(openPR) Wohnungsexperten diskutieren auf Verbandstag in Darmstadt aktuelle und künftige Wohntrends unter dem Motto „Innovatives Wohnen“
Erste Experimente bei Mietwohnungsneubauten ohne Heizkostenumlage / „Mieterbund fordert Mieterhöhungen“ / Entwicklung neuer Wohnkultur / Sorge um soziale Entwicklungen
- Erhebliche Fortschritte bei der energetischen Wohngebäudequalität,
bislang vor allem Pilotprojekte im Neubau, umfangreiche energetische
Sanierung der Bestandsgebäude meist teuer und häufig nicht wirtschaftlich
- Wohnangebote mit neuen Dienstleistungskomponenten
- Gesundheitsrelevante Faktoren bei Wohnnachfrage auf dem Vormarsch
- Preisgünstiger Wohnraum wird knapper
Die energetische Sanierung der Wohngebäude und die Bereitstellung von preisgünstigem Wohnraum sind die zentralen aktuellen Herausforderungen beim Wohnen. Dies sagte Rudolf Ridinger, Vorstandssprecher des VdW südwest, vor der Presse in Darmstadt anlässlich des Verbandstages am 9. und 10. September, bei dem rund 380 Experten zu Wohnungsfragen aus Deutschland über die Lösungsansätze zu drängenden Problemen beim Wohnen diskutieren.
Große technische Fortschritte, aber noch nicht „serienreif“
Besonderes Interesse finden dabei neue Konzepte zu Energieeinsparungen beim Wohnen. Während vor wenigen Jahren noch Niedrigenergiehäuser bei Wohnungsneubauten an der Spitze standen, sind es inzwischen die so genannten Passivhäuser, die keine aktive Heizung mehr benötigen. Deren Technik ist in den letzten Jahren kontinuierlich weiterentwickelt worden. Deshalb hat die Umsetzung im Neubaubereich einen stetigen Schub erfahren.
Gleichwohl sind diese Wohnungsbautypen noch nicht die Regel. Ridinger erklärt dies mit am Bau ohnehin längerfristigen Marktdurchdringungszeiten, aber auch damit, dass die Realisierung von Passivhäusern eine sehr komplexe Herausforderung darstellt. Denn schon die kleinste Wärmebrücke mache das Erreichen der Zielvorgaben bei Passivhäusern zunichte. Diese Herausforderungen seien insbesondere bei den Bestandswohnungen besonders hoch. „Wenn man gleichzeitig bedenkt, dass die Neubauquoten aktuell auf dem niedrigsten Niveau seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges liegen, dann wird noch einige Zeit verstreichen, bis Passivhäuser oder andere energetische Konzepte mit vergleichbarem Niveau auf den Wohnungsmärkten deutlich größere Anteile gewinnen werden“, so die Einschätzung von Ridinger. Die Passivhäuser zeigten allerdings, was heute technisch schon möglich sei.
Weitere Konzepte stünden derzeit in der Erprobung. So berichtet Ridinger von den ersten so genannten Null-Heizkostenhäusern. Es handelt sich dabei um Mietwohnungen, deren Heizkosten so niedrig sind, dass der Verwaltungsaufwand für die Erstellung der Heizkostenabrechnung wesentlich größer ist, als die anfallenden Heizkosten. Deshalb würden Konzepte erprobt, bei denen eine Warmmiete vom Vermieter ohne eine jährliche Heizkostenabrechnung verlangt wird. Beim Mieter ergibt sich dadurch der Vorteil, dass er damit nahezu die gesamten Wohnkosten mit Ausnahme der so genannten kalten Nebenkosten, bereits im Vorhinein kennt. Auch laufen mehrere Pilotprojekte, bei denen den Mietern unterjährig Verbrauchsdaten zur Verfügung gestellt werden. Hierdurch habe der Mieter den Vorteil, dass er bereits vor der Nebenkostenabrechnung einschätzen kann, was an voraussichtlichen Kosten auf ihn zukommt beziehungsweise, dass er seinen Verbrauch optimieren kann. Allerdings, so Ridinger, sei noch offen, ob solche Informationen tatsächlich zu Verbrauchsoptimierungen beitragen oder ob der Verbrauch nicht stärker vom energetischen Bewusstsein der Bewohner abhängig ist.
