openPR Recherche & Suche
Presseinformation

Physiker entdecken versteckte Symmetrie exotischer Kristalle

07.02.202509:19 UhrWissenschaft, Forschung, Bildung
Bild: Physiker entdecken versteckte Symmetrie exotischer Kristalle

(openPR) Kristalle sind hochsymmetrisch, doch Quasikristallen fehlen wichtige Symmetrieeigenschaften. Diese Festkörper geben Physiker*innen Rätsel auf. Eine Forschungskollaboration zwischen dem Technion in Haifa, der Universität Duisburg-Essen und der Universität Stuttgart (4. Physikalisches Institut ), hat nun eines davon gelöst. Bei der Untersuchung kollektiver Elektronenschwingungen (Plasmonen) auf Goldoberflächen entdeckten die Wissenschaftler ein quasikristallines Muster. Angeregt durch frühere Plasmonen-Experimente suchten sie nach der fehlenden Symmetrie – und fanden sie im vierdimensionalen Raum. Die Ergebnisse haben sie jetzt im renommierten Magazin Science veröffentlicht. DOI: 10.1126/science.adt2495

Neue Ordnung im vierdimensionalen Raum

Fliesenleger mögen es regelmäßig: Es erleichtert die Arbeit, wenn das Muster der Kacheln symmetrisch ist. Symmetrisch bedeutet, dass das Muster mit sich selbst zur Deckung kommt, wenn man es um die Kantenlänge einer Fliese oder ein Vielfaches davon verschiebt. Doch es gibt auch Muster aus Kacheln, denen diese „Translationssymmetrie“ fehlt – eine Mischung aus Ordnung und Chaos. Ein Beispiel dafür ist das sogenannte Penrose-Parkett, das aus zweierlei rautenförmigen Kacheln besteht. In der Natur gibt es eine dreidimensionale Entsprechung: Quasikristalle, die zwar den Raum ausfüllen, aber keine Translationssymmetrie haben. Stuttgarter Physiker haben nun mit Kollegen des Technion in Haifa und der Universität Duisburg-Essen eine neue Art von Ordnung in einem Quasikristall entdeckt – diese existiert im vierdimensionalen Raum. Dies zeigt, dass höhere Raumdimensionen in der Physik von Quasikristallen eine reale Rolle spielen.

Skyrmionen: Wirbel mit dem Verhalten von Teilchen

Die Geschichte beginnt im Team von Professor Harald Giessen, das Oberflächenplasmonen untersuchte – kollektive Schwingungen von Elektronen auf einer Goldoberfläche, angeregt durch Laserlicht. Die Physiker gravierten nanometerdünne Kerben ins Gold, sodass sich die Plasmonen wie Wasserwellen überlagern und komplexe Muster entstehen. Mit speziellen Mikroskopieverfahren zeichneten sie diese Interferenzmuster auf, in Kooperation mit dem Team in Duisburg sogar deren zeitliche Entwicklung im Sub-Femtosekundenbereich, also im Bereich von Billiardsten Sekunden. An jedem Punkt der Oberfläche lassen sich die Größe und Richtung der elektrischen Felder – die „Feldvektoren“ – bestimmen. Diese bilden Wirbel, ähnlich wie Haarwirbel auf einem Kopf. Welche Ordnung zeigen solche Wirbel? Sie haben eine „topologische Ladung“. Die Topologie fragt nach Gemeinsamkeiten von Formen, zum Beispiel sind eine Tasse mit Henkel und ein Autoreifen topologisch äquivalent, weil sie je ein Loch besitzen und ineinander umgeformt werden können. Die topologische Ladung der Oberflächenplasmonen im Experiment beschreibt, wie oft Feldvektoren sich um das Zentrum des Wirbels drehen, wenn man einmal um den Wirbel herumläuft. Die topologische Ladung bleibt konstant, ist also eine stabile Symmetrieeigenschaft der Plasmonen. Die Forscher zeigten, dass diese die topologische Ordnung von sogenannten „Skyrmionen“ annehmen, eine Art von Wirbeln, die sich wie Teilchen verhalten.

