(openPR) Der Internationale Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen hat ein weiteres Großprojekt zur Digitalisierung seines Dokumentenbestandes gestartet. An 15 speziell für den ITS entwickelten Stationen werden bis Ende 2009 Dokumente zu Displaced Persons gescannt. Sie geben Aufschluss über das Schicksal von Menschen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges aus Konzentrationslagern, Zwangsarbeit und teilweise aus Kriegsgefangenschaft befreit wurden. „Die Unterlagen sind von großem Interesse für die betroffenen Familien ebenso wie für Forscher, da sie die Migrationsbewegungen und die Einwanderungspolitik nach dem Krieg erkennen lassen“, sagte Alexander Lommel, Abteilungsleiter Digitalisierung beim ITS.
Im Wesentlichen sind die Dokumente im Zeitraum von 1947 bis 1952 entstanden. Es handelt sich um insgesamt 350.000 Umschläge mit Unterlagen aus DP-Lagern in Deutschland, Österreich, Italien und England (ca. 15 Millionen Abbildungen) sowie um Schiffs- und Emigrationslisten (ca. 0,7 Millionen Abbildungen). In den Umschlägen befinden sich die so genannten CM1-Fragebögen (Care and Maintenance/Fürsorge und Unterhalt), in denen rund 800.000 Displaced Persons ihre Erlebnisse während des Krieges wiedergeben und ihren Wunsch nach Auswanderung begründen. Daneben erzählen Fotos, Krankenunterlagen, Heirats- und Geburtsurkunden, Briefe und teilweise auch Arbeitsproben aus dem Leben in den DP-Lagern der Nachkriegszeit.
Nach den Beständen zur Inhaftierung in Konzentrationslagern und Gefängnissen (ca. 18 Millionen Abbildungen), der Zentralen Namenkartei des ITS (ca. 42 Millionen Abbildungen), den Karteikarten zu Displaced Persons (ca. sieben Millionen Abbildungen) sowie den Dokumenten zur Zwangsarbeit (vorr. acht Millionen Abbildungen, Fertigstellung Ende August 2008), läuft damit die Digitalisierung eines weiteren großen Teilbestandes aus den Archiven des Internationalen Suchdienstes auf Hochtouren.
Wegen der teilweise übergroßen Formate der Unterlagen aus den Lagern für Displaced Persons musste der ITS spezielle Scan-Stationen entwickeln. Vom Passfoto bis zum Fragebogen im amerikanischen Tabloid-Format (ähnlich DinA3) reicht die Bandbreite. Zudem handelt es sich um empfindliche Originaldokumente, so dass Standardgeräte zu einem vertretbaren Preis nicht verfügbar waren. „Mit der für unsere Zwecke angepassten Lösung können wir die Digitalisierung dieser besonderen Dokumente jetzt optimal sicherstellen“, so Lommel. An der Finanzierung der Geräte hat sich das US Holocaust Memorial Museum in Washington beteiligt.
An insgesamt 15 Scan-Stationen werden die Dokumente fotografiert. Die Kameras können Aufnahmen von bis zu 12,1 MB anfertigen. Zwei spezielle Hochfrequenzlampen sorgen für eine konstante Beleuchtung der einzelnen Stationen. Eine Ansaugvorrichtung glättet das Papier. Jede einzelne Station ist mit einem Drei-Personen-Team für die Vorbereitung, den Scan-Vorgang und die Nachbereitung besetzt. Dank eines für den ITS eingerichteten Programms können die Mitarbeiter am PC jederzeit in einer Live-Vorschau die Aufnahmen verfolgen. Zugleich sorgt das Programm für die automatische Nummerierung und Nachbearbeitung der Aufnahmen. Nach der Qualitätsprüfung erfolgt abschließend eine Indizierung nach Namen und Geburtsdaten. „Sie können sich das Ganze wie eine Pipeline vorstellen“, erläuterte Lommel. „Aus Hunderten Metern Akten werden rund 15 Millionen recherchierbare Datensätze.“
Etwa 70 Prozent der beim ITS lagernden Dokumente konnten bisher gescannt werden. 50 Millionen Hinweise zu 17,5 Millionen Opfern des Nazi-Regimes und rund 26 Kilometer an Unterlagen befinden sich beim Suchdienst. Voraussichtlich 2011 soll die Digitalisierung des gesamten Archivs abgeschlossen sein. „Ein Projekt in dieser Größenordnung ist einmalig“, sagte Michael Hoffmann, Abteilungsleiter IT beim Suchdienst. „3,5 Terabyte an Daten haben wir bereits digitalisiert, und ein Ende ist noch nicht in Sicht.“
Auf Beschluss des Internationalen Ausschusses, dessen elf Mitgliedsstaaten dem ITS vorstehen, kann jedes Mitglied digitale Kopien der in Bad Arolsen lagernden Unterlagen erhalten. Bisher überreichte der ITS rund 67 Millionen Abbildungen von Dokumenten an die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, das US Holocaust Memorial Museum in Washington und das Nationale Institut des Gedenkens in Warschau.












