(openPR) Zusammenfassung:
Die Diskussion darüber, ob die aktuelle Liefereinschränkung des russischen Gases dazu führt, dass die deutschen Wohnstuben bald kalt werden, ist durchaus nachvollziehbar und verständlich.
Haben nun die deutschen Gaslieferanten Recht, dass die deutsche Versorgung eine Zeit lang auch ohne russische Gaslieferungen sichergestellt werden kann? Ja und nein, wie TEAM CONSULT aus Berlin in nachfolgender Analyse belegt.
Zunächst zu den Fakten:
Der Anteil an russischem Erdgas in unserer Gasversorgung liegt im Jahresdurchschnitt bei ca. 35%, aus den derzeit gesperrten Transitleitungen werden ca. 30 % des deutschen Gasbedarfs geliefert. In Hochlastzeiten während der kälteren Wintertage ist der Anteil jedoch bezogen auf Tageslieferungen deutlich niedriger, weil im Winterhalbjahr in großem Umfange Gas aus Speichern zusätzlich eingespeist wird.
Am kältesten Tag mit durchschnittlich minus 10 Grad, braucht Deutschland etwa 720 Mill. m³. Unter normalen Lieferbedingungen (d.h. keine Lieferausfälle) und vollständigem Einsatz aller Speicherkapazitäten wären aber bis zu ca. 880 Mill. m³ pro Tag verfügbar. Gazprom trägt mit den Gesamtlieferungen davon ca. 140 Mill. m³ (16%) bei und ist momentan ersetzbar.
Da sich die Speicher unter voller Ausspeicherleistung teilweise in nur 20 Tage entleeren, würde es in absehbarer Zeit dann doch noch knapp. Dabei sind jedoch 20 extrem kalte Tage nacheinander historisch nicht belegbar und nicht zu erwarten.
Fazit:
1. Spätestens in 4-5 Wochen sollte das Russengas wieder fließen, wenn es nicht zu tatsächlichen Engpässen kommen soll.
2. Unter der unwahrscheinlichen Annahme, dass in dieser Zeit keine Einigung erzielt wird, und es langfristig richtig kalt bleibt, müssen andere Maßnahmen getroffen werden wie jetzt teilweise schon in Osteuropa.
Im Einzelnen:
Spätestens seit dem 06.01.2009 hat die russisch-ukrainische Krise auch Deutschland erreicht. Wie in Krisenzeiten üblich, ist das Ausmalen von Katastrophenszenarien besonders interessant. Zusätzlich verleiten die derzeit extremen Wetterbedingungen zu voreiligen Fehlschlüssen.
Unter Berücksichtigung der relevanten gaswirtschaftlichen Parameter kommt TEAM CONSULT zu dem Schluss, dass der russisch-ukrainische Konflikt in seinen Auswirkungen für Deutschland kurzfristig handhabbar ist und erst dann kritisch wird, wenn sich die Kontrahenten nicht innerhalb der nächsten 4 – 5 Wochen einigen können. Dies wird allerdings von den meisten Beobachtern als sehr unwahrscheinlich eingestuft, da beide Kontrahenten in diesem Falle sehr viel zu verlieren und wenig zu gewinnen haben.
Um Risiken einschätzen zu können, muss man diese zunächst eindeutig benennen. Im vorliegenden Fall sind theoretisch folgende Risiken denkbar:
1. Das kurzfristig vorhandene Gasangebot in Deutschland reicht nicht aus, um die Nachfrage bei extremen Wetterbedingungen zu decken.
2. Da die Konfliktparteien sich längerfristig nicht einigen können, kommt es mittelfristig zu Versorgungs-engpässen, da die Reserven aus deutscher Vorratshaltung aufgebraucht sind.
Zur Bewertung vorgenannter Risiken ist ein umfassendes Verständnis der europäischen und deutschen Gaswirtschaft notwendig.
Der gesamte Jahresverbrauch in Deutschland liegt in einem Normaljahr (d.h. Winter- und Sommertemperaturen nahe am langjährigen Durchschnitt) bei ca. 100 Mrd. m³. Er schwankt aber deutlich im Jahresverlauf, da mehr als 50% des Verbrauches temperaturabhängig sind (z.B. Gas, das direkt zum Heizen eingesetzt wird oder mittelbar über Kraftwerke zur Fernwärmeversorgung herangezogen wird). Vereinfachend kann man davon ausgehen, dass von dem Gesamtverbrauch eines Jahres 2/3 auf die Wintermonate (Oktober – März) und 1/3 auf die Sommermonate (April – September) entfallen.
Dieser Bedarf wird aus unterschiedlichen Quellen gedeckt. Neben der deutschen Eigenproduktion, die immerhin noch ca. 15% zum deutschen Verbrauch beiträgt kommt das Gas aus niederländischen (ca. 20%), norwegischen (ca. 27 %)und russischen Quellen (ca. 35 %) und in geringem Maße aus der britischen bzw. dänischen Nordsee (ca. 3%). Da die Quellen unterschiedlich weit entfernt vom deutschen Verbraucher liegen, variieren sie sehr stark in ihrer Lieferstruktur. Liefert nämlich ein Lieferant das ganze Jahr kontinuierlich die gleiche Liefermenge spricht man von einer sogenannten Bandlieferung. Im Unterschied dazu sind andere Lieferanten in der Lage, ihre Lieferungen den jeweils aktuellen Marktbedürfnissen anzupassen, also ihre Lieferungen sehr stark zeitlich zu strukturieren.
