(openPR) Der heutige Anschlag auf die Cricket-Nationalmannschaft Sri Lankas in der pakistanischen Stadt Lahore ist für viele Anhänger des Sports ein Schock – und erinnert gerade in Deutschland an die Anschläge bei den Olympischen Spielen 1972 in München. In Südasien hat Cricket in der Tat eine Bedeutung, die bei uns den Olympischen Spielen vorbehalten ist. Das über 400 Jahre alte Spiel stammt zwar ursprünglich aus Südengland – doch seine große internationale Bedeutung verdankt es vor allem seiner immensen Popularität in Südasien.
In Pakistan, wie auch in Indien und Bangladesh, ist Cricket der mit Abstand beliebteste Sport. Fernsehsender erzielen ihre höchsten Einschaltquoten bei wichtigen Spielen, die besten Spieler erreichen einen Bekanntheitsgrad wie sonst nur die großen Bollywood-Stars. Der indische Autor Ashis Nandy schließt daraus leicht augenzwinkernd: „Cricket ist ein indisches Spiel, das von den Briten entdeckt wurde.“
Daher wundert es nicht, dass die Cricket-Weltmeisterschaften 2011 nach Indien, Bangladesh und Pakistan vergeben wurden. Inwiefern Pakistan allerdings weiterhin daran beteiligt werden kann, ist spätestens nach dem aktuellen Anschlag in Lahore auf die Nationalmannschaft Sri Lankas äußerst fraglich. Schon zuvor war klar, dass aufgrund der aktuellen politischen Situation in Pakistan internationale Cricket-Begegnungen auf pakistanischem Boden hohe Sicherheitsrisiken mit sich bringen.
So musste das neuseeländische Cricket-Team im Mai 2002 seine Tour durch Pakistan absagen, nachdem eine Autobombe vor dem Mannschaftshotel in Karachi explodierte. Und Ende 2008 sagten nacheinander Australien, die West-Indies und Indien ihre Besuche ab. Auch der internationale Cricketverband ICC reagierte und verlegte kürzlich die renommierte Champions Trophy, die in Pakistan stattfinden sollte.
Die Medienpräsenz des Sports haben die terroristischen Zellen also nicht erst heute erkannt – und doch schockt die Selbstverständlichkeit des Attentats auf offener Straße mitten in der zweitgrößten Stadt Pakistans. Es verdeutlicht, wie wenig Kontrolle die pakistanische Regierung im eigenen Lande hat und zeigt, vor welch großen Problemen Pakistans Politik im Moment steht. Druck von Taliban-Fundamentalisten und eine Militärdoktrin, die vom Antagonismus zu Indien geprägt ist, auf der einen Seite – wirtschaftliche Nöte der Bevölkerung und Forderungen der USA im Krieg gegen den Terror auf der anderen Seite: Die pakistanischen Politiker stecken in einer Zwickmühle.
Heraus kamen bisher nur faule Kompromisse – wie etwa Verhandlungen mit den Taliban, die im Swat-Tal, nur hundert Kilometer nördlich der Hauptstadt Islamabad, in einer ganzen Region das Scharia-Recht einführen dürfen. Jegliche Bemühungen, einer Eskalation entgegen zu wirken, verliefen ohne nennenswerte Ergebnisse. Hoffnungsschimmer gab es zwar viele – von der Regionalorganisation SAARC zur Bus-Diplomatie zwischen den ehemaligen indischen und pakistanischen Premierministern Vajpayee und Shareef. Doch immer wieder gibt es Rückschläge – von der Ermordung der Oppositionsführerin Benazir Bhutto bis zu den Anschlägen vergangenen November in Mumbai, die zum wiederholten Mal weltweit die Sorge vor einer Auseinandersetzung zwischen den Atommächten Indien und Pakistan schürten.
Ein einfacher Ausweg aus dem Dilemma ist nicht ersichtlich. Stattdessen muss es der pakistanischen Gesellschaft gelingen, eine Identität zu finden, die sich weniger auf Feindbildern gründet, sondern stattdessen mehr auf Dialog, Konsens und Kooperation im Inneren basiert. Ein islamischer Fundamentalismus passt eigentlich nicht zu einem Land, dessen wechselhafte Kulturgeschichte mehr von hybriden als von orthodoxen religiösen Elementen geprägt ist. Die globale Inszenierung einer unversöhnlichen Feindschaft zwischen einem einheitlichen Islam und Werten wie Pluralismus und Demokratie darf in Pakistan nicht noch mehr Applaus erhalten.










