(openPR) Strahlende Farben in organischem Fluss - Pollock: Die neue Pirouet-CD des aufregend subtilen Klaviertrios Friedrich - Hébert - Moreno.
Sie ist kraftvoll; sie springt einen an; und sie ist voll sinnlich fesselnder Schönheit: die Musik des Trios Jürgen Friedrich, Klavier, John Hébert, Bass, und Tony Moreno, Schlagzeug. Selten sind Aufnahmen eines zeitgenössischen Klaviertrios so unmittelbar zugänglich - und zugleich von so feiner Komplexität geprägt. Dies ist die zweite Pirouet-CD des Trios nach Seismo von 2006. Als "Dreamteam" wurden die Musiker damals in einer Besprechung gerühmt, Kritiker machten unter anderem "einen Strudel aus Leidenschaft" in einer Musik aus, in der es "nichts Überflüssiges", aber dafür ein "beständiges Ineinandergreifen" und eine "unendlich tiefe Harmonie"gebe. Dies nun ist die Fortsetzung dieser Zusammenarbeit, die damals schon lange gefestigt war und insgesamt jetzt bereits über zehn Jahre andauert. Und für Hörer wird es spannend sein, zu verfolgen, wie sich ein Trio von diesem Niveau seither noch steigern und weiterentwickeln konnte. Pollock - so der Titel der neuen CD - ist eine besonders stimmige und vielfältige Momentaufnahme dessen, was dieses herausragende Trio kann.
Der Titel und das Cover-Design sind eine Hommage an den US-amerikanischen Maler Jackson Pollock, der mit seinen Action Paintings Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts abstrakte Bilder von enormer Lebendigkeit schuf. Pollocks Bilder entstanden häufig durch Tropftechnik - der Maler ließ Farbe auf die auf dem Boden liegende Leinwand tropfen oder schüttete sie mit Schwung darüber, so dass sich stark bewegte Strukturen bildeten. Diese Malerei hatte eine offenkundige Verwandtschaft zum Jazz; denn auch in ihr waren der Entstehungsprozess und die Spontaneität besonders wichtig. Nicht umsonst griff auch das Cover von Ornette Colemans 1961er Manifest-Platte "Free Jazz" auf Pollocks Ästhetik zurück (mit einer Reproduktion des Gemäldes "White Light").
Die musikalischen Querverbindungen auf dieser CD des Trios Friedrich - Hébert - Moreno zu Pollock sind allerdings sehr viel subtiler. Völlig eindeutig sind sie nur in einem Stück - demjenigen, das auch Pollock heißt und eine Kollektiv-Improvisation der drei Musiker ist: Tropfende Töne, die eine faszinierende ästhetische Gestalt gewinnen. Die anderen Stücke sind meist dezidierte Kompositionen, die nichts von tropfender Zufälligkeit haben - aber dafür in einer durchweg verblüffenden Unmittelbarkeit und farbigen Schönheit strahlen und leuchten. Schon beim ersten Stück, Drift, einer Komposition von Jürgen Friedrich, fesselt die Musik zunächst durch einen Einstieg von berückender lyrischer Zartheit - und diese Melodiosität formt sich dann rhythmisch pulsierend zu einer Aufnahme von immensem Drive. Wer dem Verlauf dieses und der anderen Stücke auf der CD folgt, merkt schnell, dass diese Musiker bei aller Komplexität immer in der Lage sind, hochkonzentriert zu kommunizieren, auf höchstem Niveau spontan aufeinander zu reagieren. Musikalische Impulse und Gedanken setzen stets weitere frei - und die Musik erhält den Charakter eines wunderbar organischen Fließens. Nie wirkt ein Stück konstruiert - es herrscht eine zwingende Selbstverständlichkeit des Verlaufs (oder auch: des Verlaufens; als seien Themen und Motive Farben von Pollock).
Der momentane Impuls und der hochkreative Umgang damit: Das sind Kennzeichen dieses Trios. 1998 entstand diese Gruppe aus dem deutschen Pianisten und den beiden Amerikanern. Jürgen Friedrich, seit 2006 Professor für Komposition und Arrangement an der Musikhochschule Mannheim, war damals nach New York gefahren, um den Gil-Evans-Preis entgegen zu nehmen. Er traf sich während dieser Zeit mit John Hébert und Tony Moreno zu einer Session - und zwischen den Dreien funkte es musikalisch so stark, dass sie gleich beschlossen, eine gemeinsame CD aufzunehmen. Jedes Jahr treffen sie sich seither zu Aufnahmen und Tourneen. Wer das Trio heute hört, spürt sofort, dass es zwischen den drei Musikern immer noch funkt - bei einer Differenziertheit der gegenseitigen Verständigung, die allerfeinste Nuancen des Zusammenspiels erlaubt. Da schillern und wechseln die Farben, da wird mit vielen Laut-leise-Zwischenstufen beiläufig-virtuos gespielt, da setzen sich musikalische Gedanken in den ineinandergreifenden Einzelstimmen faszinierend fort.
