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Bildungsnotstand als Standortrisiko

(openPR) Warum nachlassende Ausbildungsvoraussetzungen von Schulabgängern Deutschlands Wachstum gefährden

Der scheidende Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, hat die Berufsbildungspolitik aufgefordert, stärker auf die Herausforderun¬gen in der beruflichen Bildung zu reagieren und Defizite in der schulischen Ausbildung enger in den Blick zu nehmen. „Technologischer Fortschritt und Künstliche Intelligenz verändern die Arbeitswelt rasant und erhöhen die Anforderungen an berufliche Bildung. Zugleich erreicht ein wachsender Teil der jungen Menschen die Schwelle Schule-Beruf mit nicht hinreichend gesicherten Basiskompetenzen und belasteten Lernvoraussetzungen – mit gravierenden Auswirkungen für die Betriebe. Hierauf muss die Berufsbildungspolitik stärker reagieren als bisher – ohne das Berufsprinzip oder die Qualität beruflicher Abschlüsse zu relativieren“, erklärte Esser am gestrigen Abend auf einer Tagung im BIBB. Unter den rund 150 geladenen Gästen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Berufsbildungspraxis war auch die Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Karin Prien. Esser scheidet nach mehr als 15 Jahren als BIBB-Präsident am 30. Juni 2026 aus seinem Amt aus.

Unser berufliches Bildungssystem, so Esser, müsse künftig nicht nur flexibler, inklusiver und exzellenter werden, sondern auch kompensationsfähiger. Es müsse deshalb Lern¬probleme und Kompetenzdefizite in einem noch höheren Umfang als bisher auffangen können, ohne seine Standards preiszugeben. „Denn wenn uns dies nicht gelingt, werden wir es neben Innovations- und Investitionsdefiziten sowie Fachkräftelücken mit einem weiteren Wachstumshemmnis zu tun bekommen – und zwar mit der mangelnden Bildung bei einem wachsenden Teil der Schulabgängerinnen und Schulabgänger.“

Zuvor hatte Prof. Dr. Klaus Zierer von der Universität Augsburg in seinem Vortrag „Bildungsnotstand als Standortrisiko“ betont, dass Deutschland in einer tiefen Krise stecke. „Nicht nur die Wirtschaft schwächelt, sondern auch der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt.“ Ausgerechnet in dieser Phase komme ein weiterer zentraler Pfeiler für das Gemeinwohl ins Wanken: die Bildung. „Denn die Tendenz geht seit Jahren nur in eine Rich-tung: nach unten! Mittlerweile ist dieser Bildungsnotstand ein Standortrisiko geworden.“

Als wichtigste Gründe für den Bildungsnotstand nannte Zierer die Digitalisierung, die enorme Ressourcen binde, die durchaus notwendige, aber auch herausfordernde Migration und den „Gleichheitswahn“, der dem Bildungssystem zusetze: „Wer jegliche Herausforderungen aus dem System nimmt, muss sich am Ende nicht wundern, wenn keiner mehr etwas kann.“

Drei Wege führen nach Auffassung des Erziehungswissenschaftlers aus der Krise heraus. „Erstens: weniger Akademisierung und mehr berufliche Bildung.“ Der Akademisierungs¬wahn schade der dualen Berufsausbildung, weil er den Fachkräftemangel verschärfe, und dem Studium, weil entsprechende Abschlüsse inflationär würden und dadurch das akademische Niveau sinke. „Zweitens: weniger Konstellationen und dafür mehr Situationen.“ Seit Jahren, so der Ordinarius für Schulpädagogik, werde versucht, mittels kleinschrittiger Vorgaben und einem Allmachtsglauben an empirische Forschungen Bildung ordnungspolitisch zu steuern und in Konstellationen zu transformieren. Aber Bildung lebe von Handlungsspielräumen, die sich nicht steuern ließen, sondern sich in konkreten Situationen ergäben. Schulen müssten vitale Lern- und Lebensräume sein. „Und drittens: weniger Ideologie und dafür mehr Demokratie als Lebensform.“ Die Bildungspolitik habe sich auf bestimmte Kernfächer konzentriert, aber so wichtig diese auch seien, der Kern von Bildung sei dabei aus dem Blick geraten: Werte, Haltungen und Tugenden. „Gerade für eine Demokratie ist dieses Verständnis aber wesentlich, denn sie lebt weniger vom Kompetenzniveau in bestimmten Fächern als vielmehr von der Demokratiefähigkeit der Menschen.“

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