Fünfzählige Symmetrie

„Dann hatte ich die Idee, die nanometerdünnen Kerben in Form eines Fünfecks anzuordnen", erzählt Giessen. Das ist ungewöhnlich, denn diese Symmetrie kommt in der Natur eigentlich nicht vor – zumindest nicht in gewöhnlichen Kristallen. Zur Überraschung der Forscher zeigten sich ähnliche Wirbelmuster wie zuvor. Die neuen Wirbel zeigten eine fünfzählige Symmetrie, die ein charakteristisches Merkmal von Quasikristallen ist. „Wir fragten uns, ob wir quasikristalline Skyrmionen gefunden haben", sagt Giessen. Doch das bestätigte sich nicht: Die Wirbel waren instabil und zeigten keine topologische Ladung. „Aus Frustration wollten wir schon aufgeben“, berichtet Giessen. Stattdessen tauschten sich die Forschenden mit Fachkollegen weltweit aus. Professor Guy Bartal und Shai Tsesses vom Technion in Haifa erkannten die Ähnlichkeit des Stuttgarter Plasmonen-Musters mit dem Penrose-Parkett. Dieses ist zwar in zwei Dimensionen unsymmetrisch. Doch der Physiker Dov Levine zeigte in den 1980er Jahren, dass es die Projektion eines symmetrischen vierdimensionalen Gitters ist, ähnlich wie der zweidimensionale Schatten eines dreidimensionalen Würfels. Die Symmetrie „versteckt“ sich also in einer höheren Dimension.

Mögliche Unterstützung für das Quantencomputing

Eine Hypothese besagt, dass Quasikristalle ebenfalls Projektionen von höherdimensionalen Gittern in den dreidimensionalen Raum sind, also auch eine versteckte Symmetrie aufweisen. Das brachte das Forscherteam um Giessen auf die Idee, die Suche nach der topologischen Ladung vom zweidimensionalen in den vierdimensionalen Raum zu verlagern. Tatsächlich wurden sie dort fündig: Sie fanden ein vierdimensionales Äquivalent zur topologischen Ladung, sogenannte topologische Ladungsvektoren. Die Physiker entdeckten somit, dass Quasikristalle tatsächlich symmetrische Eigenschaften haben, die mit höheren Raumdimensionen verknüpft sind. „Das ist ein faszinierendes Ergebnis der Grundlagenforschung“, sagt Giessen. Über Anwendungen könne man nur spekulieren. Doch topologische Materialeigenschaften sind stabil und könnten im Quantencomputing helfen, das mit instabilen Qubits kämpft. Dass sich diese Eigenschaften in höheren, unsichtbaren Dimensionen „verstecken“, könnte für sichere Informationsspeicherung oder Kommunikation relevant sein.

Förderung und Autoren

Die Forschung wurde vom Europäischen Forschungsrat (ERC), der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), der Baden-Württemberg-Stiftung, der Carl-Zeiss-Stiftung, dem Russell Berrie Nanotechnology Institute at the Technion (RBNI), dem Helen Diller Quantum Center at the Technion (HDQC) und dem Sarah and Moshe Zisapel Nanoelectronics Center at the Technion (MNFU) unterstützt. Neben Professor Guy Bartal und Shai Tsesses vom Technion in Haifa sind unter anderem Koautoren der Publikation: Professor Harald Giessen, Leiter des 4. Physikalischen Instituts der Universität Stuttgart, Professor Frank Meyer zu Heringdorf, Leiter des Interdisciplinary Center for Analytics on the Nanoscale (ICAN) der Universität Duisburg-Essen sowie Professor Tim Davis, Mercator-Fellow des Graduiertenkollegs GRK2642 der DFG von der Universität Melbourne.

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Harald Giessen, Universität Stuttgart, 4. Physikalisches Institut, Tel: +49 711 685-65111, E-Mail: E-Mail

Originalpublikation:
S. Tsesses, P. Dreher, D. Janoschka, A. Neuhaus, K. Cohen, T. Meiler, T. Bucher, S. Sapir, B. Frank, T. Davis, F. Meyer zu Heringdorf, H. Giessen, and G. Bartal:
Four-dimensional conserved topological charge vectors in plasmonic quasicrystals Science (2025). DOI: 10.1126/science.adt2495

Diese Pressemeldung wurde auf openPR veröffentlicht.

