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Die Staatsgalerie - Die Sammlung - Neue Räume - Neue Präsentation

10.12.200814:41 UhrKunst & Kultur
Bild: Die Staatsgalerie - Die Sammlung - Neue Räume - Neue Präsentation
Raum EG 6: mit vier Farbholzschnitten von Daniel Richter, links Uwe Lausen, Durchblick in nächsten Raum auf ein Werk von Katharina Fritsch
Raum EG 6: mit vier Farbholzschnitten von Daniel Richter, links Uwe Lausen, Durchblick in nächsten Raum auf ein Werk von Katharina Fritsch

(openPR) Kunst ab 1950
13.12.2008 – 01.06.2009

Wie ein neues Museum muten die zehn zusätzlichen Räume mit 1.500 m2 im Erdgeschoss der Alten Staatsgalerie an. Insgesamt verfügt die Staatsgalerie Stuttgart damit nun über rund 8.350 m2 Ausstellungsfläche. In den neuen Räumen feiert die Staatsgalerie zunächst bis 1. Juni 2009 ihre eigene Sammlung, ehe dort künftig Sonderausstellungen stattfinden werden. Zu sehen ist Kunst ab 1950, insgesamt rund 80 Arbeiten, darunter zahlreiche Werke, die viele Jahre nicht mehr zu sehen waren: Gemälde, Skulpturen, Objekte, Installationen und Photokunstarbeiten von Künstlern wie Dieter Roth, Richard Long, Jannis Kounellis, Rebecca Horn, John Coplans, Imi Knoebel, Giovanni Anselmo und John Armleder werden präsentiert. Erstmals zu sehen sind die vier Farbholzschnitte aus dem Jahr 2007 von Daniel Richter. Ferner wird mit einem in den letzten Monaten von Neo Rauch eigens für die Staatsgalerie gemalten Kunstwerk mit dem Titel "Ordnungshüter", gestiftet von Rudolf und Uta Scharpff, der Parcours durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart vervollständigt.




Raum EG 1: Neue Materialien für die Kunst

In den 1960er Jahren erkennen viele Künstler, auch in Reaktion zur glatten Minimal Art und zur medial orientierten Pop Art, in natürlichen Materialien eine neue ästhetische und inhaltliche Dimension. Wie schon zuvor bei dem Dadaisten Kurt Schwitters oder später bei Jean Dubuffet, dem die Aussagekraft des Materials zentral wurde, wird jede Hierarchie von kunstwürdigem und kunstunwürdigem Material aufgehoben. Viele Arbeiten ändern ihr Erscheinungsbild bei jeder neuen Installation, denn da sie auf Sockel und Rahmen verzichten, antworten sie in besonderer Weise auf das vorhandene Umfeld. Das Material wie Kohle, Eisen, Stoff, Holz, Steine, Ruß spricht unmittelbar zum Betrachter und thematisiert meist organische Prozesse, kann aber auch auf geschichtliche Bezüge hinweisen. Sowohl die schon in ihrem Namen auf »arme« Materialien deutende Arte Povera – Jannis Kounellis und Giovanni Anselmo gehören ihr an – als auch die mit ihr verwandte Land Art möchten den Warencharakter der Kunst überwinden. Die Land Art geht allerdings noch weiter, da ihre Werke in entlegenen Regionen und fernab des Kunstbetriebs entwickelt werden. Als gleichsam ritualisierte, an die Magie des Ortes ihrer Entstehung erinnernde Gesten werden diese Werke von Künstlern wie Richard Long dann manchmal auch ins Museum geholt.


Raum EG 2: Reduktionen

Anfang der 1960er Jahre entstand in den USA als Gegenbewegung zur gestischen Malerei des Abstrakten Expressionismus die auf Objektivität und Ent-individualisierung zielende Minimal Art. Typisch ist die Reduktion auf wenige geometrische Grundstrukturen (Primary Structures), die serielle Wiederholung sowie der Einsatz von industriell hergestellten Fertigprodukten. Ziel ist die Vermeidung jedweder persönlichen Handschrift. Der Begriff wird hauptsächlich auf dreidimensionale Werke angewandt, da die Reflexion der Gegebenheiten von Wand und Boden eine zentrale Rolle spielt. Doch findet sich auch in der Malerei dieser Jahre das Bestreben, die Kunst auf Grundstrukturen und monochrome Flächen zu reduzieren, wobei die Untersuchung der Bedingungen von Malerei hier eine
wesentliche Rolle spielt – etwa wenn über Formate, das Verhältnis von Bild und Wand, Grundierung und Farbauftrag nachgedacht wird. Statt der Darstellung steht das Wie der Darstellung im Vordergrund einer emotionslos und sachlich daherkommenden Malerei. Obwohl ebenfalls von der Verweigerung der traditionellen Malerei ausgehend und als Theoretiker für Minimal und Concept Art wichtig, sind die geometrischen, in den späten »Schwarzen Bildern« für das Auge kaum noch unterscheidbaren Grundstrukturen bei Ad Reinhardt in einem anderen Licht zu sehen, da bei ihm die meditative Funktion von Kunst eine wichtige Rolle spielt.