Keine Pflichtanteile von erneuerbaren Energien im Bestand
Ein richtiges Modethema sei zur Zeit die Nutzung erneuerbarer Energien. Schließlich ginge es dabei um mehr Versorgungssicherheit. Allerdings würden einige Lösungen überschätzt. Ridinger nennt insbesondere die Solarenergie. Diese rechne sich im Wohnungsbestand zumeist nur mit gleichzeitiger erheblicher Wärmedämmung und neuen effizienteren Heizungsanlagen. Das erforderliche energetische Gesamtpaket sei sehr teuer, wenn dann noch gleichzeitig notwendige weitere Änderungen an den Wohnungen hinzukommen, dann seien häufig rasch Mietsteigerungen von 30 bis 50 Prozent erforderlich. Vor diesem Hintergrund ging Ridinger insbesondere hart mit Forderungen zur Verpflichtung von Mindestquoten von erneuerbaren Energien im Wohnungsbestand ins Gericht. Wer dies, wie etwa der hessische Mieterbund, fordere, sollte seinen Mitgliedern auch reinen Wein einschenken und ihnen mitteilen, dass sich ihr Interessenverband faktisch für Mietsteigerungen einsetzt. Diese Mietsteigerungen würden dann höher ausfallen, als die zur Zeit realisierbaren Energiekosteneinsparungen. Genauso problematisch seien Solarsatzungen, wie diese von der Stadt Marburg angestrebt werde und wie sie ein aktueller Gesetzentwurf der hessischen SPD ermöglichen will. Solche Satzungen sehen bei Hauseigentümern die Verpflichtung zur Nutzung von Solarenergie vor. Als interessante Alternative entpuppen sich, so Ridinger, immer häufiger Wärmepumpen, die die Erdwärme nutzen. Doch sei auch dies nicht an jedem Standort möglich.
Stärkung der Innovationen
Ridinger fordert vielmehr eine Stärkung der Innovationen beim Wohnen. Da sei es kontraproduktiv, wenn die in Pilotprojekten realisierten Beispiele von der Politik gleich als künftige verpflichtende Standards deklariert werden. Dies sei ein „Schlag ins Gesicht“ nicht zuletzt auch der innovativen Unternehmen, sagte Ridinger. Gerade im Rhein-Main-Gebiet sei die Wohnungswirtschaft auf diesem Feld besonders innovativ. Wie in anderen Wirtschaftsbereichen sei ein Prototyp allerdings noch kein Garant für eine Serienreife.
Besonders wichtig für die Marktdurchdringung sei auch die Verbreitung und der Umgang mit Innovationen. Hier seien häufig erhebliche Defizite bei den Fachbetrieben am Bau und in den Ausbaubereichen festzustellen. Ridinger sieht deshalb einen Bedarf an Weiterbildungsangeboten für die betreffenden Berufsgruppen.
Neue Wohnkultur mit vielfältigem Dienstleistungsangebot
Die Wohnungswirtschaft habe, so Ridinger, ein weiteres Feld, auf dem sie besonders in ihrer Innovationskraft gefordert sei. Dies seien Dienstleistungsangebote, die immer vielfältiger würden und von Reinigungsdiensten über Botengänge und Einkaufsunterstützung bis hin zum Car-Sharing oder Reiseangeboten reichten. Hier entwickle sich allmählich eine neue Wohnkultur, die auch durch den demographischen Wandel geprägt sei. Da sich die Lebensstile immer mehr unterscheiden, so Ridinger, würden auch die Wohnwünsche individueller. Dies werde von Wohnungsunternehmen vermehrt durch eine Flexibilisierung der Dienstleistungsangebote aber auch der Ausstattungsmerkmale der Wohnungen aufgefangen. Ridinger geht davon aus, dass aufgrund der demographischen Entwicklung dieser Trend weiter zunimmt. Dabei seien auch Dienstleistungen rund um die Gesundheit immer mehr gefragt. Heute spielten Ausstattungsmerkmale wie etwa barrierefreie Wohnungen und behindertengerechte Bäder bereits eine wichtige Rolle. Künftig sei zudem eine stärkere Vielfalt von wohnnahen Betreuungsdienstleistungen zu erwarten. Dies könnte mit Blick auf die technischen Möglichkeiten dann auch für Gesunde mit mehr Komfort verbunden werden.
Engpass bei preisgünstigen Wohnungen nimmt zu
Bei diesen technischen Innovationen seien vor allem die Kosten noch ein wesentliches Hemmnis. Ridinger sieht ohnehin das Problem, dass die Engpässe bei preisgünstigen Wohnungen weiter zunehmen werden. Mit Sorge betrachtet er dabei die sich weiter öffnende Einkommensschere in der Bevölkerung sowie die Zunahme der Transferbezieher, die aktuell bereits rund 10 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Umso fataler sei es, wenn durch die Politik die Kosten, wie bei den energetischen Vorgaben, in die Höhe getrieben würden. Ohnehin seien die Baukosten derzeit durch einen kräftigen Preisauftrieb geprägt.








