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Offener Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz: Dieses Bildungssystem funktioniert für Sie?

18.12.202510:16 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft

(openPR) Offener Brief
der Bildungswende JETZT!
an den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Herrn Friedrich Merz,
und die Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Frau Karin Prien

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
sehr geehrte Frau Bundesministerin,

Deutschland versteht sich als Bildungsnation. Darauf sind Sie in der ARD-Sondersendung „Arena – Ihre Fragen an Friedrich Merz“ ebenfalls eingegangen. Dieser Anspruch steht jedoch in einem immer offensichtlicheren Widerspruch zur Realität an Kitas, Schulen und anderen Ausbildungsorten. Die tatsächliche Lage des Bildungssystems ist geprägt von struktureller Überforderung, chronischem Mangel und wachsender Ungleichheit.

Das wirft eine zentrale Frage auf: Dieses Bildungssystem funktioniert für Sie gut?

Der Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen hängt in Deutschland in außergewöhnlich hohem Maße von der sozialen Herkunft ab. Wer in einem wohlhabenden, bildungsnahen Elternhaus aufwächst, hat deutlich bessere Chancen auf höhere Abschlüsse und stabile Bildungsbiografien. Wer in Armut lebt oder aus einem bildungsfernen Umfeld kommt, scheitert deutlich häufiger – nicht aus Mangel an Potenzial, sondern aufgrund systemischer Barrieren. Diese Ungleichheit ist kein neues Phänomen, sie ist seit Jahrzehnten empirisch belegt. Dass sie dennoch fortbesteht, ist kein Zufall, sondern Ausdruck politischer Prioritätensetzung.

Funktioniert eine Bildungsrepublik, in der Herkunft Zukunft bestimmt, für Sie gut?

Gleichzeitig verliert das System diejenigen, die es tragen sollen. Zehntausende Lehrkräfte verlassen jährlich den Schuldienst, viele davon endgültig. Besonders beunruhigend ist, dass zunehmend junge Lehrkräfte betroffen sind, die das System eigentlich langfristig stabilisieren sollten. Die Ursachen sind eindeutig: dauerhafte Überlastung, hohe emotionale Anforderungen, stetig wachsende Aufgaben jenseits des eigentlichen Bildungsauftrags und das Gefühl, mit diesen Anforderungen alleingelassen zu werden.

Lehrkräfte sollen Lernprozesse gestalten, soziale Defizite kompensieren, Integration leisten, Krisen auffangen, Verwaltungsaufgaben bewältigen und gleichzeitig Leistungsstandards sichern – in einem System, das ihnen dafür weder ausreichend Zeit noch Personal noch Ressourcen zur Verfügung stellt.

Funktioniert ein Bildungssystem, das auf dem Verschleiß seiner Fachkräfte basiert, für Sie gut?

Diese Situation verschärft den akuten Lehrkräftemangel weiter. Bundesweit fehlen bereits heute zehntausende Lehrkräfte. Unterricht fällt aus, wird fachfremd erteilt oder findet gar nicht statt. Pädagogische Kontinuität ist vielerorts nicht mehr gewährleistet. Die Qualität von Bildung wird damit zunehmend zur Frage des Wohnorts – und des Zufalls. Der Mangel wird verwaltet, nicht gelöst, und entwickelt sich so zum Dauerzustand.

Funktioniert eine Normalisierung des Mangels für Sie gut?

Die Folgen zeigen sich längst in den Kompetenzen der Schüler:innen. Ein wachsender Anteil verfehlt grundlegende Bildungsstandards, selbst beim Erwerb mittlerer Schulabschlüsse. Diese Entwicklung ist kein individuelles Versagen von Kindern oder Jugendlichen. Sie ist das Ergebnis fehlender politischer Priorisierung von Bildung.

Funktioniert es für Sie gut, wenn Mindeststandards zur Verhandlungssache werden?

Besonders deutlich wird das strukturelle Versagen auch im Bereich der Inklusion. Inklusion ist keine Aufgabe einzelner Schulformen, kein Spezialthema für Förderschulen und kein pädagogisches Zusatzprojekt. Inklusion ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Menschenrecht. Fehlende multiprofessionelle Teams, unzureichende räumliche Bedingungen und mangelnde personelle Unterstützung führen in unserem Bildungssystem jedoch dazu, dass Inklusion als zusätzliche Belastung erlebt wird. So wird ein menschenrechtlicher Anspruch in ein organisatorisches Problem umgedeutet.

Funktioniert das für Sie gut?

Hinzu kommen Lernbedingungen, die in vielen Fällen schlicht unwürdig sind. Marode Schulgebäude, defekte Sanitäranlagen, schlechte Raumluft, unzureichende Ausstattung und fehlende Rückzugsräume prägen den Alltag vieler Kinder und Jugendlicher. Dass Klassenräume dennoch oft mit Engagement und Wärme gestaltet sind, ist nicht Ergebnis staatlicher Verantwortung, sondern privater Investitionen von Lehrkräften.

Funktioniert ein Bildungssystem, das auf privater Selbstaufopferung beruht, für Sie gut?

Im europäischen Vergleich investiert Deutschland weiterhin unterdurchschnittlich in Bildung. Die Diskrepanz zwischen politischem Anspruch und finanzieller Realität ist eklatant. Die Konsequenzen tragen nicht abstrakte Systeme, sondern reale Menschen: Kinder, Jugendliche und pädagogisches Personal. Bildung wird so zum Sparposten mit Langzeitfolgen – gesellschaftlich, wirtschaftlich und demokratisch.

Funktioniert diese Prioritätensetzung für Sie gut?

Angesichts dieser Gesamtlage ist Ihre Aussage zum „gut funktionierenden Bildungssystem“ bei Menschen aus eben jenem System auf sehr große Verwunderung gestoßen. Können Sie uns und all diesen Menschen bitte erklären, was aus Ihrer Sicht am Bildungssystem gut funktioniert und was Sie dafür tun, dass es besser wird?

Wir freuen uns auf die Einladung zum nationalen Bildungsgipfel. Nicht als symbolisches Treffen, sondern als ernsthaften, verbindlichen Austausch zu möglichen Lösungen. Mit denen, die täglich in Kitas und Schulen arbeiten. Mit denen, die Bildung wissenschaftlich analysieren. Mit Kindern und Jugendlichen, Eltern und Gewerkschaften. Damit das Bildungssystem wirklich für alle gut funktioniert.

Die Bildungswende ist längst überfällig.
Was fehlt, ist nicht Wissen – sondern politischer Wille.

Mit verbindlichen Grüßen
Bildungswende JETZT!

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