(openPR) „Diese Entdeckung der lichtinduzierten Quantenreibung verändert unser Verständnis von Grenzflächenprozessen grundlegend“, so Kruss.
Experiment: Licht als unsichtbare Bremse
Die in den Experimenten eingesetzten Nanoröhren bestehen aus einem wabenförmigen Kohlenstoff-Geflecht und sind 100.000-mal dünner als ein menschliches Haar. Scheint sichtbares Licht auf sie, fluoreszieren sie.
Das Team beobachtete die Bewegung der Nanoröhren unter dem Mikroskop. Sobald die Röhren durch Licht angeregt wurden, verhielten sie sich so, als sei das umgebende Wasser plötzlich zäher geworden. „Unsere Experimente zeigen, dass die Diffusion abnimmt, wenn wir die Lichtintensität erhöhen“, erklärt Kruss, Professor für Physikalische Chemie. „Das Faszinierende ist, dass dieser Effekt sofort verschwindet, wenn wir Nanoröhren verwenden, bei denen die elektronischen Anregungen, welche zur Fluoreszenz führen – die sogenannten Exzitonen – an Defekten verlangsamt werden. Es ist also die Beweglichkeit der Exzitone entlang der Nanoröhre, die in direktem Austausch mit der Umgebung steht und diese Bremswirkung erzeugt.“
Theorie: Den Impulsübertrag verstehen
Um zu verstehen, wie ein Exziton im Inneren einer Nanoröhre die Bewegung des gesamten Objekts im Wasser verlangsamen kann, waren numerische Berechnungen notwendig. Hierzu nutzte das Team atomistische Simulationen, um die Prozesse an der Grenzfläche sichtbar zu machen. „Dadurch konnten wir zeigen, dass die fluktuierenden Dipolmomente der Exzitonen in den Nanoröhren direkt an die kollektiven Bewegungen der Wassermoleküle koppeln“, erklärt Marialore Sulpizi, Professorin für Theoretische Physik. „Es findet ein winziger, aber messbarer Impulsübertrag statt. Das Wasser ist für die beleuchtete Nanoröhre kein glattes Medium, sondern es entsteht ein Widerstand an der Oberfläche, der die Bewegung bremst.“
Spektroskopie: Wasser als aktiver Partner
Dass Wasser weit mehr ist als nur ein passives Lösungsmittel, ist ein Kernthema des Bochumer Exzellenzclusters RESOLV (Ruhr Explores Solvation). Mithilfe von Terahertz (Thz)-Spektroskopie konnte das Team die sofortige Kopplung zwischen der Nanoröhre und dem Wasser experimentell nachweisen.
„Wir konnten mit der THz-Spektroskopie herausfinden, wie die Reibung und die Energieabgabe ins Wasser nach einer Anregung von elektronischen Zuständen der Nanoröhre in Echtzeit erfolgen“, ordnet Martina Havenith, Sprecherin von RESOLV, die Ergebnisse ein. „Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie Solvatation – also die Wechselwirkung mit der Umgebung – physikalische Eigenschaften wie die Reibung dominiert. Diese Erkenntnis, dass wir über die elektronische Anregung im Festkörper die Reibung an der Grenzfläche zur Flüssigkeit steuern können, eröffnet völlig neue Wege in der Materialwissenschaft und Nanotechnologie.“
Die Entdeckung der lichtinduzierten Quantenreibung zeigt, dass die Grenzen zwischen Festkörperphysik und Flüssigkeiten auf der Nanoskala verschwimmen. Die Kontrolle dieser Reibung durch Licht bietet Potenzial für Anwendungen, bei denen Transportprozesse in kleinsten Dimensionen präzise gesteuert werden müssen.
Kooperationspartner
An den Arbeiten waren neben den Arbeitsgruppen der Ruhr-Universität Bochum auch Forschende des Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme IMS beteiligt.
Förderung
Die Arbeiten wurden durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Exzellenzclusters RESOLV gefördert.
wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Sebastian Kruss
Biophotonik und funktionale Materialien
Ruhr-Universität Bochum
E-Mail: ![]()
Prof. Dr. Marialore Sulpizi
Theoretische Physik / Grenzflächenphysik
Ruhr-Universität Bochum
E-Mail: ![]()
Prof. Dr. Martina Havenith
Lehrstuhl für Physikalische Chemie II
Ruhr-Universität Bochum
E-Mail:
Originalpublikation:
Tanuja Kistwal, Krishan Kanhaiya, Martina Havenith, Marialore Sulpizi, Sebastian Kruss et al.: Light-induced quantum friction of carbon nanotubes in water, in: Nature, 2026, DOI: 10.1038/s41586-026-10632-2, https://www.nature.com/articles/s41586-026-10632-2