Verantwortlich für diese Pressemeldung:

News-ID: 1277028
 512

Kostenlose Online PR für alle

Jetzt Ihren Pressetext mit einem Klick auf openPR veröffentlichen

Jetzt gratis starten

Pressebericht „Physiker entdecken versteckte Symmetrie exotischer Kristalle“ bearbeiten oder mit dem "Super-PR-Sparpaket" stark hervorheben, zielgerichtet an Journalisten & Top50 Online-Portale verbreiten:

PM löschen PM ändern
Disclaimer: Für den obigen Pressetext inkl. etwaiger Bilder/ Videos ist ausschließlich der im Text angegebene Kontakt verantwortlich. Der Webseitenanbieter distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten Dritter und macht sich diese nicht zu eigen. Wenn Sie die obigen Informationen redaktionell nutzen möchten, so wenden Sie sich bitte an den obigen Pressekontakt. Bei einer Veröffentlichung bitten wir um ein Belegexemplar oder Quellenennung der URL.

Pressemitteilungen KOSTENLOS veröffentlichen und verbreiten mit openPR

Stellen Sie Ihre Medienmitteilung jetzt hier ein!

Jetzt gratis starten

Weitere Mitteilungen von idw - Informationsdienst Wissenschaft

Bild: VR, Robotik und Eye-Tracking: Innovations-Labor der DHBW VS bietet KI-Kompetenz und technologische Innovationskraft Bild: VR, Robotik und Eye-Tracking: Innovations-Labor der DHBW VS bietet KI-Kompetenz und technologische Innovationskraft
VR, Robotik und Eye-Tracking: Innovations-Labor der DHBW VS bietet KI-Kompetenz und technologische Innovationskraft
Das Innovations-Labor (Innolab) der DHBW Villingen-Schwenningen ist die zentrale Anlaufstelle für innovative Technologien und moderne Methodenkompetenz. Verantwortlich ist das Education Support Center (ESC), das als Dienstleister für Lehrende, Studierende und perspektivisch auch für Duale Partner agiert. Mit Technologien wie Virtual-Reality-Brillen, Robotik-Systemen und Eye-Tracking-Geräten schafft das ESC eine Infrastruktur, die Lehre, Forschung und Transfer gleichermaßen stärkt. „Studierende und Dozierende können die Leistungen des ESC in …
BreGoS² – Nachhaltigkeitsverbund der Bremischen Hochschulen geht in die nächste Runde
BreGoS² – Nachhaltigkeitsverbund der Bremischen Hochschulen geht in die nächste Runde
In der zweiten Förderphase soll unter dem Titel BreGoS² aus einem zeitlich befristeten Forschungsprojekt Schritt für Schritt eine tragfähige Struktur für mehr Nachhaltigkeit im Hochschulalltag werden. Beteiligt sind die Hochschule Bremen, die Hochschule Bremerhaven und die Universität Bremen. Gemeinsam vertiefen sie ihre Zusammenarbeit, um Lösungen zu entwickeln, die den Hochschulbetrieb langfristig nachhaltiger machen und zugleich Vorbild für andere Einrichtungen sein können. In der ersten Projektphase haben die beteiligten Hochschulen geze…

Das könnte Sie auch interessieren:

