openPR Recherche & Suche
Presseinformation

Ein Computer ohne Schaltkreise, gebaut aus Flüssigkeit und Teilchen

(openPR) Ein sehr ungewöhnliches Konzept der Datenverarbeitung wurde von Forschern der Universitäten Konstanz und Stuttgart experimentell umgesetzt: ein Computer, der aus mehreren hundert mikroskopisch kleinen Teilchen besteht, die sich in einer Flüssigkeit annährend auf Kreisbahnen bewegen. Anstatt Informationen in präzise konstruierten elektronischen Schaltkreisen zu verarbeiten, nutzt ihr System die komplexe Dynamik der Wechselwirkungen eines Kollektivs von Teilchen.

Klassische Computer beruhen auf einer großen Anzahl an einfachen Bauelementen, die in präzise vorgegebener Weise schalten. Auch moderne künstliche neuronale Netze bestehen letztlich aus vielen solcher einfachen Einheiten, deren Verschaltung gezielt entworfen und optimiert werden muss. Mit wachsender Komplexität der Aufgaben steigen dabei sowohl der technische Aufwand als auch der Energieverbrauch.

Das Forschungsteam der Universität Konstanz um Clemens Bechinger geht einen anderen Weg: Anstatt die Daten in digitalen Schaltkreisen zu verarbeiten, werden sie als Eingabesignal auf ein System aus mehreren hundert oszillierenden Mikroteilchen übertragen. Da sich diese in einer Flüssigkeit bewegen, führt dies zu einer starken Kopplung ihrer Auslenkungen, wodurch ein verschlungenes Netzwerk gegenseitiger Wechselwirkungen entsteht. Das System reagiert auf die Eingabe daher mit einer komplexen, kollektiven Dynamik, die den zentralen Teil der Informationsverarbeitung ausmacht.

Gerade diese Dynamik erzeugt auf natürliche Weise und in Echtzeit komplexe Repräsentationen der Eingangsdaten, für die herkömmliche Computer erheblichen Rechenaufwand benötigen würden. „Die eigentliche Auswertung wird dadurch erstaunlich einfach: Man misst gezielt bestimmte, relativ simple Eigenschaften der Teilchenbewegung und kombiniert sie, um die gewünschte Ausgabe zu erhalten“, erklärt Erstautor Veit-Lorenz Heuthe. Dieses Prinzip wird als Reservoir Computing bezeichnet – und wurde hier erstmals in einem mikroskopischen Vielteilchensystem realisiert.

„Anders als bei klassischen Rechnern muss man die zugrunde liegende Dynamik weder im Detail verstehen, noch vollständig kontrollieren“, sagt Clemens Bechinger, Professor für Soft Condensed Matter an der Universität Konstanz und Mitglied des Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour. „Entscheidend ist nur, dass das System zuverlässig auf Eingaben reagiert – dann lässt sich seine Physik direkt zur Informationsverarbeitung nutzen.“
Mit ihrem Ansatz konnten die Forscher unter anderem chaotische Zeitreihen präzise vorhersagen. Besonders bemerkenswert ist zudem, dass sich durch das Verfahren kleinste Unregelmäßigkeiten im Muster unregelmäßiger Eingangsdaten erkennen lassen. Gerade bei stark verrauschten Messdaten – etwa aus der Seismologie oder Klimaforschung – können solche feinen Veränderungen wichtige Frühwarnsignale sein.

Noch handelt es sich um ein reines Laborsystem, doch die Ergebnisse zeigen, dass sich eine Informationsverarbeitung direkt aus der Physik komplexer Systeme gewinnen lässt. Langfristig eröffnet dies Perspektiven für energieeffiziente Rechentechnologien und intelligente Sensorsysteme, die Daten dort verarbeiten, wo sie entstehen.

Originalpublikation:
Veit-Lorenz Heuthe, Lukas Seemann, Samuel Tovey und Clemens Bechinger
Reservoir computing from collective dynamics of active colloidal oscillators. Commun. AI Comput. 1, 6 (2026).
DOI: https://doi.org/10.1038/s44488-026-00001-3

Hinweis an die Redaktionen:

Ein Bild steht zum Download zur Verfügung:
https://www.uni-konstanz.de/fileadmin/pi/fileserver/2026/computer_ohne_schaltkreise.jpg

Bildunterschrift: Ein Reservoir-Computer aus oszillierenden kolloidalen Teilchen (weiß/grau), die über Strömungen in einer Flüssigkeit miteinander gekoppelt sind. Eine äußere Anregung (rot) erzeugt eine kollektive Dynamik der Teilchen, aus der ein hochdimensionales Ausgangssignal (blau) entsteht. Abweichungen im zeitlichen Verlauf des Eingangssignals spiegeln sich darin wider und ermöglichen eine empfindliche Detektion von Anomalien.
Copyright © Veit-Lorenz Heuthe, Universität Konstanz.

