openPR Recherche & Suche
Presseinformation

Neurowissenschaft: Konvergente Evolution von Mechanismen der räumlichen Navigation

23.06.2026 • 13:41 Uhr • Wissenschaft, Forschung, Bildung

(openPR) Selbst in der Dunkelheit bleibt der räumliche Orientierungssinn vieler Tiere intakt. Die Basis dafür bilden Nervenzellen, die bei einer bestimmten Kopfrichtung aktiv sind. Tiere aktualisieren diesen internen Kompass, indem sie die Drehgeschwindigkeit ihres Kopfes zeitlich integrieren. Die Bewegungsinformation stammt dabei aus dem Gleichgewichtssystem, dem optischen Fluss und motorischen Signalen. Andere sensorische Reize, wie Landmarken, werden genutzt, um Fehler zu korrigieren, die durch die fortlaufende Integration unweigerlich entstehen.

Kopfrichtungszellen wurden bereits bei vielen Arten nachgewiesen, darunter Fliegen, Nagetieren, Fledermäusen und Fischen. Ob der interne Kompass jedoch auf einem universellen Mechanismus beruht, ist eine bislang offene Frage. Um diese zu klären, haben sich theoretische Neurowissenschaftler um Andreas Herz, Professor für Biologie an der LMU und Forscher am Bernstein Center for Computational Neuroscience München mit Experimentatoren aus dem Labor von Ruben Portugues (ehemals TUM, jetzt Cornell University) zusammengetan. Ihre Ergebnisse sind nun im Wissenschaftsjournal Current Biology erschienen.

In der Fachliteratur werden zwei alternative Kompass-Mechanismen diskutiert. Beide postulieren mindestens einen funktionellen Ring aus Kopfrichtungszellen, auf dem sich ein lokalisierter Gipfel neuronaler Aktivität bildet. Nach der ersten Theorie wird dieser Aktivitätsgipfel bei einer Drehung des Tieres durch drei Zellringe bewegt. Dabei codiert ein Ring die aktuelle Kopfrichtung, während zwei weitere „Shifter“-Ringe zusätzlich Drehungen des Kopfes im beziehungsweise gegen den Uhrzeigersinn repräsentieren.

Bei der Fruchtfliege bilden unterschiedliche anatomische Strukturen diese drei Ringe. Bei Wirbeltieren wurden jedoch bisher keine klaren anatomischen Abgrenzungen gefunden. Dies lässt die Möglichkeit eines zweiten, alternativen Mechanismus offen, bei dem die Drehgeschwindigkeit des Kopfes die synaptische Konnektivität innerhalb eines einzigen Rings moduliert und so den Aktivitätsgipfel ohne Shifter-Ringe verschiebt.

Drei Kompass-Ringe in einem

Ruben Portugues und seine Gruppe entdeckten ursprünglich einen Ein-Ring-Kompass bei Zebrafischen. Doch wie Siyuan Mei, der Erstautor der neuen Studie, erklärt: „Die Wahrheit ist komplexer: Der Zebrafisch besitzt zwar einen einzigen anatomischen Kompassring, aber verborgen auf diesem liegen drei miteinander verflochtene Ringe, die sich funktional genau wie der Drei-Ring-Schaltkreis der Fliege verhalten.“ Wie eine mathematische Analyse der Herz-Gruppe zeigte, kann der Aktivitätsgipfel in allen drei funktionellen Ringen perfekt überlappen. Die Ringe lassen sich daher ausschließlich durch die charakteristische Reaktion der Shifter-Neurone auf Kopfrichtung und Drehgeschwindigkeit voneinander unterscheiden.

Die von den Forschenden entwickelte Methode zur Identifizierung von Kompassringen zeichnet sich durch ihre bemerkenswerte Einfachheit aus. Sie verspricht einen besonders hohen Erkenntnisgewinn bei Wirbeltierarten, bei denen die Identifizierung der anatomischen Konnektivität derzeit noch nicht möglich ist. Die Methode liefert auch Indizien dafür, dass das Kopfrichtungssystem von Nagetieren ein Multiring-Shifter-System darstellt. Dies deutet darauf hin, dass ein zentrales Verarbeitungsprinzip für die räumliche Navigation vom Fisch bis zum Säugetier konserviert ist. Da sich Zebrafische und Fruchtfliegen bereits vor über 550 Millionen Jahren auseinanderentwickelten, weist die funktionelle Ähnlichkeit ihrer Kompasssysteme auf eine konvergente Evolution hin.

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Andreas Herz
Fakultät für Biologie
Ludwig-Maximilians-Universität München
Tel.: +49 (0)89 / 2180-74801
E-Mail:

Originalpublikation:
S. Mei, H. Lavian, Y.K. Wu, M. Stemmler, R. Portugues und A.V.M. Herz: A multi-ring shifter network computes head direction in zebrafish Current Biology 2026
https://doi.org/10.1016/j.cub.2026.05.054

Diese Pressemeldung wurde auf openPR veröffentlicht.

