(openPR) Berlin, 19. September 2008 - Das Georg-Kolbe-Museum zeigt die erste europäische Retrospektive des 1960 in Peking geborenen und seit 1989 in Sydney lebenden Künstlers Ah Xian. Seine vorwiegend aus Porzellan gefertigten Figuren und Büsten sind von verschwenderisch-schönen Dekoren bedeckt, deren Motive aus der Kunst der Ming- und Qing-Zeit (14. bis 19. Jahrhundert) stammen. Gleich Tätowierungen überziehen sie die Körperbilder, die von lebenden Modellen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis des Künstlers abgeformt wurden und deren Vokabular verschiedene Kulturen und Zeiten überspannt. Dabei werden auch Fragen nach der Identität Ah Xians aufgeworfen, der 1989 aus politischen Gründen China verlassen hatte.
Die Rückbesinnung auf die Bildsprache und die Techniken des Heimatlandes markiert den Versuch, seine chinesischen Wurzeln unter den Vorzeichen des Exils wiederzubeleben. Durch einen Aufenthalt in der chinesischen Porzellan-Metropolen Jingdezehn, der 1999 mit einem Stipendium des Australian Council ermöglicht wurde, hat sich Ah Xians Bewusstsein für den Reichtum und die Exzellenz der heimatlichen Handwerkstradition entwickelt, die er seitdem für zeitgenössische Kunstpraktiken fruchtbar gemacht hat. Von Meistern ihres Fachs lässt er beispielsweise die komplizierten Baizi-Motive („hundert Kinder“), das Drachenschuppenmuster aus Rinderknochen oder das Zehntausend-Blüten-Dekor mit gehämmerten Kupfer in feiner Cloisonné-Technik auf die Büsten und Ganzfiguren übertragen. Die Büste als solche war der älteren chinesischen Kunst unbekannt, erst im Kommunismus entwickelte sich eine eigene von der UdSSR übernommene Bildnistradition, die letztlich auf die europäische Renaissance zurückgeht.
Das von Ah Xian aufgespannte Netzwerks historischer und politischer Bezüge hat auch eine durchaus abgründige Seite. Hinter der berauschenden Ästhetik altchinesischer Ornamentik steht die Frage nach der Gegenwärtigkeit überkommener Traditionen im Zeitalter der Globalisierung. So sagt Ah Xian über seine eigen Kunst: „Wie kann ein Künstler, der in China aufwuchs, an den kulturellen Werten und Traditionen seines Heimatlandes festhalten, wenn er sich plötzlich in einer Welt wiederfindet, die von der Sprache und den Werten des Westens dominiert wird? Doch gibt es ein noch tiefer gehendes Problem, mit dem man sich auseinandersetzen muss. In meinen Augen stellt sich nämlich ebenso die Frage, wie sich die heutige, gewissermaßen von innen her entwertete chinesische Kultur überwinden lässt.“ Die individuellen Gesichter und Körper werden durch die Muster gänzlich überformt. Sie erscheinen auf unheimliche Weise verdinglicht und zitieren in ihrer europäischen Denkmalform auch wieder eine Idee der Freiheit, die für Ah Xian zur Bewältigung seiner kulturellen Entwurzelungserfahrung beitrug: „Ich habe letztendlich erkannt, dass die beste Definition von ‚Freiheit’ lautet, ‚kompromisslos aus sich selbst hervorzugehen und an sich selbst zu glauben’.“
Ah Xian ist Autodidakt und arbeitet seit 1980 als professioneller Künstler. 1989 emigriert er unter den Eindrücken des Massakers auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ (Tien’anmen) und der darauf folgenden politischen und kulturellen Restauration in China nach Australien. 2001 gewann Ah Xian den Nationalen Skulpturenpreis Australiens. Von 2002 bis 2004 erhielt er das Fellowship Grant des Australia Council. Ende 2003 wurde ihm eine Retrospektive in der Queensland Art Gallery in Brisbane ausgerichtet. In Deutschland waren seine Arbeiten erstmals 2002 im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst (MAK) im Rahmen der Ausstellung „Ah Xian Meets Jingdezehn“ zu sehen.
Ah Xian: Skulpturen
Laufzeit: 21. September 2008 – 16. November 2008
Öffnungszeiten: Dienstag - Sonntag, 10-17 Uhr
Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 3 Euro
Kurator der Ausstellung: Dr. Marc Wellmann
Katalog: Zur Ausstellung erscheint in der Edition Braus ein reich bebilderter Katalog mit Texten von Melissa Chu, Stephan von der Schulenburg, Hans-Jürgen Schwalm, Britta Schmitz und Dieter Brunner. Hardcover, 96 Seiten, Verkaufspreis in der Ausstellung: 25 Euro.
Öffentliche Führungen: jeden Sonntag, 14 Uhr. Individuelle Führungen können unter 030 – 3042144 gebucht werden. Kuratorenführung: 4.Oktober 2008 um 15 Uhr
Vortrag: „Tradition im Spiegel der Moderne: Ah Xian´s Blick auf die cheniesische Kunstgeschichte“ Dr. Herbert Butz, Oberkustos, Museum Asiatischer Kunst, Ostasiatische Kunstsammlung, Berlin