Raum EG 3: die Sprache der Dinge

Seit Anfang der 1960er Jahre beteiligten sich der Franzose Robert Filliou und der Amerikaner George Brecht an den wichtigsten internationalen Luxus-veranstaltungen. Ihre Werke wie auch die des mit ihnen befreundeten deutschen Künstlers Dieter Roth arbeiten mit alltäglichen Objekten und stehen für die Suche nach einer lebendigen Kunst jenseits etablierter Ausdrucksformen. Hinterfragt werden auf poetisch-humorvolle Weise Systeme und hier besonders die festgelegte Bedeutung von Wortsprache, die ihrer Meinung nach einer eigentlich nur intuitiv begreifbaren Wirklichkeit imWege stehen. Entsprechend sind auch Roths Bilder und Assemblagen aus alltäglichen Materialien auf einer metasprachlichen Ebene angesiedelt, sind bildliche Reflexionen über die Möglichkeiten dialogischen Austauschs unter Bezugnahme auf die eigene Biographie. Dabei wird die Verwendung von nichtkonservierbaren Materialien, die das Veränderliche der Natur
widerspiegeln, zu einem Gleichnis des körperlichen Verfalls des Menschen. Die eigene Kunst und deren Bezugnahme auf den Betrachter ist auch das Thema der 1978 begonnenen und 1998 weitergeführten »BAR 0« mit ihrer wuchernden Ansammlung hauptsächlich künstlerischer Requisiten – eine Arbeit, die den Museumsbesucher auf ganz besondere, barrierelose Weise willkommen heißt.


Raum EG 4: »Hunger nach Bildern«

»Hunger nach Bildern« – diese Formel (Titel eines Buches von Wolfgang Max Faust und Gerd de Vries) fördert Anfang der 1980er Jahre den Boom vor allem neoexpressiver Malerei in Deutschland. Nach Jahren konzeptueller Kunst und Minimal Art malen ihre Protagonisten wieder figurativ ohne jedoch die Wirklichkeit unmittelbar abzubilden. So bezeichnet etwa Georg Baselitz sein Verhältnis zu seinen Motiven – darunter viele ›urdeutsche‹ wie Adler, Schäferhund oder Wald – als willkürlich, kehrt sie leitmotivisch um und rückt die Malerei als Medium, die expressive Malgebärde, in den Vordergrund. Anselm Kiefer setzt sich in seinen oft monumentalen Arbeiten konkret mit deutschen Themen auseinander. Vor allem berührt er Tabu- und Reizthemen der jüngeren Geschichte und insbesondere der Zeit der NS-Herrschaft, deren Verbrechen er nicht als metaphysisches Unheil zu repräsentieren beabsichtigt, sondern in einem »beängstigenden Hier und Jetzt« (Werner Spies). In Gerhard Richters Abstrakten Bildern hingegen, die seit den 1980er Jahren entstehen, ist vor allem das Medium die Botschaft und ein konzeptueller Anteil erkennbar. In seinem Werk ist die Untersuchung von Paradigmen moderner Abstraktion im Spektrum zwischen Monochromie und Expression zentral.


Raum EG 5: Kunst der 1980er Jahre

Kunst der 1980er Jahre wird meist mit subjektzentrierter, antikonzeptueller Malerei verbunden. Tatsächlich war sie vielfältiger. Ein Gegenmodell zur Vorstellung der 1980er Jahre als eindimensionale Dekade neoexpressiver, figurativer Malerei hat etwa der amerikanische Kunsttheoretiker Douglas Crimp schon 1977 mit seiner heute legendären Ausstellung Pictures im New Yorker Artists Space entworfen, in der er den postmodernen Bildbegriff einführte. Die in dieser Schau vertretenen Künstler/innen, die verstärkt Photographie benutzen, widersetzten sich einem Moralcode der Originalität der Autorschaft. Vielmehr eigneten sie sich Bilder aus Werbung und Kunstgeschichte an, um im Bekannten ungeahnte Reserven für den kritischen Geschlechter- und Machtdiskurs zu entdecken. Für diese Form strategischer Aneignung fremder Bildlichkeit wurde der Begriff Appropriation Art geprägt, mit der später auch Barbara Krugers Plakatarbeiten, Louise Lawlers photographierte Arrangements oder Jeff Koons »cute commodity art« (»niedliche Warenkunst«) verbunden wurden. Zu den Kunstrichtungen der 1980er Jahre gehört aber auch Neo Geo (Neue Geometrie), die ihre gegenstandslose Bildsprache mit deutlichen Bezügen zur Geschichte der abstrakten Kunst aus Umwelt und Gesellschaft ableitete – hier vertreten durch John Armleder und Gerwald Rockenschaub. Auch feministische Strategien entwickelten sich in den 1980er Jahren: Rosemarie Trockel etwa spielt mit ihren Herdplatten auf die strenge geometrische Objektform der männlich dominierten Minimal Art an und deutet Rollenklischees offensiv um.


