(openPR) Carolin Züge-Roeber, 30, Diplom-Psychologin und Mitarbeitende des Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands e. V. (CJD), befasst sich als Mitautorin des Buches ‚Problemverhalten und Gewalt im Jugendalter’ mit den Folgen von exzessiver Mediennutzung. Ähnlich wie andere Suchtstörungen könne ein überdurchschnittlicher Medienkonsum zu Symptomen wie Kontrollverlust, Entzugserscheinungen sowie Leistungsabfall führen. Daneben stelle Gewalt in Medien einen möglichen Risikofaktor für aggressives Verhalten dar. Im Interview gibt die Psychologin Tipps, was Eltern und Pädagogen präventiv tun können.
Frau Züge, ab wann spricht man bei der Nutzung von Fernsehen, Internet und Computerspielen von einer ‚exzessiven Mediennutzung’? Wie viele Kinder und Jugendliche sind davon betroffen?
Bei einer durchschnittlichen Nutzungszeit von mehr als zwei Stunden pro Tag sprechen deutsche Studien von einer ‚exzessiven Mediennutzung’. Aus der ‚Kim-Studie 2008’, einer Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger in Deutschland, geht hervor, dass diese Altersgruppe durchschnittlich 91 Minuten täglich fern sieht und sich 40 Minuten mit dem PC beschäftigt. Die ‚Jim-Studie 2008’, mit der der Medienumgang der 12- bis 19-Jährigen erfasst wurde, zeigt für diese Altersgruppe bereits eine durchschnittliche tägliche Fernsehnutzung von 122 Minuten sowie 117 Minuten Internetnutzung.
Welche negativen Auswirkungen kann so ein hoher Medienkonsum haben? Machen Fernsehen und Internet gar süchtig?
Wissenschaftler bringen aggressives Verhalten, Konsum von Tabak und Alkohol, Annahme stereotyper Geschlechterrollen sowie Übergewicht mit einer erhöhten Nutzung von Medien in Verbindung. Weitere mögliche Zusammenhänge scheint es mit sozialer Unsicherheit und ungünstigen Bewältigungsstrategien, im Sinne von Abwehr und Verdrängung von Problemen, zu geben. Derzeit versuchen Wissenschaftler, die Kriterien von Suchtstörungen wie Alkohol- oder Drogenmissbrauch auf die exzessive Mediennutzung anzupassen, um so erfassen zu können, ob es sich dabei tatsächlich um eine Sucht handelt und wie viele Menschen davon betroffen sind. Relevant sind dabei die Kriterien Kontrollverlust, Toleranzentwicklung, Entzugserscheinungen, negative Konsequenzen im Sozial- sowie Leistungsbereich. Viele Studien deuten darauf hin, dass es bei einer weit überdurchschnittlichen Mediennutzung zu ähnlichen Symptomen wie bei anderen Suchtstörungen kommt.
Kann die Wissenschaft einen direkten Zusammenhang zwischen Gewalt in den Medien und aggressivem Verhalten von Jugendlichen belegen?
Aggressive Inhalte in den Medien können ein zusätzlicher Risikofaktor für die Entwicklung von gewalttätigem Verhalten bei Jugendlichen sein. Dass ein Jugendlicher aber allein durch die Nutzung von Medien mit aggressivem Inhalt gewalttätig wird, ist eher unwahrscheinlich. Oft ist es vermutlich so, dass Jugendliche, die eine eher aggressive Persönlichkeit haben, auch be-sonders gerne aggressive Inhalte der Medien auswählen. Sowohl für das Fernsehen als auch für Bildschirmspiele zeigte sich in Studien, dass Gewaltdarstellungen feindselige Gedanken, körperliche Erregung und aggressives Verhalten beim Nutzer erhöhen können. Es wurden verschiedene Thesen zur Wirkung von Gewalt in Medien aufgestellt. In der Stimulationsthese wird davon ausgegangen, dass ein aggressiver Hinweisreiz in den Medien die mit Aggression verbundenen Gedanken und Gefühle kurzfristig aktiviert und auch dazu führt, dass die Umwelt vorübergehend feindseliger wahrgenommen wird. Die Theorie der Erregungsübertragung geht von einer kurzfristigen körperlichen Erregung nach der Nutzung von gewalthaltigen Medien aus. Die sogenannte Habitualisierungsthese besagt, dass ein langfristiger Konsum gewalthaltiger Medien die intensive emotionale Reaktion auf den Anblick von Gewalt herabsenkt und dies eine mögliche Abstumpfung gegenüber Gewalt in der Realität haben könnte. Langfristig könnte dies zu einer Aggression begünstigenden Veränderung der Denkstrukturen führen, bis hin zu einer möglichen Reduzierung der Empathiefähigkeit.
Was können Eltern und Pädagogen tun, um Kinder zu einem kritischen Medienkonsum zu erzeihen? Welche Grundregeln gibt es zu beachten?
Grundsätzlich sollten sich Erwachsene immer ihrer generellen Vorbildfunktion bewusst sein. Eltern und Erzieher müssen darauf achten, dass die Kinder in einer positiven Medienumgebung leben - sie sollten zum Beispiel keinen eigenen Fernseher in ihrem Zimmer haben, Fernsehen nicht während der Mahlzeiten, Mediennutzung nicht als Belohnung, Bestrafung oder als Babysitter einsetzen. Eine kritische Auseinandersetzung mit Medieninhalten kann am besten gefördert werden, wenn Kinder schon früh von ihren Eltern oder Erziehern angeleitet werden, sich geeignete Programm- oder Spielinhalte auszuwählen, um eine wahllose Nutzung zu vermeiden. Wichtig ist außerdem, dass die Erwachsenen gemeinsam mit dem Kind fernsehen oder spielen, damit das Kind vor den Geräten sich nicht selbst überlassen wird und überfordert ist, die Bilder zu verarbeiten. Ein entscheidender Faktor bei der Förderung eines gesunden Umgangs mit Medien ist, wie bereits angesprochen, eine konkrete Zeitbegrenzung der Nutzung der medialen Angebote durch die Eltern. Den Kindern und Jugendlichen sollten außerdem viele andere Möglichkeiten der Freizeitgestaltung nahe gebracht werden, die nicht unbedingt teuer sein müssen, wie Gesellschaftsspiele, Spielplatzbesuch, Ausflüge in die Natur, Sport etc. In Kindertagesstätten und Schulen bietet sich die Möglichkeit, die Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen gezielt zu fördern. Medieninhalte können mit vielen diskutiert und kritisch hinterfragt werden. Wissen über Medien kann vermittelt werden und die Schüler können an die technische Seite der Medien heran geführt werden, etwa indem sie selbst einen Film drehen.
Bibliografische Angaben:
Herbert Scheithauer/Tobias Hayer/Kay Niebank (Hrsg.): Problemverhalten und Gewalt im Jugendalter – Erscheinungsformen, Entstehungsbedingungen, Prävention und Intervention. Stuttgart, 2008: W. Kohlhammer GmbH
















