vehemenz wirkt verblüffend leicht zugänglich. Dabei gibt es natürlich Unterschiede in den Kompositionen. Hier vertretene Copland-Stücke wie Talkin' Blues oder Crosstalk erreichen eine beinahe ohrwurmhafte Griffigkeit - die durch witzige harmonische und melodische Kniffe aber gelegentlich ins Augenzwinkernd-Mysteriöse gewendet werden. Osbys Diary of the Same Dream und Three Four Civility sind Stücke von erhabenernstem Gestus, wirken mitunter wie musikgewordene politische Statements, bedächtig und voller vielsagender Kunstpausen im Fluss der Töne. Doug Weiss' Komposition Ozz-thetic kann man sich zunächst einmal als Titelwortspiel auf der Zunge zergehen lassen: Das erinnert an ein einst bahnbrechendes Stück des Musiktheoretikers, Musikers und Komponisten George Russell von 1961 mit dem Titel Ezz-thetics (wie dann auch eine ganz LP voller radikal eigenständiger Musik hieß). Und dass für Ozz-thetic ein E zu einem O wurde, lässt sich auf Osby beziehen, der hier über weite Strecken die Hauptstimme spielt; auch vom Tempo, Rhythmus und der Melodik her findet man viele Gemeinsamkeiten dieses Stücks zu Russells schier manisch vorwärtstreibendem, kantigen Vorbild; es macht Spaß, beide gewissermaßen auf einer parallelen Entdeckungsreise zu vergleichen. Victor Lewis schließlich ist mit Hey, It's Me You're Talkin' to vertreten - fast hymnische Melodik entfaltet sich hier über einem fröhlichen Groove. Die magische Mitte in dem Ganzen ergibt sich wiederum in einer Komposition Marc Coplands: Slow Hand heißt der langsame Walzer voller leiser Schräglagen, der in eine faszinierend eigene Welt führt.

Faszinierend eigen: So ist die Klangwelt dieses Quartetts auf unterschiedliche Arten durchweg auf dieser CD. Osbys geschliffen scharf umrissene Linien, die immer andere Wege gehen, als man erwartet, Coplands spiegelnde harmonische Eisflächen, Weiss' variantenreich-kraftvoller Basspuls und Lewis' überraschungsreiche Beweglichkeit: Das ist eine Kombination von großem Potenzial. Wenn man zusätzlich weiß, dass diese Aufnahmen im vergangenen Dezember in den Bennett Studios in New Jersey "live to two-track" entstanden und keine Schnitte enthalten, staunt man umso mehr. Zudem sollen Aufnahmen in dieser Gruppierung, wenn es etwa nach Marc Copland geht, keine Eintagsfliegen bleiben: "Auf jeden Fall will ich mit diesen Musikern noch mehr Aufnahmen machen!", lässt er wissen. Darauf kann man sich jetzt schon freuen - doch jetzt erst einmal gebührend an der vorliegenden CD: einem Meisterwerk der gegenseitigen Inspiration. Auch dieses Wort, Inspiration, könnte ein Synonym von Crosstalk/"Übersprechen" sein. Die hier zu findenden Töne legen es nahe.

+++Besetzung+++

Marc Copland piano
Greg Osby alto saxophone
Doug Weiss bass
Victor Lewis drums

+++Diskografie Marc Copland auf Pirouet Records+++

als Leader

2011 Marc Copland: Crosstalk (Marc Copland p, Greg Osby as, Doug Weiss b, Victor Lewis dr) · PIT3054
2009 Marc Copland: Alone (Marc Copland p) · PIT3044
2009 Marc Copland: Night Whispers, New York Trio Recordings, Vol. 3 (Marc Copland p, Drew Gress b, Bill Stewart dr) · PIT3037
2008 Marc Copland: Another Place (Marc Copland p, John Abercrombie g, Drew Gress b, Billy Hart dr) · PIT3031
2007 Marc Copland: Voices, New York Trio Recordings, Vol. 2 (Marc Copland p, Gary Peacock b, Paul Motian dr) · PIT3023
2006 Marc Copland: Modinha, New York Trio Recordings, Vol. 1 (Marc Copland p, Gary Peacock b, Bill Stewart dr) · PIT3018
2005 Marc Copland: Some Love Songs (Marc Copland p, Drew Gress b, Jochen Rückert dr) · PIT3015

als Sideman

2010 Contact: Five on One (Dave Liebman ts/ss, John Abercrombie g, Marc Copland p, Drew Gress b, Billy Hart dr) · PIT3048
2009 Gary Peacock/Marc Copland: Insight (Gary Peacock b, Marc Copland p) · PIT3041
2008 Tim Hagans: Alone Together (Tim Hagans tp, Marc Copland p, Drew Gress b, Jochen Rückert dr) · PIT3030
2008 Jason Seizer: Time Being (Jason Seizer ts, Marc Copland p, Matthias Pichler b, Tony Martucci dr) · PIT3027
2005 Tim Hagans: Beautiful Lily (Tim Hagans tp, Marc Copland p, Drew Gress b, Bill Stewart dr) · PIT3016
2004 Jason Seizer: Serendipity (Jason Seizer ts, Marc Copland p, Henning Sieverts b, Jochen Rückert dr) · PIT3008
2003 Jason Seizer: Fair Way (Jason Seizer ts, Marc Copland p, Nicolas Thys b, Rick Hollander dr) · PIT3003

+++Biografie Marc Copland+++

"Marc Copland, 1948 in Philadelphia geboren, beherrschte das Altsaxophon Mitte der 1970er Jahre vorzüglich, kollaborierte in New York mit arrivierten Kollegen wie Ralph Towner, Chico Hamilton und John Abercrombie. Doch irgendwann spürte er, dass etwas falsch lief. „Die Musik, die ich spielte, war nicht die Musik, die mir im Kopf herumging.“ Von einem Tag auf den anderen legte er das Horn zur Seite, zog sich völlig aus der Szene zurück und begann, das Geheimnis des Elfenbeins zu ergründen. Zehn Jahre verschwand er von der Bildfläche, übte verbissen und studierte andere Pianisten. 1985 fühlte er sich endlich bereit für den Start in die zweite Karriere. Ein Novum, ein Unding! Da konvertiert einer von einem Extrem zum anderen. Ein brunftiger Platzhirsch wird zum leisen Spiritisten. „Doch ich hatte immer das Gefühl, genau das Richtige zu tun.“ (...) Mit Pirouet hat er genau das Label gefunden, das zu ihm passt, das ihm sämtliche Freiheiten gewährt, die ein Freigeist wie er einfach braucht. Jede seiner Aufnahmen zeigt unentdeckte Facetten des freundlichen Chamäleons, sei es Another Place (2008), die wunderbar hymnische Kollaboration mit dem alten Gefährten Abercrombie, die mystischen Entdeckungsreisen mit dem Trompeter Tim Hagans (Beautiful Lily, 2005, und Alone Together, 2008), die innigen Diskurse im Quartett mit Jason Seizer (Fair Way, Serendipity und Time Being) (...) sowie die gefeierten New York Trio Recordings (mit Adlaten wie Paul Motian oder Gary Peacock, die selbst schon Legendenstatus besitzen. (...) Der wandlungsfähigste, spannendste Jazzpianist der Gegenwart, trotz eines Keith Jarrett, trotz eines Brad Mehldau, trotz eines Herbie Hancock!" (Reinhard Köchl in Jazzzeit 76/2009)

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