Bild: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte OrdnungBild: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung
Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung
… näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht. ---Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das ist …
Bild: Der Kristall, der Wolken zum Regnen bringtBild: Der Kristall, der Wolken zum Regnen bringt
Der Kristall, der Wolken zum Regnen bringt
… könnte helfen, gezielt neue Materialien zur Niederschlagserzeugung zu entwickeln.Die Oberflächenstruktur ist der Schlüssel zur Eisbildung„Silberiodid bildet hexagonale Strukturen mit derselben sechskantigen Symmetrie, die man auch von Schneeflocken kennt“, erklärt Jan Balajka vom Institut für Angewandte Physik der TU Wien. „Auch die Abstände zwischen …
Bild: Neuer Röntgenlaser ermöglicht Biochemikern das „Filmen“ dynamischer Prozesse im Nanometer-BereichBild: Neuer Röntgenlaser ermöglicht Biochemikern das „Filmen“ dynamischer Prozesse im Nanometer-Bereich
Neuer Röntgenlaser ermöglicht Biochemikern das „Filmen“ dynamischer Prozesse im Nanometer-Bereich
… Stanford/USA und nun am DESY gibt, können Röntgenstrahlung erzeugen, die etwa eine Milliarde Mal intensiver ist. Dadurch können zum einen wesentlich kleinere Proteinkristalle zur Strukturaufklärung genutzt werden, die einfacher zu erzeugen sind als die bisher benötigten großen Kristalle. Noch entscheidender aber ist, dass die gepulste Laserstrahlung …
Bild: Neue Methode zur Analyse von SupraleiternBild: Neue Methode zur Analyse von Supraleitern
Neue Methode zur Analyse von Supraleitern
… Supraleitern treten Elektronenpaare auf; welcher Mechanismus sie zusammenbindet, ist jedoch unbekannt. Eine Theorie besagt, dass Magnetismus die Grundlage sein könnte.Symmetrie der Wellenfunktion entscheidend Wissenschaftler messen die Elektronenpaarzustände in Supraleitern mit vielen verschiedenen Methoden. Basierend auf diesen Daten können sie auf …
Quantensimulationen vereinfachen – durch Symmetrie
Quantensimulationen vereinfachen – durch Symmetrie
… Rechenprozess herunterschrauben lassen, zeigen die beiden Physiker Guido Burkard und Joris Kattemölle von der Universität Konstanz für den Anwendungsfall einer Quantensimulation. Dabei nützen sie Symmetrie aus: Sie verwenden sich wiederholende Muster in den Quantensystemen, um die nötige Rechenleistung um den Faktor Tausend oder mehr zu verringern. Das Verfahren …
Neue Theorie zur Entstehung Dunkler Materie vorgestellt
Neue Theorie zur Entstehung Dunkler Materie vorgestellt
… Diese Instabilität stellt wiederum einen neuen Mechanismus dar, der die beobachtete Menge Dunkler Materie im Kosmos erklärt. Die Stabilität Dunkler Materie wird normalerweise mit einem Symmetrieprinzip erklärt. In ihrer Veröffentlichung zeigen Baker und Prof. Dr. Joachim Kopp dagegen, dass das Universum auch durch eine Phase gegangen sein könnte, in der …
Bild: Neuer ERC-Grant: Mit Quecksilber das Universum erklärenBild: Neuer ERC-Grant: Mit Quecksilber das Universum erklären
Neuer ERC-Grant: Mit Quecksilber das Universum erklären
Simon Stellmervon der TU Wien wird mit einem hochdotierten ERC Starting Grant ausgezeichnet. Er wird nun mit ultrakalten Quecksilber-Atomen fundamentale Symmetrien der Natur untersuchen. --- Warum gibt es überhaupt Materie im Universum? Die Frage ist bis heute nicht vollständig beantwortet. Unser Verständnis vom Urknall geht davon aus, dass damals genauso …
Forscherteam beseitigt Kammerflimmern in nanoporöser Gastrennmembran
Forscherteam beseitigt Kammerflimmern in nanoporöser Gastrennmembran
… außerdem der CO2-Ausstoß. Die Gastrennmembranen bestehen aus Metallorganischen Netzwerkverbindungen (engl. Metal-Organic Frameworks, kurz MOFs), d.h. aus einer dichten Schicht nanoporöser Kristalle. „MOFs haben durch ihre einstellbaren Porengrößen eigentlich optimale Eigenschaften, um Molekülgrößen zu sieben und z.B. auf Erdgasfeldern Propylen von Propan …
Sie lesen gerade: Physiker entdecken versteckte Symmetrie exotischer Kristalle