Diese Pressemeldung wurde auf openPR veröffentlicht.

Verantwortlich für diese Pressemeldung:

News-ID: 1319015
 179

Kostenlose Online PR für alle

Jetzt Ihren Pressetext mit einem Klick auf openPR veröffentlichen

Jetzt gratis starten

Pressebericht „Ein Computer ohne Schaltkreise, gebaut aus Flüssigkeit und Teilchen“ bearbeiten oder mit dem "Super-PR-Sparpaket" stark hervorheben, zielgerichtet an Journalisten & Top50 Online-Portale verbreiten:

PM löschen PM ändern
Disclaimer: Für den obigen Pressetext inkl. etwaiger Bilder/ Videos ist ausschließlich der im Text angegebene Kontakt verantwortlich. Der Webseitenanbieter distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten Dritter und macht sich diese nicht zu eigen. Wenn Sie die obigen Informationen redaktionell nutzen möchten, so wenden Sie sich bitte an den obigen Pressekontakt. Bei einer Veröffentlichung bitten wir um ein Belegexemplar oder Quellenennung der URL.

Pressemitteilungen KOSTENLOS veröffentlichen und verbreiten mit openPR

Stellen Sie Ihre Medienmitteilung jetzt hier ein!

Jetzt gratis starten

Weitere Mitteilungen von idw - Informationsdienst Wissenschaft

Auszeichnung von Qualitätsjournalismus - Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus vergeben 
Auszeichnung von Qualitätsjournalismus - Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus vergeben 
Anlässlich des 150-jährigen Bestehens der Zeitschrift Scientific American, einer der ältesten Wissenschaftszeitschriften der Welt, wurde der Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus von der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck 1995 ins Leben gerufen. Die Verleihung des Preises erfolgt jährlich und ehrt herausragende wissenschaftsjournalistische Leistungen. Gewürdigt werden Arbeiten in den vier Kategorien Text, elektronische Medien, Short Form und Nachwuchs. Die Preise in den Kategorien Text, elektronische Medien und Short Form sind mit …
RAISE Hub: Ein Zugang zu Europas KI-Forschungsgemeinschaft
RAISE Hub: Ein Zugang zu Europas KI-Forschungsgemeinschaft
Derzeit in seiner Pilotphase wird RAISE vom SCIANCE-Projekt koordiniert. Durch einen gemeinschaftsgetriebenen Ansatz bringt SCIANCE Wissenschaftlerinnen, KI-Forscherinnen, Infrastrukturen und politische Entscheidungsträgerinnen zusammen, um strategische wissenschaftliche Herausforderungen zu identifizieren, bei denen KI die größte Wirkung haben kann, und die Einführung vertrauenswürdiger und nachhaltiger KI-Methoden für wissenschaftliche Forschung in ganz Europa zu beschleunigen. Über den Hub können Nutzerinnen auf das RAISE Forum zugreifen, …

Das könnte Sie auch interessieren:

Fest oder flüssig auf Befehl
Fest oder flüssig auf Befehl
Smarte Flüssigkeiten haben eine besondere Eigenschaft: Sie werden beim Anlegen von elektrischer Spannung oder Magnetfeldern innerhalb von Sekundenbruchteilen fest. Das macht sie für zahlreiche Anwendungen interessant, wie etwa verschleißarme Bremsen, leistungsfähige hydraulische Anlagen oder haptische Displays. Auf dem Ausstellungsschiff MS Chemie, das …
Licht in Bewegung: Marburger Physiker entschlüsseln Transport in atomar dünnen Materialien
Licht in Bewegung: Marburger Physiker entschlüsseln Transport in atomar dünnen Materialien
… Ergebnisse liefern ein fundamentales Verständnis für den Lichttransport in atomar dünnen Materialien und könnten künftig helfen, energieeffiziente optoelektronische Bauelemente wie photonische Schaltkreise oder neuartige Sensoren zu entwickeln. Das theoretische Modell der Marburger Forschenden schafft damit die Grundlage, um in Zukunft Lichtsignale auf …
Bild: Warum Flüssigkeiten aus nicht-symmetrischen aktiven Teilchen so besonders sind
Warum Flüssigkeiten aus nicht-symmetrischen aktiven Teilchen so besonders sind
… ist als bisher angenommen. Was genau haben die Wissenschaftler getan, um zu dieser Erkenntnis zu kommen? „Wir haben in unseren Simulationen Objekte in eine aktive Flüssigkeit gegeben, in welcher die einzelnen Teilchen der Flüssigkeit einer bestimmten chiralen Bewegung folgen. Diese hinzugefügten Objekte haben je nach Form anders auf die Chiralität reagiert“, …
Bild: Auf die Größe kommt es an – bei Gläsern
Auf die Größe kommt es an – bei Gläsern
… dazu so genannte kolloidale Gläser untersucht. Ein Kolloid ist eine Mischung fester Körperchen – in diesem Fall kleiner Plastikkügelchen im Mikrometerbereich – in einer Flüssigkeit. Mit zunehmender Konzentration nimmt die Beweglichkeit der Kügelchen immer weiter ab, bis sie sich schließlich verfestigen. Wenn die Kügelchen alle identisch groß sind, bilden …
Bild: Quantentunneln in der MakroweltBild: Quantentunneln in der Makrowelt
Quantentunneln in der Makrowelt
… niemals überwinden könnten. Außerdem wiesen die drei Preisträger Energiezustände auf makroskopischer Skala nach, die eine Grundlage für Quanteninformationstechnologien bilden. Supraleitende Schaltkreise haben sich mittlerweile zu einer der wichtigsten Plattformen für die Entwicklung von Quantencomputern entwickelt. Damit erweitern sie das ohnehin breite …
Bild: Gerüche und Schimmel einfach wegnebeln: Neue Technik Fogging wirkt bei flächigen und versteckten SchädenBild: Gerüche und Schimmel einfach wegnebeln: Neue Technik Fogging wirkt bei flächigen und versteckten Schäden
Gerüche und Schimmel einfach wegnebeln: Neue Technik Fogging wirkt bei flächigen und versteckten Schäden
… zum Beispiel, um nach Wasserschäden Schimmel und Geruch aus den eigenen vier Wänden zu vertreiben. Mit seinen feinst verteilten Flüssigkeitsteilchen haben Spezialfirmen Nebel als ein höchst effektives Werkzeug entdeckt, um geruchsneutralisierende und keimmindernde Substanzen auszubringen. Wenn man Anti-Schimmel-Mittel und geruchsneutralisierende Substanzen …
Flüssigkeiten, die Kräfte absorbieren
Flüssigkeiten, die Kräfte absorbieren
… Auswirkung extrem starker Kräfte – wie die von Geschossen oder Mikrometeoriten – auf diese Stoffe untersucht. --- Auf den ersten Blick ähneln Kolloide homogenen Flüssigkeiten wie beispielsweise Milch oder Blutplasma. Tatsächlich sind sie jedoch Suspensionen aus festen Partikeln. Einige Kolloide haben erstaunliche Eigenschaften: Sie werden unter Krafteinwirkung …
Bild: TU Wien entdeckt neue Sorte von „Zeitkristallen“
TU Wien entdeckt neue Sorte von „Zeitkristallen“
… schädlich gehalten hatte, können Zeitkristalle sogar stabilisieren. Es ist ein überraschender neuer Einblick in die Quantenphysik von Vielteilchen-Systemen.Raumkristalle und ZeitkristalleWenn eine Flüssigkeit einfriert, ändern die Teilchen ihre Ordnung: In der Flüssigkeit bewegen sie sich wild und ungeordnet durcheinander, es gibt keine Struktur. Wenn …
Bayreuther Physiker geben neue Einblicke in Teilchenbewegung
Bayreuther Physiker geben neue Einblicke in Teilchenbewegung
---What for? Bewegen sich Teilchen wie Luftbläschen, Bakterien oder Mikroplastik in Flüssigkeit, wirkt auf sie eine viskose Reibungskraft. Bei ständiger Bewegung der Teilchen und Flüssigkeit, beispielsweise in einer geschüttelten Flüssigkeit, ist die viskose Reibungskraft größer als bei Teilchen, welche sich mit konstanter Geschwindigkeit relativ zur …
Bild: Die Wegstrecke des Lichts im Milchglas
Die Wegstrecke des Lichts im Milchglas
… Licht legt darin immer dieselbe Wegstrecke zurück. --- Was passiert, wenn Licht in ein Glas Milch fällt? Es dringt ein Stück ein, wird dann an den winzigen Partikeln in der Flüssigkeit mehrfach gestreut und verlässt das Glas dann wieder; die Streuung des Lichts ist für die weiße Farbe der Milch verantwortlich. Die Bahnen auf denen Lichtstrahlen die Milch …
Sie lesen gerade: Ein Computer ohne Schaltkreise, gebaut aus Flüssigkeit und Teilchen