Raum EG 6: Abstraktion – Figuration: Uwe Lausen – Neo Rauch – Daniel Richter
In Raum 6 werden Arbeiten zweier Generationen deutscher Künstler präsentiert, die das Feld zwischen Figuration und Abstraktion unterschiedlich, aber mit vergleichbarer Intensität durchforsten und sich unter Bezug auf Malerei und Graphik auf ihre Gegenwart einlassen. Uwe Lausen (1941–1970), der in den 1960er Jahren – unter Einfluss der künstlerisch wie politisch agierenden Gruppe SPUR und der Situationistischen Internationale – zunächst in subkulturellen Zusammenhängen auftrat, wurde durch Transformation von Depression in wütende Texte und obsessive zunächst expressiv-abstrakte, später mehr figurative Malerei bekannt. Sein Werk verstand er vor allem als »eine praktische Anleitung zur Skepsis«. Lausens oft radikale Analyse gesellschaftlicher Realität und seine stilistischen Sprünge machen ihn für jüngere Künstler wie etwa Daniel Richter (*1962) aktuell, der 2006 Lausens Malerei in eine seiner Ausstellungen integrierte. Auch Richter spielt zunächst malerische Techniken der Abstraktion und seit dem Jahr 2000 figurative massenmediale, subkulturelle und kunsthistorische Motive durch, um die Themen Angst, Terror, Gewalt und Tod in Bilder zu setzen. Unmittelbare Lebenswirklichkeit findet sich auch in Neo Rauchs (*1960) Arbeiten wieder. Immer aber sind seine aus malerischen Farbflächen und Bedeutungspartikeln entwickelten Bilder verrätselt oder ins Unheimliche gewendet – aus seiner Sicht als »Fortsetzung des Traums mit anderen Mitteln«.


Raum EG 7: Fokus Körper

Kunst hat sich immer schon auf den menschlichen Körper bezogen. Seit Body Art und Performance der 1960er Jahre ist der Körper in der Kunst jedoch nicht länger Abbild des Menschen, sondern wird – öffentlich als Material eingesetzt – zur Projektionsfläche für Analysen individueller Erfahrungen und gesellschaftlicher Veränderungen, Krisen und Umstürze. So haben eine differenzierte Betrachtung der Geschlechterverhältnisse, die Kritik gesellschaftlicher Machtverhältnisse und die Auflösung moralischer Grenzen seither ein anderes »Körperbild« entstehen lassen und für gesellschaftliche Bedingungen des Blicks auf den Körper wie auch auf den Raum, mit dem er in Beziehung tritt, sensibilisiert. Raum 7 zeigt, wie sich Künstler/innen der Gegenwart in den Medien Photographie, Siebdruck, Skulptur und Video Bilder vom Körper, seinen Bedingungen, Beschränkungen, Fragmentierungen, Inszenierungen, Obsessionen, Entgrenzungen und Neukonstruktionen machen. Oft sind – wie bei John Coplans, Rebecca Horn, Joan Jonas oder wie in Bruce Naumans Frühwerk – der eigene Körper und die eigenen psychisch-physischen Konditionen Ausgangspunkte. Doch rückt – wie in Naumans späterer Neonarbeit – auch der entindividualisierte Körper als Kommunikationsmedium oder – wie bei Asta Gröting – als energetisches System ins Zentrum künstlerischen Interesses.


Raum EG 9: Abstraktion als Weltsprache

1959 entwarf die zweite documenta ein Bild der aktuellen Kunst, das die Abstraktion als vorherrschende Tendenz der Nachkriegsjahre in den Mittelpunkt stellte und dem Abstrakten Expressionismus aus Amerika die Hauptrolle zuerkannte. Doch auch Europa behauptete sich mit zahlreichen abstrakten Malern wie Ernst Wilhelm Nay, Emil Schumacher, Hans Hartung, Karl Otto Götz, K. R. H. Sonderborg, Peter Brüning, Gerhard Hoehme aus Deutschland, Jean Bazaine, Alfred Manessier, Jean-Paul Riopelle, Pierre Soulages, Georges Mathieu aus Frankreich, Emilio Vedova aus Italien, Eduardo Chillida aus Spanien und vielen anderen. Mit ihrer »informellen Kunst« (art informel) – ein Begriff, der zunächst im Umfeld der Ecole de Paris aufkam, doch bald als Sammelbegriff für die gestische Abstraktion im Europa der 1950er und frühen 1960er Jahre verwendet wurde – sahen sie sich als Teil einer erneuerten und globalen, durch die Weltsprache der Abstraktion verbundenen Kultur. Sowohl der Surrealismus in seiner automatistischen Ausrichtung als auch die Improvisationen Kandinskys waren die Vorbilder dieser non-figurativen Malerei, deren Ausprägung sehr unterschiedlich sein konnte und die sich bald heftigen Attacken sowohl seitens gegenständlicher Positionen im Westen als auch ideologischer Gegner jenseits des Eisernen Vorhangs ausgesetzt sah.

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