Verantwortlich für diese Pressemeldung:

News-ID: 1315751
 173

Kostenlose Online PR für alle

Jetzt Ihren Pressetext mit einem Klick auf openPR veröffentlichen

Jetzt gratis starten

Pressebericht „Neurowissenschaft: Konvergente Evolution von Mechanismen der räumlichen Navigation“ bearbeiten oder mit dem "Super-PR-Sparpaket" stark hervorheben, zielgerichtet an Journalisten & Top50 Online-Portale verbreiten:

PM löschen PM ändern
Disclaimer: Für den obigen Pressetext inkl. etwaiger Bilder/ Videos ist ausschließlich der im Text angegebene Kontakt verantwortlich. Der Webseitenanbieter distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten Dritter und macht sich diese nicht zu eigen. Wenn Sie die obigen Informationen redaktionell nutzen möchten, so wenden Sie sich bitte an den obigen Pressekontakt. Bei einer Veröffentlichung bitten wir um ein Belegexemplar oder Quellenennung der URL.

Pressemitteilungen KOSTENLOS veröffentlichen und verbreiten mit openPR

Stellen Sie Ihre Medienmitteilung jetzt hier ein!

Jetzt gratis starten

Weitere Mitteilungen von idw - Informationsdienst Wissenschaft

Saturnmond Enceladus: Gute Nachrichten für die Suche nach Leben im All
Saturnmond Enceladus: Gute Nachrichten für die Suche nach Leben im All
Wie groß sind die Chancen, außerirdisches Leben in unserem Sonnensystem zu finden? Eine gerade in Science Advances erschienene Studie unter Leitung des Planetologen der Freien Universität Berlin, Prof. Dr. Frank Postberg, zeigt, dass sich die Bestandteile des unter einer Eiskruste verborgenen Ozean des Saturnmondes Enceladus leichter nachweisen lassen, als bislang gedacht. Zeitgleich veröffentlicht das renommierte Fachmagazin eine weitere Studie mit Beteiligung von Frank Postberg und dem FU-Weltraumforscher Dr. Nozair Khawaja, die nahe legt, …
Bild: Wie Hochrisiko-KI reguliert werden kann
Wie Hochrisiko-KI reguliert werden kann
„Es gibt keinen Hochrisikotechnologie-Bereich, der so wenig völkerrechtlich geregelt ist wie der Bereich der KI“, sagt Silja Vöneky. Die Jura-Professorin forscht an der Universität Freiburg zur Regulierung neuer Technologien. Zum einen könnten sich KI-Agenten möglicherweise verselbstständigen, zum anderen bestehe das Risiko, dass verbrecherische Menschen, Gruppen oder Staaten KI-Modelle nutzen, um beispielsweise Cyberangriffe durchzuführen oder Bio-Waffen zu entwickeln. „Es ist aber Aufgabe von Regierungen und Staaten, hohe Risiken einzuhegen…

Das könnte Sie auch interessieren:

Bild: „Your Brain in Business“: Instinem® Seminar „Die empathische Führungskraft“ zeigt Ihr ganzes Potenzial aufBild: „Your Brain in Business“: Instinem® Seminar „Die empathische Führungskraft“ zeigt Ihr ganzes Potenzial auf
„Your Brain in Business“: Instinem® Seminar „Die empathische Führungskraft“ zeigt Ihr ganzes Potenzial auf
… bleibt, wie die Erkenntnisse in konkretes Handeln übersetzt werden können. Peter Pächnatz, Diplom-Psychologe und Organisationsexperte, verbindet Personalpraxis sowie Führungserfahrungen mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen. Er vermittelt den Seminarteilnehmern, zu welchen Ergebnissen NeuroLeadership führen kann und wie sie in ihrem Umfeld und ihrer …
Wie die Evolution die Gesichtsformen bei Vögeln und Säugetieren formt
Wie die Evolution die Gesichtsformen bei Vögeln und Säugetieren formt
… und Säugetiere nutzen dieselben konservierten Entwicklungsprogramme um ihr Gesicht zu formen. Wie also ge-neriert die Evolution so deutliche Unterschiede, ohne die zugrunde liegenden Mechanismen neu zu erfinden?Eine neue Studie unter der Leitung von Dr. Markéta Kaucká am Max-Planck-Institut für Evo-lutionsbiologie, in Zusammenarbeit mit Dr. Axel Visel …
Bild: Was unterscheidet mich vom Psychopathen nebenan? Moral und Schuld – Neues Thema auf dasGehirn.info
Was unterscheidet mich vom Psychopathen nebenan? Moral und Schuld – Neues Thema auf dasGehirn.info
… „Turm der Sinne“, zeigen deutlich, wie wichtig es ist, sich intensiv mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Denn schon heute gelangen erste vorläufige Erkenntnisse der Neurowissenschaft in den Alltag: Rechtsanwälte interpretieren Hirnscans von Delinquenten vor Gericht, Firmen bieten Lügen-Tests im Hirnscanner an. Welche Folgen das hat und was Experten …
Bild: Evolution ohne Sex: Wie Milben seit Millionen Jahren überlebenBild: Evolution ohne Sex: Wie Milben seit Millionen Jahren überleben
Evolution ohne Sex: Wie Milben seit Millionen Jahren überleben
… Sex bei Hornmilben in der unabhängigen Entwicklung ihrer beiden Chromosomenkopien liegt – ein Phänomen, das als „Meselson-Effekt“ bekannt ist. Das Forschungsteam hat verschiedene Mechanismen entdeckt, die zu einer genetischen Vielfalt auf den Chromosomensätzen beitragen und so die Evolution der Milbe sicherstellen.Wie der Mensch hat die Hornmilbe einen …
Bild: Coaching statt Anordnung: Neue Studie zeigt, warum die Führungskultur über Veränderungsprozesse entscheidet
Coaching statt Anordnung: Neue Studie zeigt, warum die Führungskultur über Veränderungsprozesse entscheidet
… zu dürfen.Der Befund passt zu einer Beobachtung, die Uli Funke seit Jahren in seinen Keynotes thematisiert. Funke ist Gründer der Akademie für angewandte Neurowissenschaft A|F|A|N und gefragter Speaker zu Veränderungs- und Führungsthemen, unter anderem für Unternehmen wie Allianz, SWR, Telekom MMS und Württembergische Versicherung. Sein Vortrag Leadership …
Biomineralisation: Wie Schwämme ihre Kalknadeln bilden
Biomineralisation: Wie Schwämme ihre Kalknadeln bilden
… Schwämme und Korallen unabhängig voneinander vergleichbare genetische Werkzeuge zur Biomineralisation entwickelt haben – ein anschauliches Beispiel für konvergente Evolution“, erklärt Voigt. wissenschaftliche Ansprechpartner:Prof. Dr. Gert WörheidePaläontologie & GeobiologieTel: +49 (0) 89 2180 6646 / 6602https://www.palaeontologie.geowissenschaften.uni-muenchen.de/personen/lehrstuhlinhaber/woerheide/index.htmlOriginalpublikation:O. …
Bild: Onur Güntürkün erhält die Karl-Ritter-von-Frisch-Medaille 2026 der Deutschen Zoologischen Gesellschaft
Onur Güntürkün erhält die Karl-Ritter-von-Frisch-Medaille 2026 der Deutschen Zoologischen Gesellschaft
… ihm die DZG 2026 ihren Wissenschaftspreis, die Karl-Ritter-von-Frisch-Medaille. Güntürküns Forschung verbindet Zoologie und Evolutionsbiologie mit Verhaltensforschung, Neuroanatomie, Psychologie und kognitiver Neurowissenschaft.Ein frühes Interesse am Verhalten von TierenOnur Güntürkün wurde 1958 in Izmir in der Türkei geboren. Sein Interesse an Tieren …
"Göttliches Spiel" – ein literarischer Brückenschlag zwischen Naturwissenschaft & Religion
"Göttliches Spiel" – ein literarischer Brückenschlag zwischen Naturwissenschaft & Religion
… Brücke zwischen naturwissenschaftlichem und religiösem Denken. Der Wiener Universitätsprofessor für Medizinische Computerwissenschaften verweist darauf, dass viele Krankheiten durch genau dieselben Mechanismen im Genom entstehen, die auch den Menschen erzeugt haben. „Sind Millionen Tote eine unvermeidliche Nebenwirkung der von Gott geschaffenen Evolution?“ …
15. Meeting der Österreichischen Gesellschaft für Neurowissenschaften am IST Austria
15. Meeting der Österreichischen Gesellschaft für Neurowissenschaften am IST Austria
… gewählt | 193 Teilnehmer versammelten sich am IST Austria --- Der diesjährige Gastgeber des alle zwei Jahre stattfindenden Meetings der Österreichischen Gesellschaft für Neurowissenschaften (Austrian Neuroscience Association, ANA) war das Institute of Science and Technology Austria (IST Austria), ein junges Forschungsinstitut in Klosterneuburg bei Wien, …
Bild: Evolution: Wie die Waffentechnik die Entwicklung der Menschheit vorantriebBild: Evolution: Wie die Waffentechnik die Entwicklung der Menschheit vorantrieb
Evolution: Wie die Waffentechnik die Entwicklung der Menschheit vorantrieb
… und versachlichen und gleichzeitig das Beutespektrum erweitern. - Mit der Waffe werden Handlungsgrenzen überwunden. Dadurch kann sie körperliche Unterschiede ausgleichen, wodurch sich die Mechanismen der Hierarchiebildung grundlegend verändern - mit immensen Folgen für die Entwicklung und Form sozialer Rollen- und Selbstbilder. - Das Wissen um die stetige …
Sie lesen gerade: Neurowissenschaft: Konvergente Evolution von Mechanismen der räumlichen Navigation