Aufregend für Hörer, die dieses Trio bisher stets mit deren spannenden Eigenkompositionen verbanden, ist ein auf dieser CD enthaltener Kassiker des Jazz - und noch dazu einer der berühmtesten, meistgespielten: Thelonious Monks Parade-Ballade Round Midnight. Hier wird schnell deutlich: So wie bei Friedrich, Hébert und Moreno hat man Round Midnight noch nie gehört. Quasi von außen, mit ungemein feinen Klavier-Impressionen, nähert sich die Interpretation dem Thema, das sich dann in einer ersten Umschreibung bereits herausstellt - und das alsbald, noch im Solo-Intro des Klaviers, auch ganz da ist, mit neuen Harmonien, aber weder zerstückelt noch mit Zusatztönen ausgeziert. Fast magisch ist es, wie hier das Thema - entgegen heutigen Trends - wörtlich und ganz gespielt und raffiniert in neue Sphären geführt wird, bis es in lustvoll-bluesigen Motivwiederholungen kulminiert. Ganz traditionell (im Sinne des expliziten Aufgreifens eines Themas, auf dem hier noch dazu besonders ausführlich verharrt wird, und das wiederum ist gerade heute neu) und dabei ganz aktuell (im Sinne einer verblüffend neuartigen klanglichen Umsetzung) ist der Umgang mit dem Klassiker hier.
Besetzung:
Jürgen Friedrich piano | John Hébert bass | Tony Moreno drum
Tracks:
1. Drift 4:43 2. Round Midnight 7:05 3. Ripple 6:34 4. Wayward 01:43 5. I Am Missing Her 5:08 6. Samarkand 3:57 7. Enclosed 2:23 8. Billy No Mates 04:14 9. Pollock 01:45 10. Over 07:26 11. Flauschangriff ·06:25
Presse:
AUDIO, Werner Stiefele 4/2009
+CD des Monats+Klangtipp+
Der amerikanische Maler Jackson Pollock (1912-1956) tropfte einst die Farbe in wohldosierten Schwüngen auf die Leinwand - als "action painting" wurde seine Technik zum Stilbegriff. Ähnlich spontan und doch fühlbaren Regeln gehorchend setzen der Kölner Pianist Jürgen Friedrich, der Bassist John Hébert und der Schlagzeuger Tony Moreno in "Pollock", dem titelgebenden Stück ihres gleichnamigen Albums, die Töne. Die übrigen zehn Kompositionen sind noch feiner gewirkte Klanggespinste voll zarter Melodien und sensibler Interaktion. Mit Ausnahme von Thelonious Monks "'Round Midnight" stammen sie von Mitgliedern der Band - und selbst dieser Klassiker ist so weiträumig arrangiert, dass trotz des unveränderten Themas ein eigenständiges Werk entstand. Der Tontechniker Jason Seizer schaffte das Kunststück, jede Klangnuance in einem enorm transparenten Mix perfekt einzufangen. So ist das filigrane Zusammenspiel auch über Lautsprecherboxen in den heimischen vier Wänden nahezu livehaft nachvollziehbar. Musikalisch prägt tiefstes Verständnis das Zusammenspiel dieses Trios, in dem sich alle Töne aus Flügel und Bass, alle Schläge auf Becken und Trommeln aufeinander beziehen, in dem sich eine Wendung manchmal erst durch die Fortführung auf einem anderen Instrument zur vollen Blüte entwickelt, und in dem alle drei Akteure die Dynamik ihres Spiels feinsinnig aufeinander abstimmen. Das wirkt tiefer als es je komponiert werden könnte. Eher hat die Erfahrung aus zehn Jahren gemeinsamen Musizierens dieses blinde Verständnis wachsen lassen. Wie schon auf den früheren Alben dieses Trios gibt es keinen Leerlauf. Hier hat jeder Ton seine Bedeutung - und dies ist in der Jazzgeschichte überaus selten. Jürgen Friedrich und seine amerikanischen Partner etablieren sich mit diesem Coup als eines der interessantesten Trios der aktuellen Jazzszene.
(Kurzfazit) Filigranster Trio-Jazz, perfekt aufgenommen
(Wertung) Musik: 5 Ohren / Klang: 5 Ohren
STEREOPLAY, H. Sterner 4/2009
+Die Audiophile+Klangtipp+
So sorgfältig ausbalancierte Einspielungen sind selten: Aufnahmeleiter Jason Seizer fing jede Nuance in Friedrichs höchst differenziertem Klavierspiel,
jedes noch so zarte Geräusch des aufs Wesentliche konzentrierten Drummers Tony Moreno und den warmen Klang von John Heberts Kontrabass ausgewogen ein. Damit unterstreicht Seizer den schwebenden, luftigen Charakter dieses Ausnahmetrios. Aus feinen Melodien, die oft auf dem Piano beginnen, aber erst durch den überlappenden Klang von Kontrabass und Schlagzeug vollständig werden, entstehen bis in den letzten Ton kohärente Gewebe.
(Wertung) Musik: 10 / Klang: 9













