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Warum die akademische Forschung an Tierversuchen festhält

11.11.202510:17 UhrPolitik, Recht & Gesellschaft
Bild: Warum die akademische Forschung an Tierversuchen festhält
Typische Mäuse-Haltung im Labor (© Ärzte gegen Tierversuche e.V.)
Typische Mäuse-Haltung im Labor (© Ärzte gegen Tierversuche e.V.)

(openPR) Nicht die Technik, sondern Strukturen und Anreizsysteme blockieren den Wandel

Obwohl moderne, tierversuchsfreie Forschungsmethoden längst vorhanden sind und in der regulatorischen Testung zunehmend Anwendung finden, bleibt der Einsatz von Tieren in der akademischen Forschung unverändert hoch. Eine Publikation der britischen Wissenschaftlerin Dr. Pandora Pound liefert nun eine Erklärung für diesen Stillstand: Er liegt nicht an der mangelnden Reife tierversuchsfreier Verfahren, sondern an tief verwurzelten sozialen und strukturellen Mechanismen innerhalb der Wissenschaft selbst. Wer auf tierversuchsfreie Verfahren umsteigt, riskiert Karriereeinbußen. Der bundesweite Verein Ärzte gegen Tierversuche fordert daher ein Umdenken.

Moderne, humanrelevante Forschungsmethoden – sogenannte New Approach Methodologies (NAMs) – wie Organoide, Organ-on-a-Chip-Systeme oder KI-gestützte Simulationen sind längst keine Zukunftsvision mehr. In der regulatorischen Sicherheitsbewertung von Chemikalien, Kosmetika und zunehmend auch Medikamenten werden sie bereits erfolgreich eingesetzt. Sowohl die US-amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) als auch die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) erkennen NAMs zunehmend an und fördern ihre Weiterentwicklung. Die Europäische Union will Anfang 2026 eine Roadmap zur tierversuchsfreien Sicherheitstestung veröffentlichen.

„Dass NAMs sich vor allem dort durchsetzen, wo höchste Sicherheitsstandards gelten, belegt eindeutig: Diese Methoden sind Tierversuchen überlegen und einsatzbereit – auch in der Grundlagenforschung“, erläutert Dr. Johanna Walter, wissenschaftliche Referentin bei Ärzte gegen Tierversuche. „Während Regulatoren und Industrie bereits umdenken, beharren große Teile der akademischen Welt jedoch auf der veralteten Methode Tierversuch.“

Nach Pounds Analyse liegen die Ursachen nicht in wissenschaftlichen oder technischen Hürden, sondern in den sozialen Strukturen und Belohnungssystemen der akademischen Welt. Unter Rückgriff auf die Theorien des französischen Soziologen Pierre Bourdieu zeigt sie, dass Wissenschaft als eigenes „soziales Feld“ funktioniert – mit festen Regeln, Hierarchien und Werten, die bestimmen, welche Forschung als „legitim“ gilt und welche nicht. So entsteht eine Kultur, in der Tierversuche als „normale“ Wissenschaft angesehen werden.

Ein zentraler Faktor ist dabei das wissenschaftliche „Kapital“, das den Status von Forschenden bestimmt:

  • Symbolisches Kapital steht für Anerkennung und Prestige – etwa durch Publikationen in angesehenen Fachzeitschriften.
  • Soziales Kapital beschreibt Netzwerke, Kooperationen und Zugehörigkeit zu einflussreichen Forschungsgruppen.
  • Ökonomisches Kapital umfasst materielle Ressourcen wie Fördergelder, Laborinfrastruktur und Geräte.

Tierversuche generieren all diese Kapitalformen bisher zuverlässig: Ergebnisse aus Tierversuchen werden noch immer bevorzugt publiziert, sichern den Zugang zu Fördermitteln und eröffnen einflussreiche Netzwerke. Wer sich davon abwendet, riskiert, aus dem System herauszufallen. Studien zeigen z.B., dass Gutachter wissenschaftlicher Zeitschriften immer wieder tierexperimentelle Daten als „Bestätigung“ verlangen – selbst dann, wenn die Forschung vollständig auf modernen, humanbasierten Methoden beruht. Aus Angst vor Ablehnung führen viele Forschende Tierversuche daher allein durch, um den Erwartungen zu entsprechen.

„Solange Publikations- und Fördersysteme Tierversuche belohnen, wird sich kaum jemand trauen, neue Wege zu gehen“, erklärt Walter. „Wir brauchen ein Wissenschaftssystem, das Innovationsgeist und Fortschritt honoriert – nicht Konformität und das Festhalten an überholten Methoden.“

Um den notwendigen Wandel zu ermöglichen, fordert Ärzte gegen Tierversuche gemeinsam mit Pound daher:

  • Reform der akademischen Bewertungssysteme: Forschungsleistungen sollten nach gesellschaftlicher Relevanz und Übertragbarkeit auf den Menschen bewertet werden, nicht nach Publikationszahlen.
  • Gezielte Förderung von NAMs: Staatliche und universitäre Förderprogramme müssen tierversuchsfreie Methoden bevorzugen.
  • Unterstützung des Umstiegs: Forschende müssen beim Umstieg auf NAMs durch Weiterbildung und finanzielle Förderung begleitet werden.
  • Strikte Umsetzung bestehender Gesetze: Der rechtlich verankerte Grundsatz, Tierversuche nur dann zuzulassen, wenn keine tierversuchsfreien Verfahren zur Verfügung stehen, muss endlich konsequent angewendet werden.

Für ÄgT ist eindeutig, dass wir an einem Wendepunkt stehen: Die Technik ist da – jetzt müssen Politik, Universitäten und Förderinstitutionen die Verantwortung übernehmen und den Wandel zu einer tierversuchsfreien Wissenschaft aktiv gestalten und fördern. Nur so kann sich die Forschung an der Realität des 21. Jahrhunderts orientieren – menschlich, modern und tierleidfrei.

Quelle:

Pound P. A sociological perspective on the challenges of displacing animal research within academia: the contribution of Bourdieu, NAM Journal 2025; 1: 100057

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  • Ärzte gegen Tierversuche e.V.
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