Die Frage, welche Flexibilität ein Lieferant anbieten kann, hängt von einer Reihe von technischen Parametern ab. Einer der wichtigsten Parameter ist dabei die Distanz zwischen Gasquelle und Gasverbraucher. Vereinfachend gilt: Je höher die notwendigen Investitionen für den Gastransport je gleichmäßiger erfolgt die Gaslieferung. Daraus folgt, dass Gas aus weiter entfernten Quellen in Bandlieferungen erfolgt, während Gas aus näher gelegenen Quellen deutlich flexibler, entsprechend der Verbrauchsschwankungen, geliefert wird. Für Deutschland bedeutet dies, dass insbesondere holländisches Gas im Winter deutlich überproportional zur deutschen Bedarfsdeckung beiträgt und dass auch das norwegische Gas innerhalb bestimmter Bandbreiten dem Verbrauch angepasst werden kann. Russisches Gas wird dagegen aufgrund der langen Transportwege (4.000 – 5.000 km) weitgehend kontinuierlich, also als Bandlieferung, bereitgestellt.
Trotz der Diversifikation und der unterschiedlichen Flexibilität der deutschen Gasbezüge übersteigt der deutsche Tagesbedarf an klassischen Wintertagen die maximal verfügbaren Liefermengen aus den verschiedenen Lieferquellen. Unter normalen Bedingungen (d.h. alle Lieferanten liefern die vertraglich zugesicherten Mengen) übersteigt der Tagesbedarf die Liefermengen ab einer durchschnittlichen Tagesmitteltemperatur von ca. +4°C. In diesem Falle muss der Mehrbedarf aus Gasspeichern gedeckt werden.
Deutschland verfügt über Speicherkapazitäten, in denen ca. 19 Mrd. m³ Gas gelagert werden können. Dies entspricht knapp 20% des deutschen Jahresverbrauches bzw. ca. 30 % des deutschen Winterverbrauches. Damit verfügt Deutschland über die viertgrößten Speicherkapazitäten weltweit.
Unter Zugrundelegung dieser Daten können nun auch die vorgenannten Risiken besser bewertet werden:
1. Das Risiko eines kurzfristigen Versorgungsengpasses ist selbst unter den derzeitigen Wetterbedingungen und bei einem kompletten Ausfall russischer Lieferungen (tatsächlich ausgefallen sind maximal 80%) unwahrscheinlich. Nach unserer Berechnung beginnt der kritische Temperaturbereich für eine problematische Versorgungslage bei einer gesamtdeutschen Tagesmitteltemperatur von ca. -10°C. Es ist festzuhalten, dass seit der Wiedervereinigung die niedrigste Tagesmitteltemperatur in Deutschland bei ca. -9°C also immer noch unterhalb der kritischen Marke lag.
Was würde nun passieren, wenn es zu neuen historischen Temperaturtiefstständen kommen würde? Selbst in diesem Falle würden die gasbeheizten Haushalte nicht frieren, da die Gaswirtschaft mit vielen Großkunden (Industrie und Kraftwerke) unterbrechbare Lieferungen vereinbart hat. Diese erlauben es dem Gasversorger, einzelne Verbraucher nach Vorinformation vom Netz zu nehmen, da diese Kunden ihre Anlagen zumeist über einen Ersatzbrennstoff (z.B. Öl) betreiben können und hierfür auch Vorräte vorhalten.
2. Die Einschätzung des mittelfristigen Risikos hängt sehr stark davon ab, mit welchen durchschnittlichen Temperaturen für den Restwinter gerechnet wird und welche Füllstände die Speicher zu Beginn der russischen Versorgungsunterbrechung hatten. Laut Gas Storage Europe (Vereinigung der europäischen Speicherbetreiber) liegt der Füllstand der deutschen Gasspeicher zum 05.01.2009 noch bei ca. 70%. TEAM CONSULT geht davon aus, dass sich die maximale Ausspeicherkapazität der deutschen Speicher verringert, wenn die Speicher nur noch zu 50% gefüllt sind, da dann der nachlassende Innen-druck des Gasspeichers die verfügbare Ausspeicherleistung reduziert. Unter diesen Voraussetzungen könnten ca. 10 Tage in Folge historische Tiefsttemperaturen eintreten, bevor eine Leistungsreduzierung der Speicher erwartet werden muss. Unterstellt man dagegen, dass sich das Wetter kurzfristig wieder in Richtung eines „normalen Winters“ entwickelt (d.h. Tagesmitteltemperaturen um den Nullpunkt) dann würden die Vorräte wohl 25-30 Tage ausreichen, bevor es zu nachhaltigen Engpässen kommt.
Das vorgenannte Szenario berücksichtigt noch nicht eventuell eingeleitete sonstige Gegenmaßnahmen wie die verstärkte Nutzung der Lieferroute für russisches Gas über Weißrussland und Polen oder eine kurzfristige Erhöhung norwegischer oder niederländischer Importe. Auch die unter Punkt 1 genannten vorübergehenden Abschaltungen von Großverbrauchern sind dabei nicht berücksichtigt.
Abgesehen von der Bereitstellung der notwendigen Gasmengen bleibt der Transport des Gases unter den veränderten physischen Gasflüssen eine besondere Herausforderung.













